Opel Berichte

Opel Bochum: 17-stündige Betriebsversammlung und sechs Stunden selbständiger Streik

Opel Bochum: 17-stündige Betriebsversammlung und sechs Stunden selbständiger Streik
Vertreterinnen des Frauenkomitees "Basta!" und des Solidaritätskreises für den Kampf der Opelaner heute vor dem Werkstor (rf-foto)

10.09.13 (7 Uhr) - Die Nachtschicht übergab stolz und selbstbewusst den selbständigen Streik an die Frühschicht. Nur durch massiven Druck, Einschüchterung, Hetze und Betrug gelang es der Geschäftsleitung, dass dieser von der Frühschicht ab 7 Uhr nicht fortgesetzt wurde. Im Laufe des Tages wird auf "rf-news" eine Erklärung der MLPD zu der bedeutenden Kulmination des 9./10. Septembers veröffentlicht.

10.09.13 (6.30 Uhr) - Soeben erhielt "rf-news" eine aktuelle Ausgabe der bereits um 4 Uhr erschienenen Opel-Kollegen-Zeitung "Blitz". Sie kann hier heruntergeladen bzw. gelesen werden.

10.09.13 (2.30 Uhr) - Gegen 1 Uhr heute Nacht hat die Nachtschicht die offizielle Betriebsversammlung bei Opel in Bochum beendet. Die 500 bis 600 Kolleginnen und Kollegen stimmten über die Weiterführung des Streiks bis zur Übergabe an die Frühschicht ab. Annähernd 100 Prozent stimmten dafür - bei nur einer Gegenstimmme. Der Betriebsratsvorsitzende Rainer Einenkel erklärte, dass der offizielle Rahmen der Veranstaltung damit beendet ist und alles Weitere - auf der Grundlage dieser Abstimmung - in den Händen der Belegschaft liegt. Stündlich gibt es weitere Versammlungen mit offenem Mikrofon.

10.09.13 (0.00 Uhr) - Die Betriebsversammlung bei Opel in Bochum dauert nach über 15 Stunden um 23 Uhr weiter an. Es ist die längste Betriebsversammlung im Werk, alle Werke in Bochum einschließlich der Lehrwerkstatt stehen seit 8 Uhr still. Die Spätschicht wartete, bis die Nachtschicht weiterging. Die Nachtschicht ist praktisch vollständig da und setzt die Versammlung fort. Es gab die ganze Spätschicht durch eine lange Rednerliste. Neben kämpferischen Beiträgen gegen Abfindungen, für einen konsequenten Kampf für die Zukunft der Jugend, ein wirkliches Streikrecht, dem Verweis auf den Aufbau einer Streikkasse, zur Ablehnung der Unterordnung unter die Profitlogik von GM, gegen antikommunistische Ausgrenzung und Unterdrückung gibt es aber auch ellenlange Beiträge von Betriebsräte, die die Kapitulationslogik von GM vertreten (mit Verweis auf angeblich "rote Zahlen" in den Bilanzen). Den "Basta!"-Frauen wurde trotz der Zusicherung der Versammlung im Laufe des Abends der Eintritt am Tor weiter verwehrt. Viele Redner griffen das auf, die Mehrheit der Kollegen war nicht einverstanden, dass die Frauen nicht hereinkamen.

09.09.13 (20.30 Uhr) - Die Betriebsversammlung wird nach einer kurzen Pause seit 19 Uhr fortgesetzt. Zahlreiche Redner sind noch angemeldet. Es ist auch eine Delegation von der IGM-Vertrauenskörperleitung von ThyssenKrupp Duisburg dazu gestoßen und es wurde durchgesetzt, dass eine Delegation von Frauen des Frauenkomitees "Basta!" in die Versammlung kommen soll. Die Geschäftsleitung hat inzwischen die Versammlung verlassen, nach dem sie massiv in die Kritik geraten war. Sie wollte den Kollegen wegen der Abstimmung im Frühjahr die Schuld für die Stilllegung des Werkes in die Schuhe schieben und orientierte darauf, dass es jetzt darauf ankomme, Ersatzarbeitsplätze zu schaffen. Damit konnten sie den Arbeitern nicht kommen. Viele Kollegen wiesen dies zurück und attackierten die Geschäftsleitung. Es wurde auch die vorzeitige Schließung des Werks II angegriffen und dass man sich nicht mit Abfindungen und einer Transfergesellschaft abspeisen lassen kann. Sollten sich die Arbeiter entscheiden, über die ursprünglich für 24 Stunden angesetzte Versammlung hinweg den Streik weiter zu führen, können Sie sich auf die MLPD als ihre beste Verbündete verlassen.

09.09.13 (18 Uhr) - Seit heute morgen um 8.00 Uhr findet im Bochumer Opel-Werk eine Betriebsversammlung statt - sie wird mittlerweile während der Spätschicht fortgesetzt. Wie selten zuvor macht ihr gesamter Ablauf deutlich, welche Angst die Opel-Geschäftsleitung, aber auch die Betriebsratsspitze vor der wachsenden kämpferischen Richtung in der Belegschaft haben. In enger Absprache versuchen sie, durchorganisiert den Abgesang auf das von Schließung bedrohte Bochumer Werk zu inszenieren und geben dafür dem Wahlkampf für SPD und Linkspartei breiten Raum.

Bezeichnend heißt es in einem Kommentar von "Radio Bochum", dass die Gäste vor allem zu dem Zweck geladen waren, den Opelanern "im Kampf um die Abwicklung ihres Werks Mut zuzusprechen". Der Kampf wird aber nicht für die "Abwicklung", sondern gegen die Schließung des Werks und um jeden Arbeitsplatz geführt.

Während der Bochumer Spitzenkandidat der SPD, Axel Schäfer, mit seinem Wahlkampfmobil ganz offiziell aufs Werk durfte, genauso wie die Bochumer SPD-Oberbürgermeisterin Otilie Scholz, der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Ulrich Schneider, sowie eine Vertreterin der Linkspartei - wird rigoros unterbunden, dass kämpferische Kräfte zur Betriebsversammlung kommen, um ihre Solidarität zum Ausdruck zu bringen. Obwohl der Betriebsrat auf Betriebsversammlungen Hausrecht hat, wurde schon zuvor in ausdrücklicher Absprache mit der Geschäftsleitung eine Einladungsliste mit klaren Anweisungen erstellt, wer zu der angeblich "öffentlichen" Betriebsversammlung zugelassen wird und wer nicht. Wörtlich war darauf vermerkt: "Keine Vertreter von 'Basta!' und MLPD zulassen!"

Dazu passte der Inhalt der gehaltenen offiziellen Reden. So gut wie kein geladener Redner oder Vertreter der Betriebsratsspitze ging wirklich auf die Notwendigkeit des Kampfs ein. Statt dessen wurde ausführlich über die Abwicklung des Werks gesprochen, über die Einrichtung einer Transfergesellschaft, Abfindungen usw. Der Werksleiter forderte allen Ernstes die Opelaner auf, jetzt "gut zu arbeiten" und kritisierte nochmals die Ablehnung des Erpresservertrags durch die Mehrheit der Belegschaft.

Obwohl sie sich offiziell angemeldet hatten, wurde dagegen der Bochumer Direktkandidatin der MLPD, Vesna Buljevic, der Zutritt verweigert, ebenso Peter Weispfenning, Direktkandidat aus Herne, Gabi Gärtner, Platz 2 auf der Landesliste NRW der MLPD, vier "Basta!"-Frauen und einer Vertreterin des Solidaritätskreises für den Kampf der Opelaner. Auch eine Delegation vom Daimler-Werk Düsseldorf und Bergleute von der IGBCE durften nicht rein. Nicht einmal Pressevertreter waren dieses Mal vors Tor geladen, offenbar um jede kritische Berichterstattung von vornherein auszuschließen.

Anders die Opelaner selbst: als die Aussprache begonnen hatte, kamen Kolleginnen und Kollegen aus der Betriebsversammlung direkt ans Tor und luden die vor dem Werkstor Wartenden ein, mit reinzukommen. Die sieben anwesenden Frauen gingen kurzentschlossen mit und waren schon fast bei der Halle angelangt, als zwei Autos mit Werksschützern kamen. Sie beschimpften die Frauen, wurden unter Leitung des Verantwortlichen des Werksschutzes übelst aggressiv und handgreiflich und drohten mit Anzeige wegen Hausfriedensbruch. Mit Begleitschutz durch Autos und Werkschützer wurden die sieben Frauen schließlich aus dem Werk gebracht. Dort verabschiedeten sie umgehend eine gemeinsame Protesterklärung.

Auf der Betriebsversammlung gab es ebenfalls Proteste, nachdem dies bekannt wurde. Um 11.30 Uhr berichtete der Vertrauensmann Rainer Weinmann in einem Telefon-Interview mit "rf-news": "Es sind unter anderem Delegationen von Johnson Control und DEMAG da, die ihre Solidarität zum Ausdruck bringen. Es gab einen Beitrag des stellvertretenden Leiters des IGM-Vertrauenskörpers, dass der Werkschutz handgreiflich wurde gegenüber den Bundestagskandidatinnen der MLPD und gegen 'Basta!'-Frauen. Als er forderte, dass der Betriebsrat dagegen sein Hausrecht durchzusetzen soll, applaudierten viele Kollegen."

Der Vorfall wurde während der Aussprache in der Frühschicht intensiv kritisiert. Der Betriebsratsvorsitzende Rainer Einenkel bekam keinerlei Beifall für seine Hetze gegen "Leute, die bundesweit irgendwelche Flugblätter verteilen". Zum Schichtwechsel brachte die MLPD vor dem Tor ihre Solidarität zum Ausdruck und protestierte ebenfalls gegen diese Ausgrenzung.

Diese Vorgänge werfen ein Schlaglicht darauf, wie die Diktatur der Monopole funktioniert. Sie zeigt aber auch die Panik, die die Geschäftsleitung zunehmend befällt. So gibt es offenbar Aufträge, das Werk unter anderem nach Aufklebern der MLPD zu durchforsten!

Die Bevölkerung im Ruhrgebiet, andere Belegschaften und kämpferische Bewegungen sind jetzt erst recht herausgefordert, den Kampf der Opelaner zu ihrer Sache zu machen, sich solidarisch zu erklären und Spenden zu sammeln: "Ein Stundenlohn für die Streikkasse der Opelaner". Die Zeit für einen selbständigen Streik ist gerade jetzt mitten im Bundestagswahlkampf günstig. Jetzt müssen alle Politiker Farbe bekennen.

Die beste Zukunftssicherung der Opelaner ist, diese selbst in die Hand zu nehmen, in aller Härte um das Werk und jeden Arbeitsplatz zu kämpfen. Man darf gespannt sein, wie die Belegschaftsversammlung weiter verlaufen wird - "rf-news" und die Druckausgabe der "Roten Fahne" werden weiter darüber berichten.