Betrieb und Gewerkschaft

Hunderttausende streiken im öffentlichen Dienst bei kämpferisch-optimistischer Stimmung

Hunderttausende streiken im öffentlichen Dienst bei kämpferisch-optimistischer Stimmung
Ver.di-Warnstreik im Bezirk Siegen-Olpe (foto: ver.di)

28.03.14 - Allein die Lufthansa musste gestern in Frankfurt/Main fast 600 Flüge und damit nahezu jede dritte geplante Verbindung streichen. Bis Ende der Frühschicht gegen 14 Uhr war auch der Flugbetrieb in München, Köln-Bonn, Düsseldorf, Hamburg, Hannover und Stuttgart nur eingeschränkt möglich. Wie schon in den Tagen zuvor erfasste die Streikwelle aber auch zahlreiche andere Bereiche des öffentlichen Dienstes. In Bayern kamen am Mittwoch 8.500 in Nürnberg, in München 5.500 Beschäftigte zu Kundgebungen. Rund 8.000 Gewerkschafter tanzten bei der Stuttgarter Kundgebung den "Happy Strike Dance" und sorgten so für gute Stimmung, berichtet ein Korrespondent aus Stuttgart.

Gestern beteiligten sich erneut weit über hunderttausend Beschäftigte in zehn Bundesländern an den Warnstreiks. In Berlin legten unter anderem Pfleger und Schwestern bei Vivantes sowie die Beschäftigten der Bäder und der Stadtreinigung vormittags die Arbeit nieder. Am Tiergarten kamen über 2.000 Streikende zu einer Kundgebung. In Frankfurt/Main gab es gestern um 9 Uhr einen großen Streikzug mit etwa 2.500 Streikteilnehmern. Aus Dresden wird berichtet, dass über 12.000 Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter aus Leipzig, Zwickau, Bautzen, Dresden und Umgebung bei strahlendem Sonnenschein und hervorragender Stimmung durch die Stadt demonstrierten.

ver.di fordert für die 2,1 Millionen Beschäftigten im Öffentlichen Dienst bei den Kommunen und beim Bund eine Erhöhung der Löhne um 100 Euro monatlich plus 3,5 Prozent. Sehr wichtig für den Zusammenhalt von Jung und Alt ist die Forderung nach "unbefristeter Übernahme aller Auszubildenden". Auch ihr Lohn soll um 100 Euro steigen. "rf-news" fragte Günter Isemeyer, den Pressesprecher von ver.di Nordrhein-Westfalen, wie er die aktuelle Entwicklung beurteilt.

Günther Isemeyer: "An den Warnstreiks beteiligen sich gestern etwa 60.000 Beschäftigte in Nordrhein-Westfalen. Das zeigt den Willen, deutlich den Druck zu erhöhen. In den meisten Fällen sind die Streiks für 24 Stunden geplant. Der Nahverkehr ist weitestgehend zum Erliegen gekommen, das betrifft alle Landesteile. Darüber hinaus gibt es Ausstände in allen anderen Bereichen der öffentlichen Dienstleistungen. Wir hatten gestern vier große Demonstrationen und Kundgebungen in Dortmund, Köln, Duisburg und Bielefeld."

"rf-news": "In der Presse wird häufiger von empörten Pendlern berichtet. Was hat es damit auf sich?"

Günther Isemeyer: "Es ist vielmehr so, dass es eine große Solidarität in der Bevölkerung gibt. Wir haben da wenig Beschwerden. Klar, wenn jemand direkt betroffen ist, dass er nicht fliegen kann, dann ist das nicht angenehm. Aber sehr viele äußern trotzdem Verständnis. Das sieht man auch bei den elektronischen Umfragen, die kommen zu dem selben Ergebnis."

"rf-news": "Und wie ist die Stimmung unter den Streikenden?"

Günther Isemeyer: "Sie wollen ein deutliches Zeichen setzen in Hinblick auf die nächsten Tarifverhandlungen Anfang kommender Woche. Natürlich sind Kompromisse nötig. Aber man muss sehen, wie weit man da kommt. Der Kern der Forderungen muss erfüllt sein, sonst würde man ja nicht streiken."

"rf-news": "ver.di wird auch vorgeworfen, nicht die 'Verhältnismäßigkeit der Mittel' zu wahren?"

Günther Isemeyer: "Die Mittel richten sich doch auch danach, wie sich die Gegenseite verhält. Bis jetzt hat sie noch kein Angebot vorgelegt. Deshalb müssen wir richtig Druck ausüben bis zu den nächsten Verhandlungen. Die Streikenden wollen ein deutliches Zeichen setzen. Wenn es zu keinem Ergebnis kommt, wäre die Alternative Schlichtung und gegebenenfalls Urabstimmung über einen unbefristeter Streik. Wir wollen, dass die Menschen davon möglichst wenig betroffen sind. Wir streiken ja nicht gegen die Bevölkerung. Aber wir sind natürlich in der Lage auch mehr zu machen."

Ein flächendeckender, unbefristeter Streik zur vollen Durchsetzung der Forderungen wäre allerdings auch ein wichtiges Signal für die Beschäftigten in anderen Bereichen, gemeinsam den Kampf für ihre Interessen aufzunehmen.