International

"Die Sherpas sind das Rückgrat der Mount-Everest-Expeditionen"

"Die Sherpas sind das Rückgrat der Mount-Everest-Expeditionen"
Trauer um den Vater, der am Mount Everest in einer Lawine starb. Foto vom Bildschirm.

20.04.14 - Bei dem schweren Lawinenunglück am Mount Everest kamen am Karfreitag mindestens 13 nepalesische Bergführer ums Leben. Einige werden noch vermisst. In den Familien der Sherpas herrscht tiefe Trauer. Die meisten Verunglückten waren junge Männer, vielfach Familienväter. Die Gruppe von rund 25 Bergführern arbeitete für verschiedene Agenturen am Berg, um die Aufstiegssaison, die jetzt beginnt, vorzubereiten. Ein Teil von ihnen fixierte Kletterseile, als die Lawine am Freitagmorgen auf einem schmalen Kletterpfad abging. Wie jetzt bekannt wurde, arbeiteten fünf der verunglückten Männer für den britischen TV-Sender NBC. Sie schleppten die Ausrüstung für ein Drehteam, das für eine Dokureihe unterwegs war. Ein Extremsportler sollte zum Finale der Reihe mit einem Wingsuit (Flügelanzug) vom Berg springen. Aus dem Drehteam wurde niemand verletzt, die fünf Bergführer und Lastenträger starben in den Schneemassen. "NBC teilte mit, dass alle sieben NBC-Mitarbeiter sicher und unverletzt sind. Alle Opfer sind Sherpas, nach jetzigem Stand" meldet die BILD-Zeitung – in einem Ton, als ob es sich bei den Sherpas nicht um Menschen handelte! Sie starben für einen durch und durch dekadenten Auswuchs des Bergtourismus, für Nervenkitzel und Einschaltquoten.

Der Bergsportler Reinhold Messner verurteilte nach dem Unglück die Entwicklung des Everest-Tourismus, der immer mehr auf Kosten der nepalesischen Bergführer und der Natur vonstatten geht. "Beim Pistenbau sind die Sherpas wochenlang im Gefahrengebiet. Wo es steil ist, stellen sie Leitern auf. Wo Spalten zu überwinden sind, bauen sie Brücken. Das alles, damit die Touristen in zehn Minuten wieder aus der gefährlichen Zone raus sind." Hunderte Bergsteiger versuchen jedes Jahr mit Hilfe der örtlichen Führer den Aufstieg auf den höchsten Berg der Welt (8848 Meter).

Sicher sind unter den Everest-Touristen hervorragende Bergsteiger mit einem sportlichen Ehrgeiz, die sich gegenüber der einheimischen Bevölkerung anständig benehmen und das überragende Können der Sherpas im Himalaya respektieren. Aber dekadente Entwicklungen verstärken sich. Fragwürdige Rekorde wie eine Hochzeit auf dem Gipfel, Expeditionen ohne Seil und Sauerstoff, Videodrehs und vor allem Teilnahme ungeübter und überforderter Leute, die die nötigen Devisen mitbringen, sind eine große und völlig unnötige Gefahr für andere Bergsteiger und vor allem für die einheimischen Helfer und Führer. Fast jeder, der eine Spitzenausrüstung und Hilfe beim Tragen bezahlen kann, kann heutzutage den Gipfel stürmen. Alpinisten zahlen 70.000 Euro und mehr, um ganz nach oben geführt zu werden.

Der Gipfel des Mount-Everest ist zudem die höchste Müllhalde der Welt. 600 Tonnen Müll lagern dort. Im Sommer 2013 – dem Jubiläumsjahr der Everest-Erstbesteigung durch Edmund Hillary und Tenzing Norgay – wehrte sich eine Gruppe Sherpas gegen Übergriffe eines schweizerischen Bergsteigerteams, das sich nicht an Sicherheitsanweisungen der einheimischen Führer halten wollte. Seither erlaubt die nepalesische Regierung nur noch Rekordversuche, die "direkt mit Bergsteigen verbunden" sind.

Der Everest-Tourismus hat für Nepal eine immer noch wachsende wirtschaftliche Bedeutung. Für kommerzielle Anbieter präparieren die Sherpas Aufstiegsrouten und verdienen damit den Lebensunterhalt für sich und ihre Familien. Ein Sprecher der Sherpas – übrigens ist "Sherpa" der Name einer seit Jahrhunderten im Himalaya lebenden Bevölkerungsgruppe – prangerte gestern die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen an: "Wir warnen immer wieder, dass man bei bestimmten Wetterlagen nicht aufsteigen soll. Unsere Warnungen werden in den Wind geschlagen. Manche von uns werden gegen ihren Willen gezwungen, aufzusteigen. Die Regierung verdient Millionen mit dem Tourismus. Unsere Rufe nach Verbesserung der sozialen Sicherheit der Sherpas verhallen immer wieder ungehört. Die Sherpas sind das Rückgrat der Mount-Everest-Expeditionen. Wir riskieren unser Leben. Wir fordern, dass die Familien der Verunglückten unverzüglich staatliche Hilfen bekommen und dass wir in der Zukunft besser abgesichert werden" ("The Himalayan" vom 19. April 2014).