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Brasilien: Armenaufstände in Rio

Brasilien: Armenaufstände in Rio
Polizeihubschrauber über einer Favela in Rio de Janeiro foto: Agencia Brasil

24.04.14 - Sieben Wochen vor dem Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien haben in Rio de Janeiro nahe der Copacabana - dem Strand der Wohlhabenden und Touristen - Bewohner der nur drei Straßenzüge entfernten Favela (Armenviertel) Pavão-Pavãozinho gegen Polizeiwillkür revoltiert. Auslöser war die Ermordung des in den Slums besonders bei Jugendlichen sehr beliebten Tänzers Douglas Rafael da Silva Pereira durch Polizisten. Pereira war am Montag in eine Schießerei zwischen Drogendealern und Polizisten geraten. Letztere hatten ihn ergriffen und zu Tode geprügelt.

Als sich die Nachricht von seinem Tod am späten Nachmittag verbreitete, entflammte der Aufruhr. Tausende stürmten auf die prunkvollen Hauptstraßen, bauten Barrikaden aus Autoreifen und zündeten sie an, wenn Polizei anrückte. Das Gebiet entlang der Copacabana wurde stundenlang gesperrt und den Anwohnern der Strom abgestellt. Dann rückte die mit Maschinengewehren ausgerüstete Elitepolizei Bop an und eröffnete das Feuer. Ein 27-Jähriger, der an der Revolte beteiligt war, wurde am Kopf getroffen und starb später im Krankenhaus.

Bis spät in die Nacht waren Schüsse zu hören. Mit den jetzt aufflammenden Protesten ist das brutale „Sicherheits“-Konzept der Regierung zur Fußball-WM des Bundesstaates von Rio de Janeiro gescheitert. Um Unruhen bei der Vorbereitung der Fußball-WM im Keim zu ersticken, hatte sie schon seit 2008 massiv Polizeitruppen aufgestockt und 39 Favelas von Rio praktisch militärisch besetzt, einige sogar durch die Armee. Das sollte die Slum-Bewohner von den Reichen und den WM-Touristen fern halten. „Pazifikation“ (Befriedung) nennt die Regierung von Rio das.

Sie versprach zugleich, Kinderkrippen und Schulen, Sanitätseinrichtungen und günstige Wohnungen einzurichten. Auch eine Kanalisation und eine regelmäßige Müllabfuhr sollte es geben. Nichts davon ist eingehalten worden. Zugleich werden aber bis zu 20 Milliarden Euro für Stadien und Infrastruktur-Maßnahmen ausgeben.

Nicht nur in Pavão-Pavãozinho toben deshalb Massenproteste. Am Wochenende waren in Niteroi, einer anderen Stadt am Meer, zwei Jugendliche nach Polizeiaktionen ums Leben gekommen, kurz darauf brannten auch dort Busse und Autos.

Für das internationale Finanzkapital und entsprechende Baukonzerne sind dagegen sportliche Groß-Projekte wie die Fußball-WM - bei denen auch Eisenbahnlinien, Flughäfen, Straßen und Hotels aus dem Boden gestampft werden - eine risikolose Möglichkeit, ihr überschüssig angehäuftes Kapital profitbringend zu investieren auf Kosten der Steuerzahler und zu Lasten sozialer Einrichtungen.

Unzählige Übergriffe von Polizisten gegen die arme Bevölkerung hat es seit der „Pazifikation“ gegeben. Mit Stoßtrupps dringen die Polizeieinheiten immer wieder in die Favelas ein. Nicht selten schießen sie wahllos um sich, schlagen auf die Bewohner ein, treten ihre Türen ein und berauben sie.

Die Polizei untersteht einer eigenen Justiz, die Verbrechen und Übergriffe der Polizei in der Regel reinwäscht. Und die Regierung gibt ihr immer neue Rechte, gegen Streikende und Demonstrierende gewaltsam vorzugehen.

Bei der deutschen Regierung kein Grund zur Besorgnis. Es gebe ein "sehr großes Vertrauen in unseren brasilianischen Partner, dass sich alle an dem Fest des Sportes erfreuen können, und zwar in der gebotenen Sicherheit", sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes am Mittwoch in Berlin.