Umwelt

Bundesregierung finanziert Forschung für neue Atomreaktoren

Bundesregierung finanziert Forschung für neue Atomreaktoren
Kernforschungsanlage Jülich (foto: maurice van brüggen / wikipedia)

05.05.14 - Fast drei Jahre nach dem Bundestagsbeschluss zum Ausstieg aus der Atomenergie finanzieren der Bund und das Land NRW weiterhin die Erprobung der Reaktor-Technologie im Forschungszentrum Jülich. Auf eine sogenannte Kleine Anfrage von Grünen-Bundestagsabgeordneten heißt es in der Antwort der Bundesregierung: „Die aktuellen Experimente in diesen bestehenden Versuchsanlagen werden seit 2012 über das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) geförderte Projekt TARGET finanziert.“ Demnach zahlt SPD-Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) neben den laufen monatlichen Betriebskosten des Forschungszentrums von 1,3 Millionen Euro nochmals eine gute halbe Million Euro bis Mitte 2015 für das spezielle Forschungsprojekt. Es läuft unter den Deckmantel „Forschung zur Reaktorsicherheit“.

Offener ist allerdings der Institutsleiter Professor Hans-Josef Allelein, der 2013 in einem öffentlichen Vortrag ausplauderte, dass es um den Bau neuer Reaktoren geht: „Wir haben die entsprechenden Rechnungsprogramme und die entwickeln wir auch weiter, stellen diese Interessenten zur Verfügung. Wir haben da weltweites Interesse: Vor allem die Chinesen sind interessiert. Die bauen ja zurzeit einen solchen Kugelhaufenreaktor und die nutzen dann auch unsere Expertisen.“

In der Kernforschungsanlage Jülich (zwischen Köln und Aachen gelegen und bereits 1990 umbenannt in Forschungszentrum Jülich) sind heute über 5.300 Mitarbeiter beschäftigt. Seit dem Jahre 1967 wird in Jülich an einem sogenannten „Kugelhaufen- bzw. Hochtemperaturreaktor“ geforscht. Bis heute wird behauptet, dass er die Gefahr einer Kernschmelze (Super-GAU) wie in Tschernobyl oder Fukushima ausschließt. Das wurde bereits am 13. Mai 1978 - vor den Atomkatastrophen von Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011) - endgültig widerlegt, als nach einem Leck im Dampferzeuger Kühlwasser in den Reaktor eingedrungen war. Nur durch einen Zufall entging damals Jülich einem Super-GAU mit Tschernobyl-Ausmaß. Die Beinahe-Katastrophe sowie zahlreiche weitere Störfälle wurden systematisch vertuscht und heruntergespielt.

Bereits im Jahre 2008 hatte Rainer Moormann, ehemaliger Sicherheitsforscher in der Jülicher Versuchsanlage, die Beinahe-Katastrophe publik gemacht. Aber erst nach mehr als 20 Jahren setzte 2011 das Bundesumweltministerium nach zunehmendem öffentlichen Druck eine Expertengruppe zur Untersuchung der Beinah-Katastrophe ein, die letzte Woche in ihrem Abschlussbericht den Störfall bestätigen musste. Abgeschaltet wurde der Versuchsreaktor erst zehn Jahre nach dem Störfall. Es ist heute noch „die am stärksten mit Betastrahlen wie Strontium 90 verseuchte Nuklearanlage der Welt“, räumt selbst das Forschungszentrum ein.

Nach Einschätzung von Rainer Moormann hat das dabei ausgetretene Kühlwasser außerdem zu der in Westeuropa höchsten radioaktiv kontaminierten Verseuchung von Boden und Grundwasser unter dem Reaktor geführt. Trotzdem kommt die Expertengruppe zu der unfassbaren Aussage, dass bei dem untersuchten Störfall von 1978 keinerlei Gefahren für Umwelt und Menschen bestanden hätten. Tatsache ist zum Beispiel, dass 1990 in den Städten und Dörfern um Jülich eine siebzehnfach höhere Rate als im Bundesdurchschnitt von Leukämie bei Kindern registriert wurde.

Ein so genannter Rückbau des stillgelegten Reaktors und der damit anfallende „heiße Müll“ ist derzeit undurchführbar. Über das weitere Vorgehen herrscht laut Moormann völlige Ratlosigkeit. Sofortiger Stopp der Finanzierung der Reaktorforschung durch Bund und Land. Die sofortige Stilllegung aller Atomanlagen weltweit kann und muss durch einen internationalen, massenhaften aktiven Widerstand durchgesetzt werden.