International

Wachstumswende im Kapitalismus?

Wachstumswende im Kapitalismus?
„Prof. Dr. Niko Paech“ von Marcus Sümnick - Eigenes Werk. Lizenziert unter Creative Commons Attribution 3.0 über Wikimedia Commons

03.09.14 - Gegenwärtig findet noch bis zum kommenden Samstag die "Vierte Internationale Degrowth-Konferenz für ökologische Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit" in Leipzig statt. "Degrowth" bedeutet so viel "Wachstumswende". Ansatzpunkt der Veranstalter ist die wachsende Kritik an der steigenden Ausbeutung und Verarmung der Massen und dem rücksichtslosen Verbrauch der natürlichen Ressourcen für die "Droge" des ständig steigenden Wirtschaftswachstums. Die Veranstaltung ist mit 2.500 Teilnehmern gut besucht und schon seit Wochen ausverkauft. Das zeigt das große Interesse an Produktion und Konsumtion einer zukünftigen Gesellschaft, die keine Ausbeutung kennt und auf die Einheit von Mensch und Natur ausgerichtet ist.

Die Veranstalter behandeln die soziale und ökologische Frage als Einheit und versprechen, "unsere geltenden Paradigmen von Grund auf zu hinterfragen, darüber hinaus zu gehen und bewusst neue Strukturen zu schaffen, die ein gutes Leben für alle innerhalb der gegebenen natürlichen Grenzen ermöglichen." So Christiane Kliemann, Mitglied im Degrowth-Organisationsteam.

Ein gesellschaftlicher Paradigmenwechsel (Paradigma = Leitlinie) ist angesichts der rücksichtslosen Überausbeutung von Mensch und Natur dringend notwendig. Aber ist das unter kapitalistischen Bedingungen überhaupt möglich? Die führenden Köpfe von Degrowth jedenfalls bejahen das oder lassen diese Frage im Dunkeln.

So stellt sich Niko Paech, Professor für Produktion und Umwelt in Oldenburg, vor, dass das Wirtschaftswachstum durch den "Abschied von industrieller Bequemlichkeit" rückgebaut wird. Durch Arbeitszeitverkürzung werde es möglich, "ergänzende Formen der Selbstversorgung zu praktizieren, etwa Nahrung selbst anzubauen, Güter gemeinschaftlich zu nutzen oder Dinge zu reparieren (…)".

Eine Avantgarde "könnte vorführen, wie man mit weniger Geld, Markt, Banken, ohne Renditewirtschaft und mit weniger Wohlfahrtsstaat leben kann" (N. Paech, taz.de).

Grundlinie ist also, dass die Massen durch Änderung ihres Konsumverhaltens den auf Wachstum ausgerichteten Kapitalismus verändern und überwinden sollen. Die finanziell und ressourcenmäßig einigermaßen gut ausgestatteten Professoren gehen dabei der "konsumabhängigen" Masse (N. Paech) voran.
"Wirtschaftswachstum" ist aber nur ein anderer Begriff für dafür, ein ununterbrochenes Wachstum des Kapitals zu sichern und dazu die Ausbeutung von Mensch und Natur zu steigern. Die sinkende Profitrate kann nur durch eine Ausweitung der Profitmasse zeitweise ausgeglichen werden. Das ist ein Gesetz des Kapitalismus, ohne das er nicht existieren kann. Diese Gesetzmäßigkeit kann nicht durch persönliches Verhalten außer Kraft gesetzt werden.

"Erst die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln und an der Natur ermöglicht die Überwindung der Anarchie der kapitalistischen Warenproduktion mit ihrem Zwang, ein ununterbrochenes Wachstum des Kapitals zu sichern und dazu die Ausbeutung von Mensch und Natur zu steigern. Erst die Aufhebung der am Tauschwert und am Profit ausgerichteten kapitalistischen Warenproduktion ermöglicht es, eine auf
die Erzeugung von Gebrauchswerten und auf Lebensqualität ausgerichtete sozialistische Planwirtschaft zu schaffen",
schreibt Stefan Engel in seinem aktuellen Buch "Katastrophenalarm!"

So notwendig ein Paradigmenwechsel, so förderungswürdig heute ein auf die Einheit von Mensch und Natur gerichtetes persönliches Verhalten ist – so unbestreitbar ist es auch, dass dieser Paradigmenwechsel eine sozialistische Gesellschaft erfordert, in der die Einheit von Mensch und Natur das Gesetz des Handelns bestimmt. Im Abschnitt über den notwendige Paradigmenwechsel in der sozialistischen Gesellschaft schreibt Stefan Engel: "Die kapitalistische Produktion und Konsumtion hat zu drastischen Fehlentwicklungen im Verhältnis der Menschen zur Natur geführt, zu einer Deformation der Produktions- und Lebensweise, die nach dem Sieg der internationalen sozialistischen Revolution über längere Zeit korrigiert und neu ausgerichtet werden müssen."