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Werden die Ermittlungen um das Oktoberfestattentat wieder aufgenommen?

Werden die Ermittlungen um das Oktoberfestattentat wieder aufgenommen?

Zerstörter Hauptbahnhof von Bologna nach dem Bombenanschlag 1980 (von Beppe Briguglio, Patrizia Pulga, Medardo Pedrini, Marco Vaccari - www.stragi.it/. Lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 über Wikimedia Commons)

08.09.14 - Bei dem neofaschistischen Anschlag auf das Münchner Oktoberfest am 26. September 1980 kamen zwölf Menschen und der Bombenleger Gundolf Köhler ums Leben, 200 Wiesnbesucher wurden zum Teil lebensgefährlich verletzt. Seit Jahren häufen sich Indizien, die die Einzeltäter-These der Ermittler in Frage stellen bzw. widerlegen ("rf-news" berichtete mehrfach, u.a. am 27.09.2010). Nachweislich war Köhler Mitglied der neofaschistischen "Wehrsportgruppe Hoffmann", was die offiziellen Ermittler jedoch nie zugegeben haben. 2005 äußerte der Schweizer Historiker Daniele Ganser den Verdacht, die deutsche Abteilung der NATO-Geheimarmee GLADIO könne ebenfalls verstrickt sein. Möglicherweise hat die Wehrsportgruppe Hoffmann Sprengstoff für das Attentat aus deren Waffendepots bezogen. Auch dieser Spur gingen die Ermittler nicht nach.

Der Münchner Rechtsanwalt Werner Dietrich will nun bei der Generalbundesanwaltschaft und beim Bundesjustizministerium beantragen, die Ermittlungen wieder aufzunehmen. Aktueller Anlass ist, dass sich vor kurzem der Zeuge Ramin A. bei ihm meldete. Sein Name steht auf der offiziellen Liste der Verletzten. Er stand in unmittelbarer Nähe des Explosionsortes, leistete mehreren Schwerverletzten erste Hilfe und trug - körperlich unversehrt - eine bis heute andauernde posttraumatische Belastungsstörung davon. Ramin A. gibt an, dass ihm kurz vor der Explosion mehrere Männer in Köhlers Umgebung aufgefallen seien. Erst sechs Wochen nach dem Attentat wird Ramin A. von einem Ermittler befragt. Das Gespräch dauert nur fünf Minuten. Für seine Beobachtungen interessierte sich der Beamte ausdrücklich nicht.

Wie bei den Ermittlungen über die neofaschistische Mörderbande um Beate Zschäpe werden immer neue Versäumnisse, ein hanebüchener Umgang mit Zeugen und Akten aufgedeckt. Im Frühjahr 2014 kamen Akten ans Tageslicht, die bis dahin vom Bayerischen Landeskriminalamt unter Verschluss gehalten worden waren. Hier ist die sogenannte "Spur 253" dokumentiert: Bereits einen Tag nach dem Attentat sagten inhaftierte Mitglieder der neofaschistischen "Deutschen Aktionsgruppen" aus, dass der Neofaschist Heinz Lembke zahlreiche Waffen lagere und es einen Zusammenhang zum Wiesnattentat geben könnte. Man suchte "vergeblich", wurde ein Jahr später fündig. Lembke kündigte an, Hintermänner zu benennen. Am nächsten Tag fand man ihn erhängt in einer Gefängniszelle. Und wieder blieben die Ermittler in Bayern untätig. Heinz Lembke war vermutlich ein V-Mann.

Vor vier Jahren hat das Landeskriminalamt im Zuge einer sogenannten "Routineabgabe" 80 Aktenordner dem Hauptstaatsarchiv übergeben. Sie enthalten eine Fülle von Informationen über Kontakte und Verbrechen der Wehrsportgruppe Hoffmann. Wen überrascht es noch, dass auch diese Akten nicht untersucht wurden. Das Hauptstaatsarchiv schlug Alarm. Am 13. Juni 2014 räumt der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) erstmals ein, dass bei ihm unterstellten Behörden nicht ausgewertete Akten zur Wehrsportgruppe Hoffman lagern.

Mögliche Indizien auf Mittäter und Hintermänner sind verschwunden, bevor man sie mit modernen Methoden untersuchen konnte. Ermittler hatten damals in den Aschenbechern von Köhlers Auto 47 Zigarettenkippen sechs verschiedener Sorten gefunden - ein deutlicher Hinweis auf Mitfahrer. Die Kippen wurden 1997 zusammen mit anderen Asservaten vernichtet.

Außer Ramin A. haben sich bei Rechtsanwalt Dietrich weitere Opfer gemeldet, die er vertritt, und die einen Beitrag dazu leisten wollen, mögliche Mittäter ausfindig zu machen. Dietrich will den Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens noch vor dem Jahrestag am 26. September einreichen.

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