Rote-Fahne-Interview mit dem Vorsitzenden von Cap Anamur
21.09.14 - Die "Rote Fahne" sprach mit Dr. med. Werner Strahl, dem Vorsitzenden der Hilfsorganisation "Cap Anamur" über die Ebola-Epidemie. Cap Anamur betreut seit fünf Jahren das einzige Kinderkrankenhaus und seit zwei Jahren ein Straßenkinderprojekt in Sierra Leones Hauptstadt Freetown.
Rote Fahne: Worauf ist Ihrer Meinung nach die rasante Ausbreitung des Ebola-Virus zurückzuführen?
Dr. Strahl: Die rasante Ausbreitung hängt mit folgenden Faktoren zusammen
- Extrem schlechte medizinische Infrastruktur mit fehlenden Isolierungsmöglichkeiten
- mysteriöse Vorstellungen der Bevölkerung über die bis dahin unbekannte Erkrankung
- Heilungsversuche durch lokale Heiler
- verbesserte Reisemöglichkeiten bei bis zu 21-tägiger Inkubationszeit
- Schließung fast aller Krankenhäuser wegen ängstlichen Personals
Rote Fahne: Obwohl das Virus seit 1976 bekannt ist, gibt es keine geeigneten Medikamente. Woran liegt das?
Dr. Strahl:
Die bei früheren Epidemien relativ kleinen Erkrankungszahlen in
begrenztem Gebiet erscheinen der Privatindustrie nicht so lukrativ,
dafür die immer sehr aufwendige Impfstoff- oder antivirale
Medimentenentwicklung und Testung zu starten. Da Ebola-Viren auch als
biologischer Kampfstoff interessant sein könnten, wurde in
Militärlaboren sicher auch Forschungen vorangetrieben, die aber wohl
auch noch nicht anwendungsreif fortgeschritten sind - dies zum Glück!
Impfungen werden schwierig bezüglich ihrer Dauerhaftigkeit zu machen
sein, da dass Virusgenom oft mutiert.
Rote Fahne: Welche Rolle spielen in dem ganzen Prozess die
sozialen Verhältnisse in den betroffenen Ländern? Welche Rolle spielt
eine in den Medien dokumentierte Stigmatisierung der Erkrankten und
ihrer Familien?
Dr. Strahl: Eine sehr große Rolle - Armut,
schlechte Bildung, Zusammenbruch der Infrastruktur und der
Regierungstätigkeit, die Sorge um sich verteuernde Nahrung
verschlechtern natürlich die sozialen Bedingungen. Ausgrenzung der
"gefährlichen" Erkrankten ist ohne eigene Schutzmöglichkeit
verständlich, leider oft auch die Abweisung derer, die die Erkrankung
lebend überstanden haben.
Rote Fahne: Was sind die wichtigsten Maßnahmen, um mit dem Problem vor Ort und auch weltweit fertig zu werden?
Dr. Strahl:
Rasche Einrichtung von ausreichend vielen Isolations- und
Screening-Centren und Feldlaboren, damit die Ebola-Infizierten sicher
von den jetzt in der Regenzeit überwiegenden behandelbaren Erkrankungen
(Malaria, Typhus, Lungenentzündung, Unterernährung, Durchfall)
therapiert werden können. Zudem muss erfahrenes und geschultes
ausländisches Personal unter guter Einsatzleitung die Arbeit entschieden
in die Hand nehmen und durch Vorbild und Schulung lokalem Personal Mut
machen. Das alles ist ein riesiges Unterfangen, in das sich Cap Anamur
mit seinen langjährigen Erfahrungen im Land, dem Bau eines eigenen
Isolationszentrums und der Wiedereröffnung des Krankenhauses engagiert
einbringt. Spenden dazu können wir jetzt besonders gut gebrauchen und
garantieren den sehr sorgfältigen Umgang mit den Geldern.
Rote Fahne: Vielen Dank für das Gespräch.
Die nächste Print-Ausgabe der Roten Fahne nimmt ausführlich zum Thema Ebola-Epidemie Stellung und bringt weitere Interviews.