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Textilunternehmen: Kein Interesse an minimalsten Zugeständnissen

 Textilunternehmen: Kein Interesse an minimalsten Zugeständnissen
Joly Talukder in Essen (foto: courage)

18.10.14 - Eineinhalb Jahr nach dem größten Textilfabrikunglück in Bangladesch mit über 1130 Toten und 1650 Verletzten, hat sich die Situation der Arbeiterinnen und Arbeiter noch immer nicht verbessert. Entwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU) versucht nun seit Monaten eine Vereinbarung mit der Textilindustrie zu schmieden, um deren arg ramponiertes Ansehen wieder herzustellen. Es will vorgeblich einzelne der schlimmsten Auswüchse der Extremausbeutung einschränken. Müller will so mithilfe des Systems der kleinbürgerlichen Denkweise, das Image der in der Kritik stehenden Branche verbessern. Nicht einmal der Umweltorganisation Greenpeace geht Müllers Vorschlag aber weit genug, weil es kein generelles Verbot für den Einsatz giftiger Chemikalien beinhaltet. Aber selbst das geht vor allem den großen Textilketten schon zu weit.

Rund die Hälfte der Unternehmen, die Müller gewinnen wollte, haben ihm einen Korb gegeben, darunter Adidas oder KiK. Sie behaupten, dass sie nicht jeden Produktionsschritt bei ihren Lieferanten und Subunternehmern im Ausland komplett überwachen könnten. Als ob nicht die Textilmonopole weitestgehende Kontrolle haben und ihren Zulieferern sämtliche Bedingungen diktieren. Vor allem natürlich niedrigste Preise. Davon kann jeder Zulieferer der Welt ein Lied singen.

Vorbei ist die Zeit, da angesichts der Katastrophe in Sabhar alle Branchengrößen Betroffenheit heuchelten. Heute regiert wieder die nackte ungeschminkte Profitgier. Sie ist die Ursache der Extremausbeutung und nicht eine angeblich nicht vorhandene mangelnde "soziale Verantwortung" der Konsumenten, wie DGB-Vorsitzender Reiner Hoffmann zu Protokoll gab.

Aktuell befindet sich Joly Talukder aus Bangladesh in Deutschland. Joly Talukder ist eine Stimme der Textilarbeiterinnen aus Bangladesch und ist zur Zeit beim Frauenverband Courage zu Gast. Sie führte heute Mittag unterstützt von ver.di Essen, vor dem 'Primark' in Essen eine Kundgebung durch. Sie ist Vorsitzende der Textilarbeiterinnengewerkschaft GWTUC in Bangladesch, die die ersten Proteste nach dem katastrophalen Hochhauseinsturz vor ca. einem Jahr organisierte.

Joly Talukder berichtet, dass rund 80 Prozent der Beschäftigten in der Textilindustrie Frauen sind. "Die Arbeiterinnen sind am niedrigsten bezahlt und werden rücksichtslos ausgebeutet. Sie sind verschiedensten Arten von Belästigung, einschließlich sexueller Belästigung ausgesetzt. Die Beschäftigten sind gezwungen, 16 oder 17 Stunden am Tag und manchmal sogar noch mehr zu arbeiten." Der WDR sendete eine Interview mit Joly Talukder (hier Bericht und nachhören).

Joly Talukder äußerte sich am Rande der Aktion heute positiv zu Initiativen Arbeitssicherheit zu verbessern oder höhere Löhne zu zahlen. Dabei liegt ihr aber besonders am Herzen, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter in den verschiedenen Ländern zusammen kämpfen. "In Bangladesch ist noch wenig bewusst, dass die Beschäftigen der Ketten wie 'Primark' auch in Ländern wie Deutschland unter schlechten Bedingungen und niedrigen Löhnen leiden. Deshalb muss man zusammen aktiv werden," so die Gewerkschafterin aus Bangladesch.

Martina Stalleiken vom Frauenverband Courage berichtete von der heutigen Aktion, dass es Diskussionen über die persönliche Verantwortung jedes Einzelnen gab. "Wenn ein T-Shirt 20.000 Liter Wasser in der Produktion verbraucht, muss man schon bewusst einkaufen. Aber das gesellschaftliche Problem der kapitalistischen Wegwerfgesellschaft kann niemand individuell lösen. Deshalb muss man sich vor allem für gesellschaftliche Veränderungen engagieren," so die 35-jährige Essenerin.

Auch die Gewerkschaft ver.di unterstützt den Aufbau der Gewerkschaft von Joly Talukder in Bangladesch (mehr dazu). Die internationale Klassensolidarität ist der Weg, gemeinsam bessere Arbeitsbedingungen in allen Ländern durchzusetzen. Aber nur eine internationale sozialistische Revolution kann tatsächlich die kapitalistische Ausbeutung und Unterdrückung beseitigen.

Die "Rote Fahne" konnte am Rande ihres Besuches ein Gespräch mit Joly Talukder führen. Das Interview erscheint demnächst in der Printausgabe (vorbestellen)