Betrieb und Gewerkschaft

"Industrie 4.0" und die revolutionäre Entwicklung der Produktivkräfte

"Industrie 4.0" und die revolutionäre Entwicklung der Produktivkräfte
Vernetzte Kommunikation vom Sensor bis ins Internet - ein Bestandteil des Konzepts "Industrie 4.0" (InIT Lemgo - Eigenes Werk)foto:

28.02.15 - Anfang Februar 2015 gab der Industriekonzern Voith in Heidenheim den Abbau von 1.600 Stellen und den Verkauf eines Geschäftsfelds mit 18.000 Beschäftigten bekannt. Dieser "Umbau" "trage dem Trend zur immer vernetzteren und auf IT-Technologie fußenden Produktion Rechnung, der auch als Industrie 4.0 bezeichnet wird" ("Stuttgarter Nachrichten", 3.2.15). "Industrie 4.0" wird eine Entwicklung genannt, die auf der weltweiten Vernetzung von Produktionswerken, Werkstücken, Beschäftigten und Kunden basiert.

Dazu der "Industrie 4.0"-Koordinator von Bosch, Olaf Klemd: "Wir wollen in Zukunft das gesamte internationale Produktionsnetzwerk verknüpfen, wir wollen Leitanbieter und Leitanwender werden" ("Bosch-Zünder" Nr. 3/2014). Im Interview mit den "Stuttgarter Nachrichten" meinte der Forschungschef des Maschinenherstellers Trumpf: "Damit sollen individuelle Einzelprodukte so wirtschaftlich hergestellt werden können wie Massenprodukte. Der Mensch wird zum Hüter des Netzwerks und des Prozesses, der überwacht, eingreift und optimiert – zum Beispiel über sein iPad."

Durch die umfassende Digitalisierung, Vernetzung und Zusammenführung weltweiter Produktionsdaten zur Ausschöpfung von Automatisierungs- und Rationalisierungsmöglichkeiten steht ein weiterer Sprung in der revolutionären Entwicklung der Produktivkräfte an. Unter kapitalistischen Bedingungen geht es dabei nur um die Steigerung des Maximalprofits auf Kosten von Mensch und Natur. Das erlebt derzeit die Voith-Belegschaft, die sich gegen die Folgen wehrt (siehe "rf-news" vom 23.1.15).

Vor diesem Hintergrund entfaltet sich eine Diskussion um "Industrie 4.0", unter anderem in den Gewerkschaften. Im Debattenpapier zum IG-Metall-Gewerkschaftstag 2015 schreibt der Vorstand: "Die Digitalisierung und der Trend zu einer Industrie 4.0 entgrenzt Arbeit zeitlich und räumlich, verschiebt den Stellenwert menschlicher Arbeit und verändert Arbeitsplätze genauso wie Arbeits- und Lebensbedingungen in verstärktem Maße."

In vielen Betrieben stehen Auseinandersetzungen an um den Versuch der Unterordnung von immer mehr Lebensbereichen unter die Erfordernisse der kapitalistischen Produktion etwa durch "Home office", gegen Leistungsverdichtung oder die Jagd nach einem immer noch billigeren Zulieferer mit einhergehendem Arbeitsplatzabbau. Belegschaften kämpfen um den Erhalt von Arbeitsplätzen, gegen die Flexibilisierung der Arbeitszeit und für die Durchsetzung von Schutzrechten usw. Dieser notwendige Reformkampf stößt im Kapitalismus an Grenzen. Er hinkt der realen Entwicklung immer hinterher und löst das grundlegende Problem nicht.

Um von der revolutionären Konsequenz abzulenken, orientiert der IG-Metall-Vorstand auf die Illusion eines regulierbaren Kapitalismus: "Insbesondere müssen diejenigen rechtzeitig qualifiziert werden, deren Arbeit wegfällt oder die neue Aufgaben übernehmen" ("Debattenpapier"). Eine vorausschauende Industriepolitik, die planmäßig die Entwicklung der Produktivkräfte im Einklang mit den Bedürfnissen von Mensch und Natur vorantreibt, die die Fähigkeiten der arbeitenden Menschen immer allseitiger ausbildet und ihnen hilft, neue Anforderungen zu bewältigen, ist nur im Sozialismus möglich.

Von der wachsenden Debatte um diese grundsätzliche Alternative zum Kapitalismus ist im "Debattenpapier" leider nichts zu lesen. Ein Grund mehr, dies in Betrieben und Gewerkschaftsgremien in der Vorbereitung des Gewerkschaftstags zum Thema zu machen.