Grundsatzfragen

70 Jahre Buchenwald-Befreiung: Antikommunismus hat im antifaschistischen Gedenken nichts zu suchen

70 Jahre Buchenwald-Befreiung: Antikommunismus hat im antifaschistischen Gedenken nichts zu suchen
(rf-foto)

13.04.15 - Mit einer "Langen Nacht des Gedenkens" wurde im Weimarer Nationaltheater am 11. April 2015 an die Befreiung des KZ Buchenwald vor 70 Jahren erinnert. Vorangegangen waren u.a. ein Gottesdienst und als Höhepunkt die Feier von 80 ehemaligen Buchenwaldhäftlingen, die ihrer im KZ verstorbenen und ermordeten Mithäftlinge gedachten. Auch bei der "Langen Nacht" standen die Zeitzeugen im Mittelpunkt des Interesses vor allem der jugendlichen Teilnehmerinnen und Teilnehmer. In einem MDR-Bericht über den Abend in Weimar heißt es:

„Menschentrauben haben sich gebildet, die den Erzählungen der Zeitzeugen lauschen. … Die Fragen an sie nehmen kein Ende. Alle wissen, dass es eine einmalige Gelegenheit ist, die Überlebenden zu ihrer Zeit in der Gefangenschaft zu befragen. Die meisten sind über 80. Doch auch für die Zeitzeugen scheint es trotz der Anstrengung wichtig, ihre Erlebnisse weiterzugeben. ... Es gibt Umarmungen und gemeinsame Fotos, für alle ist es eine besondere Begegnung.“

Den ehemaligen Häftlingen und vielen Gästen der Feierlichkeiten war es eine Herzensangelegenheit, das Gedenken im Geist des Schwurs von Buchenwald zu gestalten. Am 19. April 1945 hatten befreite Häftlinge aus zahlreichen Ländern bei einer Totenfeier ein Gelöbnis in ihrer Landessprache verlesen, das als Schwur von Buchenwald bekannt wurde. Darin heißt es:

"Wir Buchenwalder ... kämpften gemeinsam gegen die SS, gegen die nazistischen Verbrecher, für unsere eigene Befreiung. Uns beseelte eine Idee: Unsere Sache ist gerecht - der Sieg muss unser sein! Wir führten in vielen Sprachen den gleichen, harten, erbarmungslosen, opferreichen Kampf und dieser Kampf ist noch nicht zu Ende. (...) Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel."

In etlichen Ansprachen beim Festakt, darunter der des Ministerpräsidenten von Thüringen, Bodo Ramelow (Die Linke), wurde darauf Bezug genommen, und das menschenverachtende Treiben von Neofaschisten in Deutschland angeprangert. Die Schlussfolgerung, dass im Geist des Schwurs von Buchenwald umgehend alle faschistischen Organisationen verboten werden müssen, zog jedoch niemand von den offiziellen Rednerinnen und Rednern.

Statt im Geist des Schwurs von Buchenwald im Ungeist des modernen Antikommunismus standen bei einigen offiziellen Reden zwei Geschichtslügen im Zentrum:

  1. Die Leugnung der Selbstbefreiung des KZ Buchenwald unter Führung einer illegalen kommunistischen Lagerleitung.
  2. Der Gleichsetzung des KZ Buchenwald unter der barbarischen Diktatur des Hitlerfaschismus mit dem Straflager der Antihitler-Koalition, in dem faschistische Kriegsverbrecher und NSDAP-Funktionäre interniert worden waren.

Am Abend des 11. April 1945 übergaben die überlebenden Häftlinge des KZ Buchenwald die gefangenen faschistischen Folterknechte an die eintreffende Vorhut der US-Armee. Amerikanische Aufklärer berichteten darüber: "Die Leitung des Lagers befindet sich in der Hand eines gut organisierten Komitees, das alle im Lager vorhandenen Nationalitäten umfasst."

Die Befreiung von Buchenwald war das Ergebnis des proletarischen Widerstands von KZ-Häftlingen aus 30 Nationen unter kommunistischer Führung. Der Widerstand stützte sich auf die Hilfskomitees, die fast alle nationalen Gruppen in Buchenwald gegründet hatten; auch die politische Aufklärungsarbeit geschah im Kreise der Landsleute.

Das Internationale Lagerkomitee (ILK) bereitete die bewaffnete Befreiungsaktion vor. Die Basis waren 178 bewaffnete Gruppen mit 850 Kämpfern. Letztlich kam es nicht zum offenen Kampf mit der SS, weil diese großteils begannen, vor der amerikanischen Armee in die Wälder zu fliehen.

Martin Schulz, der Präsident des Europaparlaments, verkleidete die Leugnung der Selbstbefreiung von Buchenwald in der Formulierung: "Die Befreiung kam von außen durch die 6. Panzerdivision der 3. US-Armee, aber die Befreiung kam auch von innen", um dann fortzufahren: "Dass am gleichen Ort von 1945 bis 1950 das Sowjetische Speziallager Nr. 2 bestand, dessen Internierte zweifellos mehrheitlich Schuld auf sich geladen hatten, zum Teil sogar schwere Schuld, deren stalinistische Behandlung aber allen Geboten der Humanität und Rechtsstaatlichkeit spottete, lehrt uns, dass Verbrechen sich mit Unrecht nicht aus der Welt schaffen lassen."

Es war der Hitlerfaschismus, Herr Schulz, der einen Krieg vom Zaun gebrochen hat, der Europa in Schutt und Asche gelegt hat und in dem 20 Millionen Menschen in der damals sozialistischen Sowjetunion ihr Leben verloren. Es war das sowjetische Volk unter Führung der Kommunistischen Partei mit Josef Stalin an der Spitze, das die Hauptlast bei der Befreiung Deutschlands und Europas vom Hitlerfaschismus getragen hat.

Das Sowjetische Speziallager Nr. 2, das zurecht bestand und Kriegsverbrecher bestrafte, wurde übrigens im Jahr 1949 geschlossen. Wenn Martin Schulz die "Einigung Europas" als Umsetzung des Schwurs von Buchenwald beschwört, ist das eine weitere Geschichtsfälschung. Die Überlebenden von Buchenwald wollten eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung gestalten, nicht einen imperialistischen Block zur Unterdrückung der Arbeiter und der schwächeren Länder.

Führender Vertreter des modernen Antikommunismus im bürgerlichen Antifaschismus ist Volkhard Knigge, der Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. "Wie eine Erlösung" erlebe er, dass es nun gelungen sei, die "Erinnerungskultur aus den Floskeln zu befreien". Knigge war 1994 mit dem ausdrücklichen Auftrag als Gedenkstättenleiter eingesetzt worden, die "antiquierte Erinnerungskultur" durch eine "zeitgemäße Ausstellung" zu ersetzen:

„Neben NS-Verfolgten werden nun Menschen gezeigt, die nach 1945 in Buchenwald in ein stalinistisches Speziallager gesperrt wurden.“

Knigges Auftrag: die Erinnerung an den heldenhaften Kampf der Buchenwaldhäftlige möglichst an den Rand zu drängen, weil in ihm die Überlegenheit des Sozialismus und des sozialistischen Bewusstseins zum Ausdruck kommt.

Die unter dem Deckmantel einer "modernen Erinnerungskultur" betriebene Geschichtsfälschung geht sogar der Süddeutschen Zeitung zu weit. Sie kritisiert: „Nach dem Mauerfall wurde der zu großen Teilen von Kommunisten getragene Widerstand dann in eine Ecke mit dem Terror der Nazis gestellt. … In der öffentlichen Darstellung droht ein zentraler Punkt aus dem Fokus zu geraten: Wer eigentlich von den Konzentrationslagern profitiert habe, nämlich große deutsche Konzerne. … Und auch ganz zum Schluss retteten die Funktionskader noch einmal zahlreiche Menschenleben, indem sie die von der SS geplanten Todesmärsche gezielt verhinderten."

Der Schwur von Buchenwald verpflichtet zu einem konsequenten antifaschistischen Kampf und zur Offenheit für die Perspektive des Sozialismus/Kommunismus. Der moderne Antikommunismus spaltet den antifaschistischen Kampf.

Die "Rote Fahne" Wochenzeitung wird in den kommenden Wochen ausführlich über den 8. Mai berichten. Ein vierwöchiges kostenloses Probeabonnement kann man hier bestellen.