Sozialismus

Würdige Gedenkkundgebung für Willi Dickhut in Solingen – Kontrapunkt zu offiziellen Feierlichkeiten des 8. Mai

Würdige Gedenkkundgebung für Willi Dickhut in Solingen – Kontrapunkt zu offiziellen Feierlichkeiten des 8. Mai
(ba-foto)

09.05.15 - Die letzten Tage standen ganz im Zeichen des 70. Jahrestags der Befreiung vom Hitler-Faschismus am 8. Mai 1945 – nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern Europas und den USA. Hierzulande kommt kaum ein bürgerlicher Politiker mehr umhin, den 8. Mai als "Tag der Befreiung" anzuerkennen. Das ist ein Zugeständnis an das gewachsene antifaschistische Bewusstsein und den Linkstrend unter den Massen. Der bürgerliche Antifaschismus verschleiert allerdings das Wesen des Faschismus, er blendet den kommunistischen Widerstand aus und leugnet die maßgebliche Rolle der damals sozialistischen Sowjetunion unter Führung Stalins für den Sieg über die faschistische Wehrmacht.

Ein Musterbeispiel dafür war die Rede des Historikers Heinrich August Winkler gestern im Bundestag. Für ihn hat der Sieg der alliierten Soldaten "die Deutschen in gewisser Weise von sich selbst befreit". Der Faschismus war aber keine "deutsche Spezialität", sondern damals schon eine länderübergreifende Erscheinung als offen terroristische Herrschaftsform des Monopolkapitals zur Niederschlagung der revolutionären Arbeiterbewegung und Vorbereitung imperialistischer Angriffskriege. Zweifellos hatte er in Deutschland eine besonders grausame Ausprägung. Gerade Stalin, der an der Spitze der Sowjetunion stand, betonte ausdrücklich, dass sich der Kampf gegen Hitler eben nicht gegen "die Deutschen" richtet, sondern gegen ein Regime, das von den führenden deutschen Konzernen und Banken in den Sattel gehievt worden war.

Sowohl Winkler als auch Bundespräsident Joachim Gauck müssen inzwischen die Rolle der sowjetischen Roten Armee beim Sieg über den Faschismus anerkennen. Sie spielen sie aber herunter und verbinden das mit Angriffen auf die Politik Stalins.

Einen Kontrapunkt zu den vom bürgerlichen Antifaschismus geprägten offiziellen Feierlichkeiten bildeten Aktivitäten antifaschistischer Aktionseinheiten, unter anderem in Berlin, Stuttgart, Hamburg und Solingen. In Solingen fand zwischen 17 und 19 Uhr eine bewegende Gedenkkundgebung vor dem antifaschistischen Gedenkhaus an der Kamper Straße statt. Im Mittelpunkt stand dabei die Ehrung des Solinger Arbeiters, Antifaschisten und Kommunisten Willi Dickhut, der Vordenker und Mitbegründer der MLPD war. Im Schatten einer großen Rotbuche versammelten sich auf dem Vorplatz 130 bis 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, um Kulturbeiträge und ein breites Spektrum von Reden sowie vorgetragenen Erinnerungen zu hören. Moderiert wurde das Programm von zwei Mitgliedern des Jugendverbands REBELL.

Gabi Gärtner, Stadträtin des überparteilichen Kommunalwahlbündnisses "Solingen aktiv" und Vertreterin der MLPD, begründete in ihrem Auftaktbeitrag, warum die Ehrung Willi Dickhuts an diesem Tag besondere Bedeutung hat: "Wir verneigen uns heute vor Millionen Widerstandskämpfern und Opfern, die in diesem II. Weltkrieg ihr Leben ließen und vor all denen, die diese Befreiung unter Einsatz ihres Lebens erkämpft haben. Wir ehren heute im Besonderen den Solinger antifaschistischen Widerstandskämpfer und Kommunisten, der unvergessliche Spuren nicht nur in unserer Stadt hinterlassen hat: Willi Dickhut. Unter anderem seinem Mut, unmittelbar vor Anrücken der Amerikaner am 16. April 1945, ist es zu verdanken, dass die Stadt sich gegen die letzten Aufgebote, den brutalen Terror der Nazis ergab und vor einer Vernichtung bewahrt wurde. ... Zum Anlass dieses 70. Jahrestags der Befreiung wurde in einem Gemeinschaftsantrag an die Ohligser Bezirksvertretung, der inzwischen von über 150 Menschen unter anderem aus sechs Solinger Parteien, von Jugendlichen, Arbeitern, sogar Kleinunternehmern und Gewerkschaftsvorständen unterzeichnet wurde, beantragt, Willi Dickhut eine Straße oder einen Platz zu widmen."

Gabi Gärtner attackierte die Versuche bürgerlicher Politiker, diese Ehrung mit antikommunistischen Vorbehalten zu verhindern: "Ganz in dem Sinne behaupteten im April Bezirksvertreter der CDU hier in Ohligs, 'Willi Dickhut könne man nicht würdigen, unbenommen seiner Leistung im Widerstand, weil er sich später staatsfeindlich verhalten hätte'. Es wurde sogar die Frage aufgeworfen, ob er nicht noch 'anderes auf dem Kerbholz habe', sonst wäre ihm doch nicht das aktive und passive Wahlrecht abgesprochen worden ... Solchen Fragen kann man bestenfalls Naivität, wahrscheinlich aber eher Ignoranz und dumpfen Antikommunismus bescheinigen. So wurden nach dem politischen Sonderstrafrecht von 1951 bis 1961 rund 200.000 Ermittlungsverfahren eingeleitet, die rund 500.000 Bundesbürger betrafen. Zu ihrer Kriminalisierung reichte oftmals schon aus, dass sie die Volksbefragung gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands nach dem 2. Weltkrieg unterstützten. ... Deshalb protestieren wir entschieden gegen die antikommunistisch motivierte skeptische Verunglimpfung antifaschistischer Widerstandskämpfer, die sich auch noch rechtfertigen sollen!"

Nach Gabi Gärtner sprach unter anderem Prof. Dr. Jörg Becker, Vorsitzender des Kulturausschusses der Stadt Solingen, Politikwissenschaftler und parteiloser Stadtrat für "Die Linke". Er verneigte sich vor Willi Dickhut als "aufrechtem Kommunisten, Opfer der faschistischen Gewaltherrschaft und Widerstandskämpfer". Jugendliche des REBELL verpflichteten sich, unbeugsam – im Sinne Willi Dickhuts – so lange für den Antrag auf Benennung einer Straße oder eines Platzes nach ihm zu kämpfen, bis er durchgesetzt ist.

Danach sprachen noch weitere Redner: aus der Solinger Kommunalpolitik, ehemalige Kampfgefährten von Willi Dickhut, Migranten usw. Linda Weißgerber vom Frauenverband Courage rief in Erinnerung, wie Willi Dickhut gemeinsam mit seiner Frau Luise durch die schöpferische Auswertung der Erfahrungen mit den antifaschistischen Frauenausschüssen nach dem Krieg zur Gründung des überparteilichen Frauenverbands Courage beitrugen.

Es gab auch internationale Grußadressen von revolutionären Organisationen aus Weißrussland, der Ukraine und Russland.

Die Kundgebung endete mit dem Singen der "Internationale" und einer Kranzniederlegung vor dem Gedenkhaus. Die ganze Kundgebung war umrahmt von musikalischen und kulturellen Darbietungen unter anderem des "Ruhrchor", der Kölner Band "Gehörwäsche" sowie des Theatermachers Wanja Lange.

(Mehr zu dem Thema in der aktuellen Druckausgabe der "Roten Fahne" zum Thema "8. Mai 1945: Ein Sieg des Sozialismus")

Ein Video-Mitschnitt eines Teils der Kundgebung ist hier auf "Youtube" veröffentlicht.