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Türkei: Streikaktivisten verhaftet – die Streiks gehen weiter

Türkei: Streikaktivisten verhaftet – die Streiks gehen weiter
Streikversammlung bei Ford in Bursa heute Mittag (foto: evrensel)

25.05.15 – Über Pfingsten gingen die selbständigen Streiks in der türkischen Metallindustrie weiter. Die Zeitung „Evrensel“ berichtet: “Bei Ford Gölcük und Yeniköy (beide in der Provinz Kocaeli) geht der selbstständige Kampf der Kollegen am 5. Tag (dem 23. Mai 2015) weiter. Ein großer Teil der wenigen, die noch gearbeitet hatten, hat sich am 22. Mai nach der Frühschicht dem Streik angeschlossen." Am 21. Mai erklärte die Geschäftsleitung von Ford-Otosan, dass die normale Produktion nach eine kurzen Unterbrechung wieder aufgenommen worden sei."Ein Kollege erklärte dazu gegenüber "Evrensel": „An normalen Tagen können wir bis zu 1.000 Einheiten produzieren. Wir wissen von unseren Kollegen, dass unter sehr großen Anstrengungen und mit Hilfe der Weißkragen lediglich 20 bis 30 Einheiten produziert worden sind – ist das die normale Produktion?! Sie sollen aufhören, Lügen zu verbreiten. Mit solchen Meldungen wollen sie Druck auf die Streikenden ausüben.“

Die Familien der Ford-Kollegen beteiligen sich am Kampf. Die Familien halten praktisch den LKW-Parkplatz vor dem Werksgelände besetzt. Auch das trägt zur Einheit der Kollegen bei. „Hier tauschen wir uns über alles aus. Niemand muss alleine eine Entscheidung treffen. So können wir den Druck abbauen, so zeigen wir unseren Männern, dass wir gemeinsam mit ihnen an einem Strang ziehen und zu allem bereit sind“, so eine Familienangehörige zu Evrensel.

Die „Plattform für die Einheit der Arbeiter und Freundschaft der Völker (BIR-KAR) berichtete auf dem 17. Internationalen Pfingstjugendtreffen, dass der türkische Staatsapparat inzwischen mit Verhaftungen gegen die Streikenden vorgeht. Am 20. Mai fanden in den frühen Morgenstunden Razzien in den Wohnungen von Mitarbeitern der MIB, der Vereinigung der Metallarbeiter, statt. Neun Kollegen wurden verhaftet, darunter Yildirm Dogan, MIB-Vertreter in Bursa und Tayfun Altintas, ein Verantwortlicher der Zeitung „Kizil Bayrak“ (zu deutsch 'Rote Fahne'). BIR-KAR ruft zur Solidarität und fordert, die Inhaftierten sofort freizulassen.

Von den selbständigen Streiks ist vor allem die Autoindustrie betroffen, darunter Konzerne wie Fiat, Ford oder Renault. Die Autoindustrie in der Türkei ist mit 1,2 Millionen produzierten Fahrzeugen im Jahr bereits die sechstgrößte in Europa. Zwei Drittel der Autos werden exportiert. Die Streiks konzentrieren sich in Bursa. Bursa ist die viertgrößte Stadt der Türkei und ein Zentrum der Autoindustrie. Zweidrittel der 800.000 Fahrzeuge für den Export werden hier produziert.

Ausgangspunkt der Streiks war das Oyak-Renault Werk. 2.500 Arbeiterinnen und Arbeiter besetzten die Fabrik. Inzwischen schloss sich auch die Belegschaft von Tofas-Fiat an. „Am 20. Mai waren bereits über 20.000 Arbeiterinnen und Arbeiter in den Streik getreten", berichtet die Migranten-Organisation DIDF, die Förderation demokratischer Arbeitervereine: „4.800 bei Renault, 5.000 bei Tofaş, 7.200 bei Ford (in Kocaeli), 1.400 bei Çoşkunöz, 1.200 bei Mako, 700 bei Ototrim und 1.000 bei Valeo. Darüber hinaus gab es in vielen Zulieferbetrieben Solidaritätsaktionen“

Die Streikenden fordern unter anderem die Übernahme von erkämpften Lohnerhöhungen bei Bosch Türkiye. Die Streiks haben 14 Tage vor den Wahlen in der Türkei auch politische  Brisanz. Die Verhaftungen bedeuten eine enorme Verschärfung und eine Faschisierung der Auseinandersetzung seitens der Erdogan-Regierung.

Am kommenden Donnerstag macht sich eine fünfköpfige Delegation der Koordinierung der Internationalen Automobilarbeiterkonferenz auf den Weg nach Bursa. "Wir wollen uns über die Streiks informieren, wofür die Kolleginnen und Kollegen kämpfen und wie", so eine Kollegin der Delegation gegenüber "rote-fahne-news". "Uns interessieren auch Fragen des Streikrechts und der gewerkschaftlichen Organisation. Wir wollen Kontakte knüpfen und zur Internationalen Automobilarbeiterkonferenz in Sindelfingen vom 14. - 18. Oktober 2015 einladen. Und natürlich die Solidarität der Automobilarbeiter aus Deutschland überbringen", so die Kollegin weiter.