Betrieb und Gewerkschaft

4.135 Pflegerinnen und Pfleger Europas größter Uniklinik im unbefristeten Streik

4.135 Pflegerinnen und Pfleger Europas größter Uniklinik im unbefristeten Streik
screenshot eines ver.di-videos zum Streik

22.06.15 - Seit zwei Jahren laufen Verhandlungen von der Gewerkschaft ver.di für eine Mindestbesetzung auf den Krankenstationen. Im April hatte es erste Warnstreiks an der Charité gegeben. Laut Ver.di wären 600 zusätzliche Pfleger/innen nötig. Das lehnt der Vorstand der Charité vor allem wegen der Kosten ab. Der Vorstand meint allen Ernstes, 80 zusätzlichen Stellen wären ein "sehr gutes" Angebot. Die Pflegekräfte wollen den immensen Arbeitsdruck und die Berge von Überstunden nicht mehr alternativlos hinnehmen. Sie haben genug von der immer größeren Arbeitsbelastung und dass die notwendige Pflege an den Patienten enorm darunter leidet. Da ist es schon bezeichnend, dass der Pflege-Alltag zu einer kritischeren Situation im Krankenhausalltag führt als der unbefristete Streik.

Denn im Streik ist wenigstens ausreichend für Notfälle gesorgt. Aus wachsender Angst vor Fehlern gab es allein in diesem Jahr 800 Gefährdungsanzeigen wegen gefährlicher Pflege von den Kolleg/innen. Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) will Quoten als Mindestbesetzungen festlegen. Auf Intensivstationen soll sich ein Pfleger maximal um zwei Patienten kümmern, auf Normalstationen maximal um fünf. Aktuell muss eine Pflegekraft etwa 10 bis 12 Patienten betreuen. Sowohl Pflegepersonal als auch Patienten müssen unter diesen Zuständen leiden.

Die Klinikleitung hält diese Forderungen jedoch für nicht erfüllbar. Es mangele an Geld und dem nötigen Personal auf dem sogenannten Arbeitsmarkt. 600 Pflegekräfte würden laut ver.di ca. 36 Millionen Euro pro Jahr kosten. Die Charité hat ein Jahresumsatz von 1,5 Milliarden Euro und der Vorstand fordert, dass die Klinik schwarze Zahlen schreibt. Das zählt für Aufsichtsräte mehr als als jede Gesundheit – der Pflegekräfte wie der Patienten. Mehr zum Streik bei der Charité in einem Video von ver.di (hier geht es zum Video von Ver.di TV)

Die Zunahme an allgemeiner Arbeitshetze, der physische und psychische Druck, die Folgen der Umweltzerstörung und vieles mehr greift kontinuierlich die Gesundheit an und stellt immer deutlicher die Unfähigkeit des Kapitalismus heraus, auch nur die dringendsten Fragen zu lösen.

In den bürgerlichen Parteien grassiert die Nervosität: Im Roten Rathaus von Berlin lässt sich Michael Müller (SPD), der Regierende Bürgermeister, über den Streik informieren, Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) und die Bosse der Kliniken und Krankenkassen sowieso. Der Charité-Vorstand hatte sich mit Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) getroffen. „In den Universitätskliniken in Hannover und Heidelberg sagen Schwestern, sie warteten nur auf den Tarifabschluss in Berlin, um selbst loszulegen.“

Die Befürchtungen der Herrschenden, dass mit dem Streik an der Charité ein Flächenbrand entstehen kann, ist durchaus berechtigt. Denn die Kollegen der Post streiken, der Kampf bei den kommunalen Kitas läuft noch und immer mehr Kollegen in der Industrie streiken wie bei HSP.

Mit der bislang größten Protestaktion im deutschen Gesundheitswesen wird ver.di am kommenden Mittwoch auf den dramatischen Personalengpass in deutschen Krankenhäusern aufmerksam machen. Unter dem Motto "162.000 für 162.000" sind bundesweit Beschäftigte in Kliniken aller Träger aufgerufen, in einer symbolischen Aktion jeden einzelnen fehlenden Arbeitsplatz mit einer Ziffer kenntlich zu machen. Mehr als 1.300 Kliniken wollen sich an der virtuellen Protestkette fehlender Stellen von der Nordsee bis zum Alpenrand, von Saarbrücken bis Görlitz beteiligen.

Im Jahr 2015 kann durchaus mit einem heißen Sommer gerechnet werden.