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Rebellion gegen Massenentlassungen bei der Air France

Rebellion gegen Massenentlassungen bei der Air France
Foto: Oliver CABARET auf Flickr

08.10.15 - Am Montag, dem 5. Oktober 2015, rebellierten Hunderte streikende Arbeiter gegen Massenentlassungen bei der Air France. Sie stürmten die Betriebsratsbüros in der Nähe des Flughafens Charles de Gaulle in Paris, wo Management und Gewerkschaftsvertreter einen so genannten "Plan B" absegnen wollten, nach dem zunächst 2.900 Arbeitsplätze vernichtet werden und in einer zweiten Phase weitere 5.000 folgen sollen. Air France-Vorstandschef Frederic Gagey floh sofort. Streikende forderten lautstark den Rücktritt des Personaldirektors Xavier Broseta und des Chefs für Langstreckenflüge, Pierre Plissonnier, und rissen ihnen die Hemden vom Leib. Sie mussten abgeschirmt von Polizisten über die Sicherheitszäune klettern und fliehen.

Hintergrund dieser wütenden Proteste ist, dass in den letzten vier Jahren bei vier ähnlichen "Sanierungsplänen" schon über 15.000 der ehemals 63.000 Beschäftigten der Air France entlassen wurden. Jetzt sollen noch einmal 300 Piloten, 900 Flugbegleiter und 1.700 Beschäftigte des Bodenpersonals ihre Arbeit verlieren. Jahrelang verfolgt das Management schon das Ziel, die Standards für Löhne und Arbeitsbedingungen auf das Niveau der internationalen Billigflieger und der arabischen Konkurrenz zu senken. Das Gleiche geschieht auch bei der Lufthansa und bei British Airways. Die Führungen der Gewerkschaften bei der Air France hatten nie einen wirklichen Kampf um den Erhalt der Arbeitsplätze geführt. Nun brachte "Plan B" das Fass zum Überlaufen.

Bürgerliche Medien sprachen nach den wütenden Protesten der Beschäftigten von einer "Gewaltorgie von Randalierern". Dieser "Gewaltausbruch" drohe "Folgen für das Ansehen und die Attraktivität" Frankreichs zu haben, schnaubte Staatspräsident François Hollande. Der französische Ministerpräsident Manuel Valls verlangte "schwere Sanktionen". Auch die meisten Gewerkschaftsführungen reihen sich in diesen Chor ein. Die sozialdemokratische CFDT-Führung verurteilte die "beschämende Gewalt“ der Streikenden; auch die CGT-Führung distanzierte sich von den "Übergriffen" der Arbeiter.

Bert Brecht hatte zu solch einer Verurteilung kämpfender Arbeiter einmal geschrieben: „Der reißende Fluss wird gewalttätig genannt. Aber das Flussbett, das ihn einengt, nennt keiner gewalttätig.“ Wenn die empörten Air France-Beschäftigten zwei Managern das Hemd zerreißen, schreien die Verteidiger des Kapitalismus Zeter und Mordio. Wenn die Air-France-Firmenleitung dagegen 20.000 Menschen die Existenzgrundlage raubt, wird das als unumgänglich und vernünftig hingestellt und höchstens Mitleid geheuchelt.
Neidisch blicken die Herrschenden in Frankreich auf die "Sozialpartnerschaft" in Deutschland. Die Klassenzusammenarbeit funktioniert in Frankreich bei weitem nicht so gut. Der Einfluss reformistischer Gewerkschaftsführungen auf die Beschäftigten ist viel geringer. In vielen Betrieben konkurrieren außerdem oft bis zu vier Gewerkschaften miteinander. Auch der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist in Frankreich äußerst gering. Einer Statistik der OECD zufolge, liegt er bei weniger als acht Prozent der Beschäftigten. Daher verlieren die Gewerkschaftsführer leicht die Kontrolle über die oft selbständig organisierten Proteste.

Zugleich kommt in vielen Kämpfe in Frankreich eine wesentliche Schwäche der dortigen Arbeiterbewegung zum Ausdruck. Eine starke, kämpferische Einheitsgewerkschaft ist notwendig. Damit die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung trotz verständlicher Empörung über die Klassenzusammenarbeitspolitik der rechten Gewerkschaftsführungen nicht zersplittert und die Belegschaften nicht getrennt voneinander kämpfen müssen. Diese Einheit muss heute grenzüberschreitend organisiert werden – die Beschäftigten von Air France, von Lufthansa, den Britih Airways und den Billig-Airlines müssen ihre Kräfte bündeln. Damit die Arbeiterbewegung ihr Potenzial als überlegene Kraft entwickeln und eine Zukunft jenseits kapitalistischer Ausbeutung ins Visier nehmen kann, muss in Frankreich der marxistisch-leninistische Parteiaufbau vorankommen.