Betrieb und Gewerkschaft

VW-Betriebsversammlung: "Alle kämpferischen Redebeiträge bekamen riesigen Applaus"

Braunschweig (Korrespondenz), 15.03.16: "Tausende VW-Stellen in Gefahr" - so titelte am 11. März 2016 die Braunschweiger Zeitung. Schon in der sogenannten "Kartenrunde" (da können Kollegen Fragen auf Kärtchen abgeben, die dann vom Vorstand oder Betriebsrat beantwortet werden) gab es sehr kritische Beiträge, z.B. wurden die zunehmenden Krankenrückkehrgesprächen und die „Jagd auf Kranke“ angegriffen und die Senkung des Arbeitszeitfixpunktes gefordert, um die Leiharbeiter zu halten. Ende Februar wurden in Braunschweig die ersten 36 Leiharbeiter nicht verlängert. Inoffiziell gibt es Hinweise, dass immer wieder einzelne Kollegen aus der Zeitarbeit kurzfristig, weit vor Ende ihres Vertrages, gekündigt werden. Gleichzeitig wird der Druck auf Langzeitkranke erhöht. Im Juni laufen weitere Verträge aus.

Der Werkleiter sagte in seiner Rede: "Die Stammbelegschaft hat für mich Prio, aber ich werde um jeden Arbeitsplatz kämpfen". Damit will er die Solidarität der Stammbelegschaft mit den Leih- und Zeitarbeitern zersetzen und  bei den Leiharbeitern die Hoffnung nähren, dass sie vielleicht doch ihren Job behalten. Das Beispiel, wie sein Kampf aussieht, sprach da schon eine deutlichere Sprache: "Ich musste in Puebla in einer Woche 2.500 Leiharbeiter entlassen. Danach hatte ich eine schlaflose Nacht." Das war ein regelrechter Rohrkrepierer. Empörter Kommentar eines Kollegen: "Na toll, was glaubt der denn, wie es den Entlassenen ging?"

In der freien Aussprache gab es acht Redebeiträge. Alle kämpferischen Beiträge bekamen riesigen Applaus, es war richtig Stimmung im Saal. Ein Kollege der Autovision forderte offensiv: "Gleiches Geld, gleiche Arbeit, gleicher Tarif!" und "Die beste Verteidigung für die Arbeitsplätze ist, die Kolleginnen und Kollegen der Leih- und Zeitarbeit und aus den Projekten sofort in den Haustarif zu übernehmen." Die Kollegen klatschten nach fast jedem Satz. Mehrere Kollegen sprachen dagegen, dass jetzt die Belegschaft alles ausbaden soll, währendder Vorstand und die Aktionäre rausgehalten werden. Ein Kollegen: "Die Großaktionäre und Vorstände sollen die Krise aus ihrem Privatvermögen bezahlen! Sie sind verantwortlich, sie haben daran verdient, sie sollen bezahlen. Ganz einfach." Auch wurde kritisiert, dass auch von der Gewerkschaftsführung immer von "unserer Krise" geredet wird. Ein Kollege dazu: "Ich kann das 'Wir' nicht mehr hören. Das ist nicht unsere Krise!" Mehrere Redner positionierten sich gegen die Entlassung von Leiharbeitern, forderten die Senkung des Arbeitzeitfixpunktes im Haustarif I oder eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung für alle.

Der internationale Frauentag wurde mehrfach aufgegriffen, teils mit der Forderung nach besseren Karrieremöglichkeiten für Frauen, aber auch mit Kritik an den familienfeindlichen Schichtmodellen und an der Erhöhung der Kindergartengebühren als Folge der VW-Krise. Ein Kollege warf die Frage nach einem neuen umweltschonenden Verkehrssystem auf. Der Saal tobte, als er die angebliche Unwissenheit  der Manager karikierte und sich über Winterkorn lustig machte: 'Das müsste 2006 ja so abgelaufen sein: Winterkorn kommt zu den  Ingenieuren und sagt zu ihnen: „Baut mir den saubersten und ökologischsten Motor, den ihr bauen könnt.“ Und 1 ½ Jahre später kommt er nochmal vorbei und sagt: „Und? läuft`s?“ Auch, worin denn eigentlich die Rechtfertigung der Millionengehälter und überhaupt die Arbeitsleistung eines Managers besteht wurde hinterfragt. Der Redner machte dem Werkmanagement in Bezugnahme auf den Rücktritt Winterkorns ein Angebot: „Beurlaubt? Bei vollen Bezügen? Liebes Werkmanagement, beurlaubt mich bei vollen Bezügen bis zur Rente und ihr müsst mein Schandmaul hier nie wieder hören.“ Die ganze Halle hat gelacht und applaudiert. So gab es in den letzten Tagen viel Hohn und Spott über die offizielle Aussage von VW:  'Winterkorn hat schon 2014 eine Notiz bekommen, aber es ist nicht dokumentiert, ober er sie gelesen hat'.