Betrieb und Gewerkschaft

Mitreißende Bilanz: Die "Fackel" der Bochumer Opelaner verbreitet sich über die Welt

Mitreißende Bilanz: Die "Fackel" der Bochumer Opelaner verbreitet sich über die Welt
Annegret Gärtner-Leymann (am Mikrofon) begrüßte die Teilnehmer und führte mit durch das Programm (rf-foto)

17.01.16 - Bis zu 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer - darunter viele noch beschäftigte und ehemalige Opelaner - waren gestern gekommen, um an der Zwischenbilanz ein Jahr nach der Schließung von Opel Bochum "Die Fackel brennt weiter" in der Gelsenkirchener "Horster Mitte" mitzuwirken. Opel-Kolleginnen und -Kollegen lagen sich in den Armen. Manche von ihnen hatten sich schon lange nicht mehr gesehen, weil sie inzwischen in anderen Opel-Werken gelandet sind, in der Bochumer Transfergesellschaft oder auch in der Arbeitslosigkeit. Gekommen waren aber auch Familienangehörige und Freunde der Opelaner, Delegationen anderer Automobilbelegschaften aus ganz Deutschland, Bergleute aus dem Ruhrgebiet, ver.di-Gewerkschafterinnen sowie zahlreiche andere dem Kampf der Opel-Belegschaften verbundene Menschen aus Nah und Fern. Viele waren schon bei der Kundgebung ein Jahr zuvor in Bochum dabei gewesen (siehe "rf-news"-Artikel).

Der Abend zog Bilanz über die persönlichen Schicksale der Opelaner, vor allem jedoch darüber, wie weit sich die "Fackel" des unbeugsamen Kampfwillens der Bochumer Opelaner schon verbreitet hat. Der Bochumer Künstler Ludger Schmidt leitete die Feier mit einem berührenden Cello-Stück ein. Anschließend begrüßte Annegret Gärtner-Leymann, ehemalige Betriebsrätin der Initiative für eine kämpferische gewerkschaftliche Betriebsratsarbeit "Offensiv" aus dem Werk 1 und eine der Führerinnen des Kampfs von 2004, die Gäste. Es moderierten mit ihr zusammen Klaus Leymann von "Offensiv", Ulja Serway von der bundesweiten Montagsdemo-Bewegung sowie Anne Fröhlich vom Frauenkomitee "BASTA!".

Danach betraten die "Offensiven" die Bühne. Steffen Reichelt, Sprecher von "Offensiv" berichtete: "Immer wieder wurde ich gefragt: Was gibt es da eigentlich zu feiern? Natürlich wurden Werke geschlossen und und zum Teil abgerissen, aber es ist nicht gelungen, unseren Widerstand und unsere Erfahrungen zu zerstören, die wir in den letzten Jahren und Jahrzehnten gemacht haben."

Annegret Gärtner-Leymann ergänzte: "Wer kämpft, der wird geschlossen - das sollte die Botschaft der Werkschließung sein. Diese Botschaft ist nicht angekommen. Im letzten Jahr gab es die größten gewerkschaftlichen Streiks seit langem, aber zunehmend auch kleinere selbständige Initiativen in den Betrieben. Sie sind ein Stück weit auch Ergebnis unserer Erfahrungen. Ebenso ist die antikommunistische Spaltung nicht aufgegangen. Kollegen, die früher dachten, wir wären 'Krawallmacher', sagen inzwischen: 'Was ihr vorschlagt und fordert, hat Hand und Fuß.'"

GM habe einen hohen Preis für die Werksschließung bezahlt. Die Folge war eine Massenauseinandersetzung, wie zukünftig gekämpft werden muss - wofür die Opelaner ein leuchtendes Beispiel sind. Auf der 1. Internationalen Automobilarbeiterkonferenz habe ihr ein brasilianischer Gewerkschafter erzählt, dass er zaudernen Kollegen empfiehlt: "Nehmt euch ein Beispiel an den Arbeitern von Opel in Bochum! Sie haben zehn Jahre lang erfolgreich die Werksschließung verhindert."

Ein in der Transfergesellschaft beschäftigter Kollege nahm den Betrug des "Sozialtarifvertrags" auseinander und berichtete, dass entgegen den großen Versprechungen gerade mal 270 Ex-Opelaner meist in öffentlich geförderte Probe-Arbeitsplätze vermittelt wurden: "Für die Einzelnen ist das eine schmerzhafte Erfahrung, für uns alle aber eine wichtige Lehre." Im Bochumer Werk 3 (Ersatzteillager), dem Rüsselsheimer und dem Eisenacher Opel-Werk übernommene Kolleginnen und Kollegen brachten ein, wie sie sich dort in den Belegschaften erneut verankert und Erfolge gegen antikommunistisches Mobbing errungen haben.

Eine nach Rüsselsheim gewechselte Kollegin hatte einen Kollegen mitgebracht, der schon immer dort gearbeitet hat. Sie überführten die Opel-Geschäftsleitung und Betriebsratsspitze einer weiteren Lüge: "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Mehrheit der Rüsselsheimer die Werksschließung in Bochum schon immer abgelehnt hat und die Neuen aus Bochum sehr offen empfangen hat. Angst vor ihnen hat nur das Management, weil es die Einheit der Belegschaft verhindern will. Da werden schon mal Saalmikrofone bei Betriebsversammlungen abgeschaltet. Trotzdem wurden jetzt Opelaner aus Bochum von ihren Kollegen als Kandidaten zur Vertrauensleute-Wahl vorgeschlagen."

"Fackelträger" von Ford in Köln sangen gemeinsam mit allen im Saal das erstmals vor einem Jahr vorgetragene Lied "Erhobenen Hauptes den Weg weitergehen". Kurz vorgestellt wurden Grußadressen aus den USA, aus Indien, Kolumbien, dem Iran und Südafrika. Auch eine Kollegin, die früher in dem ebenfalls geschlossenen Werk in Antwerpen (Belgien) gearbeitet hat, wurde mit Applaus begrüßt. Der stellvertretende Hauptkoordinator der revolutionären Weltorganisation ICOR, Sanjay Singhvi, überbrachte die Grüße von zwei der größten betrieblichen Automobilgewerkschaften Indiens und berichtete, dass sich dort 25 Einzelgewerkschaften zu einem überbetrieblichen Gewerkschaftsverband zusammenschließen wollen. All das zeigte, wie die "Fackel" aus Bochum längst in aller Welt lodert.

Der Bericht von zwei ICOR-Brigadisten stellvertretend für mehrere Opelaner, die an den Aufbaubrigaden in Kobane teilgenommen haben, machte deutlich, wie sich die Erfahrungen aus dem Kampf im Bochum mit der internationalen revolutionären und Arbeiterbewegung durchdringen. Es sprachen Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen VW-Betrieben sowie von Daimler in Sindelfingen und Bremen, Führerinnen des Erzieherinnenstreiks, ein Sprecher der Internationalen Automobilarbeiterkoordinierung, Vertreterinnen des Frauenkomitees "BASTA!", der Bergarbeiterfrauen in Courage sowie des Solidaritätskreises für den Kampf der Opelaner - unterbrochen durch die kabarettistische Einlage von "Guste Knebel", der Frau "vom Herbert".

Stefan Engel, Vorsitzender der MLPD und langjähriger Berater der kämpferischen Opelaner, berichtete von einer Untersuchungskommission, die der BDI nach dem Streik 2004 einrichtete. In deren Auftrag sei damals eine Journalistin bei ihm gewesen, die wissen wollte, welche Rolle die MLPD bei dem Streik in Bochum gespielt habe. Er antwortete, dass die MLPD den Opelanern schon seit Langem mit Rat und Tat zur Seite stehe und ihr das Know-How aus wichtigen Kämpfen - unter anderem der Bergarbeiter - zur Verfügung stelle: "Die Opelaner haben aber ihren eigenen Kopf und wenn sie etwas für richtig halten, dann machen sie es."

Nach den Grußworten von Christian Link, Sprecher der Bergarbeiterbewegung "Kumpel für AUF", und Andreas Tadysiak, Hauptkoordinator der Internationaler Bergarbeiterkoordinierung, sang der ganze Saal tief bewegt die aus Spanien stammende Hymne der kämpferischen Bergarbeiter "Santa Barbara". Aufschlussreich auch die prominente Liste weiterer Grußworte an die Opelaner und ihre "Fackel". Sie reichte vom persönlichen Referenten des ver.di-Vorsitzenden Frank Bsirske, der in dessen Namen schrieb, über den Vorsitzenden der GDL, Claus Weselsky, den Comedian Hennes Bender, Marita Blüm für ihren im Ausland weilenden Mann Norbert Blüm, Prof. Roland Günter, die Soziale Liste Bochum bis zum Kabarettisten Wilfried Schmickler.

Der Abend klang mit ausgelassenem Tanz zu den Klängen der Bochumer Band "Compania Bataclan" und der Gelsenkirchener Gruppe "Kejsi und Infrarot" aus. Er hat bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Gewissheit hinterlassen, dass die Verbreitung der "Fackel" der kämpferischen Bochumer Opelaner alles andere als eine Floskel, sondern längst beeindruckende Realität ist.