International

24 Stunden wurde kein Schiff gelöscht: Interview mit Jeroen Toussaint zum Hafenarbeiterstreik in Rotterdam

24 Stunden wurde kein Schiff gelöscht: Interview mit Jeroen Toussaint zum Hafenarbeiterstreik in Rotterdam
Hafenarbeiter in Rotterdam streiken im Kampf um ihre Arbeitsplätze (screenshot von der Webseite der Gewerkschaft FNV Havens)

16.01.16 - Am 7. Januar um 15.15 Uhr begann ein 24-stündiger Streik der Arbeiter im Rotterdamer Containerhafen (rf-news berichtete). Heute sprach rf-news mit Jeroen Toussaint von Rode Morgen, der ICOR-Organisation in den Niederlanden. Jeroen war früher selbst Hafenarbeiter.

rf-news: Worum ging es in dem Streik? Und wie ist die aktuelle Situation?

Jeroen Toussaint: Der Streik war vorige Woche am 7. und 8. Januar. Er hat 24 Stunden gedauert. Die Gewerkschaftsführung versucht jetzt, durch "intensive Verhandlungen" mit einem faulen Kompromiss abzuschließen. Aber die Kollegen hatten diesen Streik erzwungen und so werden sie auch einen faulen Kompromiss nicht so akzeptieren. Sie sagen: "Dies war eins, aber niemals schon das Ende!" Die Auseinandersetzung geht ja schon seit Jahren. Die Hafenbosse und die großen Transportkonzerne haben beschlossen, einen neuen Hafen Maas II zu bauen. Da wollen sie auch keine Hafenarbeiter mit Tarifverträgen und Gewerkschaften mehr. Die Begründung ist, dass die Arbeit in hohem Maß automatisiert werden soll. Zum Beispiel soll es keine Kranführer mehr geben. Die Leute sollen dann in einem Büro sitzen und über Fernsteuerung zwei oder drei Kräne gleichzeitig steuern.

rf-news: Wie viele Kollegen haben gestreikt?

J.T.: Der Streik war im Containerbereich. Das sind zusammen so um die 1.000 Kollegen. Abgesehen von ein oder zwei Kränen, die von Angestellten betrieben wurden, stand dort alles still.

rf-news: Um welche Forderungen geht es den Kollegen genau?

J.T.: Es geht den Kollegen um den Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Gerade auch für die Jugend soll es feste Jobs im Hafen geben. Und sie kämpfen für die volle Übernahme der Leiharbeiter in eine Festanstellung. Die Hafenbosse haben nun eine Leiharbeitsfirma mit 200 Beschäftigten einfach für insolvent erklärt. Die Gewerkschaftsführung will aus Angst vor dem Streik einen ganzen Monat verhandeln, aber die Kollegen haben erklärt, dass sie das nicht akzeptieren werden. Denn die Hafenarbeiter haben in mehreren Massenveranstaltungen die volle Übernahme der Leiharbeiter gefordert und ihre Bereitschaft, dafür zu kämpfen, unterstrichen. Wir haben von unserer Seite natürlich auch den Kampf um die Arbeitszeitverkürzung als Gegenmaßnahme gegen die Arbeitsplatzvernichtung propagiert. Im Contischichtbereich geht es da um die 28-Stundenwoche und sonst um eine 31-Stundenwoche. Das ist auch Gegenstand der Auseinandersetzungen.

rf-news: Gab es auch internationale Solidarität zu dem Streik?

J.T.: Ja das hat eine lange Tradition und schon während der ganzen Krise haben die Hafenarbeiter selbständig gekämpft in den Niederlanden. Und während dieser selbständigen Streiks haben die Hafenarbeiter viele internationale Verbindungen geknüpft. Und so gab es jetzt viele Erklärungen von Gewerkschaftern aus anderen Ländern - Deutschland, Frankreich und Belgien - die gesagt haben: "Wir werden keine Schiffe löschen, die dem bestreikten Rotterdamer Hafen ausweichen wollen."

rf-news: Es gab ja auch sonst in den letzten Jahren viele Proteste in den Niederlanden, zum Beispiel von den Pflegekräften. Kannst Du uns dazu noch etwas sagen?

J.T.: Ja Pflegekräfte sollten einen Verlust von 60.000 Jobs hinnehmen. Die haben sich dagegen intensiv gewehrt und selbständig organisiert und auch immer wieder gefordert "Gute Pflege für die älteren Leute!" Das hat zu einer großen Mobilisierung geführt und wir haben dabei eine wichtige Rolle spielen können. Und am 12. September 2015 gab es alleine in Amsterdam eine große Demonstration mit 20.000 Leuten. Die Auseinandersetzung geht weiter, weil immer mehr Pflegedienste wegen der Kürzungen der Leistungen der Regierung Insolvenz anmelden müssen. Es geht um ein Zusammenwachsen dieser Aktionen der Pflegekräfte mit den Aktionen und Streiks der Metallarbeiter und Hafenarbeiter zu einem Netzwerk von selbständiger Widerstandsbewegung.

rf-news: Herzlichen Dank für das Gespräch!