Betrieb und Gewerkschaft

9.000 Stahlarbeiter in Duisburg: "Wir nehmen die Arbeitsplatzvernichtung nicht hin!"

9.000 Stahlarbeiter in Duisburg: "Wir nehmen die Arbeitsplatzvernichtung nicht hin!"
Transparent der Stahlarbeiter von ThyssenKrupp Steel Europe aus Duisburg-Hamborn/Beeckerwerth (rf-foto)

31.08.16 - "International, gemeinsamer Kampf der Stahlarbeiter um jeden Arbeitsplatz und für den Schutz der Umwelt" - unter diesem und weiteren Transparenten sowie Schildern marschierten heute die Belegschaften verschiedener Stahlbetriebe zum Kundgebungsplatz vor Tor 1 von ThyssenKrupp Steel Europe (TKSE) in Duisburg. Selbstbewusst fuhren die Stahlarbeiter morgens im Duisburger Werk das Warmbandwerk und die Gießwalzanlage herunter. Auch in vielen anderen Betrieben, vor allem von ThyssenKrupp in Dortmund, Bochum, Hagen-Hohenlimburg, Gelsenkirchen, Remscheid und Finnentrop wurde gestreikt.

Vom Werk Rasselstein aus Andernach/Neuwied waren allein 31 Busse gekommen. Selbst das reichte nicht und Kollegen musste zusätzlich mit Pkw fahren. Von Belegschaften anderer Stahlkonzerne waren ebenfalls Delegationen da: so von Saarstahl, Mannstaedt, Dillinger Hütte, Vaillorec Mülheim und Düsseldorf, von Salzgitter, Bochumer Verein sowie den Mannesmann Röhrenwerken.

Die Solidarität wurde auch über die Stahlbranche hinaus organisiert. So waren Delegationen von Daimler Düsseldorf, Opel Bochum und vom Sana-Klinikum Duisburg vertreten. Anders als noch im April wurde dieser Aktionstag nicht von den Stahlkapitalisten mitgetragen.

Dem Stahlaktionstag ging eine energische Auseinandersetzung in den Betrieben und in der Gewerkschaft voraus. In Duisburg berief die IG Metall erstmals eine Duisburg-weite Vertrauensleute-Vollversammlung ein. Dort wurde durchgesetzt, dass nicht nur Delegationen hingehen, sondern die Belegschaften insgesamt aufgerufen werden, teilzunehmen und die Arbeit niederzulegen. Kolleginnen und Kollegen kritisierten, dass die Verantwortlichen der IG Metall nur die Belegschaften einbeziehen wollten, die angeblich unmittelbar betroffen seien.

Betroffen sind aber alle Beschäftigte der Stahlvorproduktion und -weiterverarbeitung: im Kohlebergbau, in den Kokereien, den Walzwerken, Automobilwerken usw. Solche Auseinandersetzungen fanden auch in anderen Standorten statt. Die Zeitung von Kollegen für Kollegen "Stahlkocher" hatte in der letzten Woche aufgerufen: "Machen wir den 31.8. zum eindrucksvollen Streiktag aller Stahlarbeiter!"

Die offiziellen Redner der IG Metall forderten vor allem, dass "die Belegschaften nicht im Unklaren gelassen werden dürfen". Sie klagten, dass die IGM-Vertreter im Aufsichtsrat zu wenig einbezogen seien und ihre Fragen nicht beantwortet würden. Zugleich boten sie auch an, "wohlwollend mitzugestalten". Dafür gab es kaum Beifall. Beifall gab es, wenn Redner sagten, dass die Standorte nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen.

Ein Grußwort kam von der Gewerkschaft des Tata-Werks in Wales und in Jlmuiden (Niederlande). Insgesamt war bei den meisten Beteiligten der Wunsch und die große Bereitschaft spürbar, für die Arbeitsplätze entschlossen zu kämpfen. Viele Kolleginnen und Kollegen stimmten den Argumenten von kämpferischen Kollegen und der MLPD zu, dass dieser Generalangriff sofort mit einem Streik aller Stahlbelegschaften beantwortet werden muss. Auf Antworten zu warten, spaltet und zersetzt die Kampfmoral. Gut kam das Argument an, dass die Kollegen bei Opel Bochum 2004 auch unmittelbar in den selbstständigen Streik getreten sind, ohne auf die genaue Ausgestaltung der Pläne vom Vorstand im Einzelnen zu warten.

Die MLPD und der Jugendverband REBELL traten unübersehbar mit Trupps, Fahnen und Transparenten auf und führten vor dem offiziellen Auftakt und am Ende der Kundgebung ein offenes Mikrophon durch. Viele Rote-Fahne-Magazine und VW-Broschüren wechselten den Besitzer.

Reinhard Funk vom Zentralkomitee der MLPD sicherte den Stahlarbeitern die uneingeschränkte Solidarität, Unterstützung und das Know-How der MLPD zu, die seit Jahrzehnten die Stahlarbeiter in ihren Kämpfen begleitet. Er führte aus, dass es an der Zeit ist, nicht nur die Folgen der Krisen zu bekämpfen, sondern auch die Ursachen. Am offenen Mikrofon sprachen auch Gerd Pfisterer, früherer Streikführer bei Krupp in Rheinhausen, Kolleginnen und Kollegen von Opel Bochum, vom ehemaligen Siemens-Werk in Kamp-Lintfort und von der Umweltgewerkschaft. Die Kollegenzeitung "Stahlkocher" wurde interessiert aufgegriffen und es gab eine große Spendenbereitschaft.

Viele stimmten der Kapitalismus-Kritik der MLPD zu und dass es notwendig ist, nicht nur um jeden Arbeitsplatz, sondern auch offensiv für die 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich zu kämpfen und sich dafür das Streikrecht zu nehmen bzw. es zu erkämpfen. Die Stahlarbeiter waren sehr offen gegenüber der MLPD und ihren Positionen. Viele kannten sie schon aus ihrer Kleinarbeit in den Stahlbetrieben.

Der Stahlaktionstag wurde so zum Streiktag und Auftakt des gemeinsamen Kampfs der Stahlarbeiter. "Lasst dies den Beginn sein für einen internationalen Kampf gegen die Angriffe auf unsere Arbeitsplätze in der Stahlindustrie", schrieben die Kollegen aus IJmuiden (Niederlande).

Die am 16. September erscheinende Ausgabe des Rote-Fahne-Magazins wird die Entwicklung in der Stahlindustrie zum Titelthema haben (das Magazin kann hier bestellt werden). Die Redaktion freut sich viele interessante Zuschriften.