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Frauenpolitisches Ensemble in Gelsenkirchen: Internationalistisch und kämpferisch-entschlossen

Frauenpolitisches Ensemble in Gelsenkirchen: Internationalistisch und kämpferisch-entschlossen
Beschlussfassung auf der Nationalen Frauenversammlung (foto: RF)

06.11.16 - Ein bisher einmaliges Frauenpolitisches Ensemble findet derzeit in Gelsenkirchen statt. Rund 300 Basisfrauen trafen sich gestern im "Dienstleistungszentrum Horster Mitte" zur Nationalen Frauenversammlung. Dabei ging es zunächst um die Auswertung der 2. Weltfrauenkonferenz der Basisfrauen, die im März in Kathmandu (Nepal) stattfand. Aber auch darum, wie deren Beschlüsse in Deutschland umgesetzt werden und sich mit den vielfältigen Anliegen der kämpferischen Frauenbewegung durchdringen. Schließlich wurden die Delegierten für die am Sonntag folgende Europakonferenz der Weltfrauen nominiert und gewählt. Mit dabei waren Delegierte aus 26 Ländern, die bewusst schon vor Beginn der Europakonferenz und des Weltkoordinatorinnen-Treffens ab Montag angereist waren, damit sich der nationale und der internationale Beratungsprozess eng miteinander verbinden.

Gleich zu Beginn der Tagung gab es eine Änderung der Tagesordnung. Monika Gärtner-Engel schlug vor, eine Delegation zu den Beschäftigten der Firma Wellpappe zu entsenden, die im Kampf gegen eine provokative Insolvenz stehen, und eine Solidaritätsdemonstration mit der in der Türkei verhafteten Führung der HDP (Demokratische Partei der Völker) durchzuführen. Der Demonstrationszug durch den Gelsenkirchener Stadtteil Horst wurde so zu einem Teil der bundesweiten und weltweiten Proteste gegen die Machenschaften der faschistischen türkischen Regierung. Auch der Besuch bei den Wellpappe-Kollegen war erfolgreich. Sie statteten mit einer Delegation der Feier zum 25. Geburtstag des Frauenverbands Courage, die am Abend stattfand, einen Gegenbesuch ab.

Zügig und konzentriert ging es nach der Demonstration weiter. In verschiedenen Beiträgen legten die Frauen der deutschen Delegation von Kathmandu, der kämpferische Frauenrat, die Delegation Nordkurdistan/Türkei sowie die deutschen Delegierten der Europa-Konferenz Rechenschaft über ihre Arbeit ab. Sie zogen eine insgesamt außerordentlich positive Bilanz. Die Weltfrauenkonferenz in Nepal wurde von Basisfrauen aus insgesamt 61 Ländern unmittelbar vorbereitet. Rund 1.300 Frauen aus 48 Ländern nahmen daran teil. Ein wichtiges Ergebnis besteht schon jetzt darin, dass sich die überparteiliche Frauenbewegung in Deutschland mehr denn je vom Geist der internationalistischen Zusammenarbeit leiten lässt.

Es kamen auch Schwächen und Mängel in der Arbeit des Kämpferischen Frauenrates zur Sprache, über die offen, solidarisch und kritisch-selbstkritisch diskutiert wurde. In der Diskussion war der Blick vor allem nach vorne gerichtet, auf die vielfältigen Aufgaben im Kampf gegen die besondere Ausbeutung und Unterdrückung der Masse der Frauen und Mädchen. So wies eine Rednerin von "terre des femmes" darauf hin, dass aktuell in Deutschland allen Ernstes darüber diskutiert wird, ob die Ehe mit Mädchen ab 13 Jahren gesetzlich erlaubt werden soll oder nicht.

Am Ende wurden sechs Beschlüsse für die weitere Arbeit gefasst. So unter anderem, dass sich die Weltbasisfrauen in Zukunft an vier internationalen Kampftagen beteiligen sollen: neben dem 8. März, dem 1. Mai und dem 25. November als Kampftag gegen Gewalt an Frauen auch am internationalen Umweltkampftag, der dieses Jahr am 12. November sein wird. Weiter muss angesichts der weltweit wachsenden Kriegsgefahr der Einsatz für eine unabhängige Weltfriedensbewegung verstärkt werden. 2017 oder 2018 wird ein Theorieseminar zur Befreiung der Frau stattfinden. Die Basisfrauen stellten einmal mehr unter Beweis, dass sie ihre Arbeit selber finanzieren können und spendeten 591,10 Euro.

Unterstützt wurden die Frauen auch durch Männer, die ihnen beim Catering, Spülen und Putzen, bei Übersetzertätigkeiten, Ordner- und Fahrdiensten oder der Technik den Rücken freihielten. Eine Besucherin meinte: "Mir hat der solidarische Umgang bei streitigen Fragen gut gefallen und es war zu spüren, dass wir imstande sind, die gewaltigen Aufgaben in der nächsten Zeit zu bewältigen."

Der erste Tag des Esembles mündete in einer großen Geburtstagsfeier anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Frauenverbands Courage. Waren schon über den Tag ca. 300 Teilnehmerinnen anwesend, füllte sich der Saal am Abend nochmals um weitere 150 bis 200 Besucher. Es gab einen stolzen Rückblick auf die Erfolgsgeschichte des überparteilichen Frauenverbands, zahlreiche Gratulationen und Kulturbeiträge sowie ein großes, leckeres, selbst organisiertes Büffet. Zum Abschluss wurde ausgelassen getanzt.

Bei der heutigen Europakonferenz der Weltfrauen waren abstimmungsberechtigte Vertreterinnen aus 12 Ländern und Frauen aus vielen weiteren Ländern außerhalb Europas anwesend. Die europäischen Frauen trugen Länderberichte vor, die Aufschluss über die besondere Problematik der Frauenbewegung in den einzelnen Ländern gaben. So hielt z.B. den Bericht aus Bosnien-Herzegowina eine Vertreterin der Bewegung "Beendet das Schweigen", die selbst von den Massenvergewaltigungen während des Krieges betroffen war.

Einen Schwerpunkt bildete der Kampf der Arbeiterinnen bzw. Arbeiterfrauen. Eine anwesende Bergarbeiterfrau aus Spanien trug dazu ebenso bei wie das Grußwort von Bergarbeiterfrauen aus Polen oder die kämpferischen Kolleginnen der Gewerkschaft der Reinigungs- und Pflegekräften aus den Niederlanden. Ein weiterer Schwerpunkt war der Kampf gegen Gewalt an Frauen, gegen die sich europaweit Kämpfe entwickeln - wie z.B. gegen Frauenmorde in Italien oder gegen Pläne zur Verschärfung der Gesetze zum Schwangerschaftsabbruch. Beobachterinnen der Konferenz aus der Türkei erhielten Rederecht, um von den Verhaftungen der HDP-Politikerinnen und -Politiker zu berichten. Für eine halbe Stunde übernahmen "Junge Weltfrauen" das Podium, um Pläne für ihre weitere gemeinsame Arbeit zur Diskussion zu stellen.

Die ganze Stimmung war aufgewühlt und kämpferisch-entschlossen, den Worten nun Taten folgen zu lassen. Monika Gärtner-Engel, bisherige Europakoordinatorin der Weltfrauen, meinte, dass man angesichts des aggressiven Kurses der EU und der reaktionären Tendenz der europäischen Regierungen mit der bisherigen Zusammenarbeit der kämpferischen Frauenbewegung in Europa noch nicht zufrieden sein könne. In diesem Sinne wurde beschlossen, noch viel enger zusammenzuarbeiten. Unter anderem in verschiedenen thematischen Plattformen, wozu es bereits wichtige Erfahrungen gibt. Verstärkt werden soll länderübergreifend auch die Organisierung und Förderung junger Frauen.

Bis einschließlich Mittwoch wird das Ensemble dauern. Weitere Berichte werden auf der Homepage der Welfrauenkonferenz und des Frauenpolitischen Ratschlags sowie im nächsten Rote Fahne-Magazin veröffentlicht.