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Reformation contra Revolution - Martin Luther gegen Thomas Müntzer und seine Erben

Reformation contra Revolution - Martin Luther gegen Thomas Müntzer und seine Erben

Thomas Müntzer bei den Bauern: Zeichnung von Hans Balzer

08.01.17 - 2017 wird der Reformationstag am 31. Oktober einmalig ein bundesweiter Feiertag sein. An diesem Tag vor 500 Jahren veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen. Das wird nun von Staat und Kirche zum Anlass genommen, sich 2017 in herausragender Weise national und vor allem auch international als "Land der Reformation" zu präsentieren. Es ist ein Versuch der Herrschenden, die gesellschaftliche Lage zu stabilisieren. In einer Situation, in der im Linkstrend die Menschen auch offener werden für religionskritisches freies Denken.

Mit Luther bringen die Verantwortlichen aus Kirche und Staat einen Mann ins Spiel, der zunächst als Rebell gegen die ultrareaktionäre, mit Prunk protzende römisch-katholische Kirche auftrat. Gegen deren Scheinheiligkeit richteten sich seine Thesen; gegen den Ablasshandel, mit dem sich die Reichen den (vermeintlichen) Einzug ins Himmelreich erkaufen konnten. Er übersetzte erstmals die Bibel in die deutsche Sprache - vorher war deren Auslegung allein dem Latein sprechenden Klerus vorbehalten. Er leistete damit auch einen wichtigen Beitrag für die Entwicklung der deutschen Sprache überhaupt.

Als es aber ernst wurde, die Massen vor allem der leibeigenen, feudal geknechteten Bauern ihr Himmelreich auf Erden errichten wollten, kniff Luther. Mehr noch - in diesem Klassenkampf zwischen Feudalherren und Bauern unterstützte er die Fürsten. Über die aufständischen Bauern erklärte er: "Man soll sie zerschmeißen, würgen und stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund totschlagen muß."

Den niederen Ständen, allen voran den Bauern, die damals in Bauernaufständen gegen die Fürsten und das Papsttum aufbegehrten, schrieb er: "Ich möchte nicht, das man das Evangelium mit Gewalt und Blutvergießen verfechte. Durch das Wort ist die Welt überwunden wurden, (…) und der Antichrist, wie er seines ohne Gewalt bekommen, wird ohne Gewalt fallen."

Friedrich Engels, Mitbegründer des wissenschaftlichen Sozialismus, bezeichnete dagegen die Bauernkriege - an denen auch Bergleute und städtische Handwerker teilnahmen - als "großartigsten Revolutionsversuch des deutschen Volkes" ("Der Deutsche Bauernkrieg", Marx Engels Werke Band 7, Seite 409).

Im laufenden Reformationsjahr gibt es aus bürgerlichen Medien, auch aus der evangelisch-lutherischen Kirche, durchaus auch Kritik an Luther. Aber sie bezieht sich in der Regel nur auf antisemitische, rassistische Ausfälle und Tendenzen in seinem Werk. Sein Verrat an den revolutionären Bauern wird unter den Tisch gekehrt.

Dem bürgerlichen Reformator Martin Luther stand der plebejische Revolutionär, Geistliche und Volksführer Thomas Müntzer gegenüber. Er war einst Freund und Schüler Luthers. Müntzer, ein Mann aus dem Volke, kämpfte im Gegensatz zu Luther für eine Welt "für den gemeinen Mann, durch den gemeinen Mann!" Unter dieser neuen Welt verstand Müntzer eine Gesellschaft, die frei sein sollte von Privateigentum und Klassenunterschieden: "Die Gemeinschaft aller Güter, die gleiche Verpflichtung aller zur Arbeit und die Abschaffung aller Obrigkeit wurde proklamiert." (ebenda Seite 402).

Thomas Müntzer setzte sich dafür ein, dass das Volk seine Geschicke selbst in die Hand nimmt und seinen eigenen Kopf gebraucht: "Deshalb musst auch du, gemeiner Mann, selber gelehret werden, auf dass du nicht länger verführet werdest" und "Die Gewalt soll gegeben dem gemeinen Volk und der Gemeinde".

In der Schlacht bei Bad Frankenhausen am 15. Mai 1525 siegten die Fürsten über das bäuerlich-plebejische Heer unter Führung Müntzers. Den Revolutionär Thomas Müntzer ließen die Fürsten mit Wohlwollen Luthers hinrichten. Müntzer hatte gegen die Herrschenden rebelliert, ein "Verbündnis" zu deren Sturz aufgebaut, mutig und selbstlos dem Volke gedient. Bis zu seiner letzten Stunde.

Für seine frühkommunistischen Ideale war die damalige Zeit allerdings ökonomisch noch nicht reif und eine wissenschaftliche Ausarbeitung lag noch nicht vor. So endeten die Bauernkriege mit einer Niederlage. "Geschlagen ziehen wir nach Haus, die Enkel fechten's besser aus", heißt es in einem bekannten Lied über die Bauernkriege.

Mut und Selbstlosigkeit sind auch heute ein Vorbild für die Rebellion der Jugend. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Thomas Müntzer seiner Zeit zu weit voraus war: "Nicht nur die damalige Bewegung, auch sein ganzes Jahrhundert war nicht reif für die Durchführung der Ideen, die er selbst erst dunkel zu ahnen begonnen hatte. Die Klasse, die er repräsentierte, weit entfernt, vollständig entwickelt und fähig zur Unterjochung und Umbildung der ganzen Gesellschaft zu sein, war eben erst im Entstehen begriffen" (ebd. Seite 401).

400 Jahre später siegten die russischen Arbeiter und Bauern unter Führung Lenins in der sozialistischen Oktoberrevolution 1917 und konnten erstmals in der Geschichte der Menschheit mit dem Aufbau einer von Ausbeutung, Unterdrückung, Umweltzerstörung und Kriegen befreiten Gesellschaft beginnen.

Es ist kein Wunder, dass die Herrschenden und ihre Ideologen das sogenannte Reformationsjahr nutzen, um Luther zu feiern, der sich zu einem Reaktionär entwickelt hatte, und nicht Thomas Müntzer, denn: "Wie Müntzers Religionsphilosophie an den Atheismus, so streifte sein politisches Programm an den Kommunismus", analysierte Friedrich Engels und kommt sogar zu dem Urteil, dass noch am Vorabend der bürgerlichen Revolution von 1848 die Müntzerschen Ideen reifer waren als zahlreiche vorrevolutionäre Manifeste und Gedanken.

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