Frauen

Sakine Cansız – eine beeindruckende kurdische Revolutionärin

Sakine Cansız – eine beeindruckende kurdische Revolutionärin

Solingen (Korrespondenz), 09.01.17: Heute gedenken europaweit fortschrittliche Menschen der drei kurdischen Revolutionärinnen Sakine Cansız, Fidan Doğan und Leyla Şaylemez. Die wurden vor drei Jahren am 9. Januar 2013 in Paris durch den türkischen Geheimdienst MIT bestialisch ermordet. Die prominenteste der drei war die damals 54-jährige Sakine Cansız. Wer war diese mutige Frau?

1958 im kurdischen Dersim (türkisch Tunceli)  geboren war sie 1978 eine der beiden Frauen, die am Gründungskongress der PKK teilnahmen. Dass der Kampf für die Befreiung Kurdistans nicht ohne die Befreiung der besonders unterdrückten Frauen geführt werden kann war ihr von Anfang an klar. Zwischen 1977 und 1979 organisierte sie daher in verschiedenen Städten Frauen für den kurdischen Befreiungskampf. Damit setzte sie den Grundstein für die Entstehung einer kurdischen Frauenbewegung – damals absolut neu in der linken türkischen und kurdischen Bewegung. Heute ist das ein Erfolgsgarant und Markenzeichen der kurdischen Befreiungsbewegung. Er hat die kurdische Gesellschaft nachhaltig verändert.

Schon 1979 wurde sie verhaftet. Elf Jahre bis 1990 in verbrachte sie in verschiedenen türkischen Kerkern unter Folter und physischer und psychischer Barbarei. Mitstreiter zerbrachen daran. Nicht Sakine. Durch ihren mutigen ungebrochenen Widerstand wurde sie nicht nur für ihre Mitgefangenen, sondern für die kurdische Freiheitsbewegung zum Symbol des Widerstands. Mehrfach trat sie in den Hungerstreik, zweimal begann sie das Todesfasten. X-mal versuchte sie auszubrechen. Schon im Gefängnis schrieb sie einen 500-seitigen Bericht über die Widerstand der kurdischen Frauen im Kerker und verfasste hunderte von Briefe nach innen und nach außen. Auf dieser Grundlage veröffentlichte sie auf Empfehlung von Abdullah Öcalan ab 1996 drei Bücher über ihr Leben unter dem Titel "Mein ganzes Leben war ein Kampf."

Der 2. Band über die  elf Jahre Widerstand im Gefängnis ist ein beeindruckendes Dokument - selbstbewusst, selbstkritisch, absolut ehrlich und auch lehrreich über die besonderen Bedingungen dieser Kampffront - insbesondere über den äußerst zugespitzten Kampf um die Denkweise.

Beispielhaft einige Zitate: "Unser Vertrauen in die Berechtigung unseres Kampfes war unerschütterlich. Wir ließen uns nicht gehen. Jemand der sich seinen Stimmungen hingibt und den Feind die eigene Niedergeschlagenheit spüren lässt, kann nicht der PKK angehören." Über die Dialektik von Angst schrieb sie: "Angst gehört jedoch zu den ersten Steinen, die den Weg zum Verrat markieren ... Angst kann einem Menschen auch die Fähigkeit geben, eine Gefahr auf bestmögliche Weise zu überwinden ... Verwandelst du deine Angst in Stärke, kannst du damit die Angst des Feindes vergrößern und ihn sogar bewegungsunfähig machen." "Im Gefängnis ist es wichtig, organisiert Widerstand zu leisten bzw. den Widerstand zu organisieren. Eine tragfähige Organisierung bedeutet auch eine Garantie für das Individuum."

Als eine neue Gefangene zu ihnen kam, betont diese: "Trotz dieser Jahre der Folter seid ihr immer noch quicklebendig. Es tut gut zu sehen, dass ihr eine politische Arbeitsatmosphäre geschaffen habt." "Wir gaben eine Zeitung heraus, veranstalteten Weiterbildungen, machten regelmäßig Sport und führten ein Gemeinschaftsleben."

"Ich machte Sport auf dem Hof. Für den Hindernislauf stellte ich Kisten und Schemel auf, denen ich die Namen von Bergen gab. Ich lief stundenlang und stellte mir dabei vor, auf einen Berg zu steigen. Ich lief im Regen, bis ich von Kopf bis Fuß durchnässt war. Ich lief bei Schnee und Frost, um eine Verbindung zum Leben der Guerilla in den Bergen zu schaffen."

Nach ihrer Entlassung setzte sie den Kampf unter den PKK-Guerilla in den Bergen unter ihrem Kampfnamen "Sara" fort. Später organisierte sie in Deutschland Teile des Kampfes der hier illegalen PKK und wurde aufgrund eines internationalen Haftbefehls auf Betreiben der Türkei 2007 in Hamburg verhaftet - aber wieder freigelassen. Seit 1998 bekam sie politisches Asyl in Frankreich – bis zu ihrer Ermordung 2013.

2015 erschien der Film "Sara – mein ganzes Leben war ein Kampf". Die Bücher "Mein ganzes Leben war ein Kampf" sind bei "people to people" zu haben.