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"Das Ausmaß von Trumps Heimtücke und Lügen muss erst einmal ins Bewusstsein dringen"

Rote Fahne-Interview mit Mike Stout vom 1. Januar 2017

Mike Stout ist Sänger, Liedermacher und Aktivist der Arbeiter- und Umweltbewegung.

 

In den deutschen Medien wird vielfach behauptet, dass Trump hauptsächlich von weißen Arbeitern gewählt wurde. Wie schätzt du das selbst ein? Welche Unterstützung bekam er aus den kleinbürgerlichen Mittelschichten?

Trump bekam tatsächlich breite Unterstützung aus der US-amerikanischen Arbeiterklasse. Fast 50 Prozent der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter in den Staaten mit Schwerindustrie und industrieller Produktion, wie z.B. Ohio, Michigan, Wisconsin and Pennsylvania, stimmten für Trump. Mehr als fünf Millionen Menschen, die für Obama stimmten, gaben ihre Stimme nicht an Clinton. Auch waren hunderttausende arme Wähler und Arbeiter vom Wahlrecht ausgeschlossen, insbesondere Schwarze, Hispanics und Muslime - aufgrund der Sabotage durch die Republikanische Partei und der Streichung von Menschen aus dem Wahlregister.

Andererseits sind Millionen einfach nicht zur Wahl gegangen, da sie meinten, es war schlimmer als eine Wahl zwischen Pech und Cholera. Viele Trump-Wähler brachten einfach ihre Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen und mit der neoliberalen Politik der herrschenden Klasse zum Ausdruck. Millionen von Menschen fühlen sich verraten, vergessen, verlassen und ausgeschlossen vom sogenannten kapitalistischen „Aufschwung“ aufgrund der erbarmungslosen Globalisierung, die gut-bezahlte Arbeitsplätze vernichtet hat.

Insbesondere junge US-Amerikaner lehnten nicht nur Trump, sondern auch Clinton ab und blieben der Wahl fern. Dies zeigt unseres Erachtens eine zunehmende Kritik am Kapitalismus und eine wachsende Suche nach einer gesellschaftlichen Alternative. Wie siehst du das?

Es stimmt, dass die vielen US-Amerikaner, die sowohl Trump als auch Clinton ablehnten und nicht zur Wahl gingen, eine zunehmende Kritik am Kapitalismus und eine wachsende Suche nach einer gesellschaftlichen Alternative zum Ausdruck bringen. Leider gibt es zur Zeit keine funktionsfähige linke sozialistische Alternative in den USA. Die linken Kräfte sind vielfach zersplittert. Bewegungen sind zersplittert und viele Kämpfe, wie die für höhere Löhne, Black Lives Matter, die der Millionen von Jugendlichen, die in Schulden für Studiengebühren ertrinken, die für den Schutz der Migranten und die Kämpfe gegen den Klimawandel bleiben isoliert und werden nicht miteinander verbunden.

Positiv ist, dass es gegenwärtig auf lokaler Ebene viele Betrebungen gibt, ein Band der Solidarität zu weben, damit diese Kämpfe sich gegenseitig befruchten. Diese Bestrebungen, insbesondere durch unsere Jugend, sind entschieden antikapitalistisch und offen für den Sozialismus.

Mit seinem Programm für die ersten 100 Tage nach seiner Amtseinführung bekräftigt Trump eine Reihe seiner erzreaktionären, protektionistischen und repressiven Pläne, verbunden mit nationalistischer Stimmungsmache. Wie siehst du selbst dies? Was lässt sich jetzt schon über die zukünftig zu erwartende Wirtschafts-, Innen- und Außenpolitik sagen?

Trump ist ein ausgekochter „Reality-TV“-Zirkus-Darsteller und Karnevalist. Er hält täglich Pressekonferenzen, inszeniert riesige „Siegesrallyes“ in verschiedenen Staaten im industrialisierten Mittleren Westen und tweetet zu jeder Tageszeit. Er verzerrt die Realität, verbiegt die Wahrheit und verspricht der Arbeiterklasse, dass die Jobs bald vom Himmel fallen und dass alle massive Steuersenkungen erhalten werden. Das Ausmaß seiner Heimtücke und Lügen muss erst einmal ins Bewusstsein dringen.

Trump hat in der Umweltpolitik ein Roll Back angekündigt. Wie reagiert die Umweltbewegung darauf? Was ist deine eigene Meinung dazu?

Nach intensiver Vorbereitung wurde Standing Rock zu einem Leuchtturm für alle, die gegen die Drachen der fossilen Brennstoffe und ihre Lakaien in der Regierung kämpfen. Die Unterstützung der Kriegsveteranen in diesem Kampf hat den Ausschlag gegeben für den Sieg Tausender Indigener. Die Pipeline wurde vorübergehend gestoppt.

Unmittelbar nach der Wahl haben in zahlreichen Städten der USA Protestaktionen begonnen. Wer beteiligt sich hauptsächlich daran? Wie haben sich diese seitdem entwickelt? Was ist für den 20. Januar, den Tag seiner Amtseinführung und danach zu erwarten?

Am 20. und 21. Januar wird es in Washington D.C. Massendemonstrationen mit Hunderttausenden geben. Diese sollen den gewohnten Gang stören. Zusätzlich werden in verschiedenen Städten hunderte örtliche Demonstrationen geplant, um gegen die neue Regierung zu protestieren. Natürlich werden diese Wut und der Widerstand schnell vorübergehen, wenn nicht auch weiter organisiert wird. In Pennsylvania, wo ich wohne, wie auch im Nachbarstaat Ohio, gibt es gemeinsame Bestrebungen, Aktivisten im Widerstand gegen die zu erwartende reaktionäre Politik zusammenzuschließen, auch um unsere Erfahrungen auszutauschen im Kampf für echte ökonomische und politische Alternativen. Der Vorhang ist noch nicht gefallen und das epische Drama zur Rettung unseres Planeten vor dem Atomkrieg und dem Weltkrieg, vor der Umweltkatastrophe und wirtschaftlichen Niedergang hat erst begonnen!

Danke für das Interview!