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Gabi Gärtner: "Eine neue Qualität der allgemeinen Krisenhaftigkeit des Imperialismus und der Chancen für die Revolutionäre"

Gabi Gärtner: "Eine neue Qualität der allgemeinen Krisenhaftigkeit des Imperialismus und der Chancen für die Revolutionäre"

Gabi Gärtner (rf-foto)

21.04.07 - 2017 entpuppt sich bereits jetzt als Jahr großer Veränderungen. "Brandgefährlich" finden viele die Amtsausübung von Donald Trump als US-Präsident – Recht haben sie. Aber was sind Ursachen und Hintergründe? Viele Fragen, viele Sorgen, aber auch viel Entschlossenheit entsteht mit Blick auf sich häufende Krisen, Kriege ebenso wie neue Kämpfe und Massenbewegungen. Große Veränderungen auch bei der MLPD mit dem Wechsel an der Parteispitze von Stefan Engel zu Gabi Gärtner. In diesem bewegten Umfeld fand vor kurzem das 2. Plenum des vom X. Parteitag 2016 neu gewählten Zentralkomitee der MLPD statt. In einer Grundsatzrede dazu analysierte die neue Parteivorsitzende, Gabi Gärtner, in enger Abstimmung mit Stefan Engel die heutige Weltlage sowie die großen Aufgaben und Chancen der Revolutionäre. rf-news dokumentiert Auszüge, die auch als Hauptartikel im nächsten Rote Fahne Magazin erscheinen werden.

Für die Vorbereitung der internationalen sozialistischen Revolution ist es von größter Bedeutung, die Entwicklung des imperialistischen Weltsystems und des Potenzials der revolutionären Weltkrise stets treffend zu qualifizieren. Seit einigen Jahren entfalten sich die offen reaktionären Tendenzen des Imperialismus und seiner Regierungen.

Seit 2012 – und beschleunigt in den Jahren 2014 bis 2016 – werden immer mehr offen reaktionäre, nationalistische bis faschistoide Regierungen installiert, oder gingen zu einer offen reaktionären Politik über. Die große Mehrheit der bürgerlichen Regierungen, unter anderem die Merkel/Gabriel-Regierung, hat einen Rechtsruck vollzogen – als Reaktion auf den international beginnenden fortschrittlichen Stimmungsumschwung unter den Massen.

Die Amtsübernahme Donald Trumps in den USA kennzeichnet einen Umschlag von Quantität in eine neue Qualität der allgemeinen Krisenhaftigkeit des Imperialismus. Anfang März 2017 charakterisierte Stefan Engel die Entwicklung: "Die Politik von Trump und der Rechtsruck verschiedener Regierungen sind der reaktionäre Versuch des Imperialismus, aus seiner Krisenhaftigkeit herauszukommen. Die Entwicklung neuimperialistischer Länder ist Ausdruck der Krise des Imperialismus. Die Reaktion verschiedener alter imperialistischer Länder wie Großbritanniens mit dem Brexit, der USA, der Rechtsruck der japanischen Regierung oder auch das provokative Vordringen der NATO wie in Osteuropa kennzeichnen die zunehmende Aggressivität und Militarisierung des imperialistischen Weltsystems."

Eine veränderte Ausgangslage entsteht

Als Ergebnis darauf aufbauender gründlicher Untersuchungen entstanden folgende Thesen, die ich im Folgenden begründen möchte:

1. Aufgrund bedeutender Verschiebungen in den imperialistischen Kräfteverhältnissen droht der internationale Konkurrenzkampf mehr und mehr den Charakter eines offenen Schlagabtauschs und der Konfrontation anzunehmen.

2. Die wirtschaftliche und politische Labilität des Imperialismus vertieft sich allseitig.

Insbesondere die gewachsene Weltkriegsgefahr und Maßnahmen, die den Übergang in die globale Umweltkatastrophe beschleunigen, bedrohen den Weltfrieden und die Existenzgrundlagen der Menschheit auf neuer Stufe.

3. Die Veränderungen seit der Amtsübernahme durch Donald Trump haben keineswegs nur den Charakter eines bloßen Regierungswechsels:

Mit seinem Regierungsantritt kommt es zu einer Veränderung der Herrschaftsmethoden. Diese geraten mehr und mehr in Widerspruch mit den herkömmlichen bürgerlich-demokratischen Gepflogenheiten, lösen tendenziell die Nachkriegsordnung des imperialistischen Weltsystems auf, und an die Stelle des Regierungssystems der kleinbürgerlichen Denkweise setzt Trump die offene Reaktion nach innen und außen.

4. Aus der Verarbeitung und Positionierung gegen den weltweiten Rechtsruck der Regierungen beziehungsweise die Faschisierung der Staatsapparate, mit dem vorläufigen Höhepunkt der Amtsausübung von US-Präsident Trump, beginnt ein fortschrittlicher Stimmungsumschwung unter den Massen. Auf dieser Grundlage entsteht ein weltweiter Aufschwung der Arbeiterkämpfe sowie der Massenkämpfe an der ganzen Bandbreite des aktiven Volkswiderstands.

5. Aus diesen Faktoren zeichnet sich die Entstehung einer weltpolitisch neuen taktischen Ausgangslage ab.

6. Einer neuen Qualität in der Entwicklung der Krise des Imperialismus muss auch eine neue Stufe des gesellschaftsverändernden Kampfs folgen.

Die wichtigste Schlussfolgerung ist die notwendige Stärkung des marxistisch-leninistischen Parteiaufbaus in immer mehr Ländern und dessen praktische Koordinierung vor allem durch die ICOR – in Verbindung mit einer schrittweisen ideologisch-politischen Vereinheitlichung. …

Das derzeitige Kettenglied … in Deutschland ist die Durchdringung der taktischen Offensive für den echten Sozialismus und gegen den modernen Antikommunismus in Verbindung mit dem Aufbau des Internationalistischen Bündnisses mit der Kampagne "100 Jahre Oktoberrevolution", um den strategischen Blick zu schärfen. Die Neuausrichtung der marxistisch-leninistischen Strategie und Taktik auf dem Hintergrund der weltpolitischen Veränderungen kann die größte Chance seit dem II. Weltkrieg werden: für uns und für die Revolutionäre weltweit.

USA: Neue Regierungsmethode

Die zunehmende gesellschaftliche Polarisierung unterhöhlt das System der kleinbürgerlichen Denkweise immer tiefer und allseitiger. Sie hat in den USA zum Scheitern der kleinbürgerlichen Denkweise als Regierungsmethode geführt.

Worin besteht nun die neue taktische Ausgangslage, deren Entstehung sich abzeichnet?

Offensichtlich nimmt die seit der Neuorganisation der internationalen Produktion eingetretene Destabilisierung des imperialistischen Weltsystems beschleunigt zu, und sie ist mit einer Reihe neuer Erscheinungen verbunden.

So dem offen rassistischen Versuch, den Islam allgemein als weltanschauliche Basis des Terrorismus zu verunglimpfen; anstelle der Förderung des offenen Welthandels den Protektionismus zu verschärfen; die Zugeständnisse an die internationale Umweltbewegung radikal infrage zu stellen und eine aggressive Verschärfung der umweltzerstörenden Maßnahmen einzuleiten; überdies die imperialistische Machtpolitik nicht mehr in erster Linie auf den imperialistischen Pazifismus, sondern auf die offene Aggression und Militarisierung auszurichten. Als Betrugsmethode setzt Trump auf ultrareaktionäre bis sozialfaschistoide Demagogie. Zu seinen neuen Methoden gehören unter anderem:

1. Die Preisgabe bürgerlich-demokratischer Gepflogenheiten im Umgang mit der bürgerlichen Opposition, den bürgerlichen Medien und in den parlamentarischen Institutionen.

2. In der Außenpolitik Konfrontation und Aggressivität statt Diplomatie; provokative Aufgabe der Vertragstreue.

3. Unterminierung der bürgerlichen Gewaltenteilung: Regieren mit Dekreten unter Umgehung des Parlaments; Drohungen und Bestechung, um bürgerliche Parlamentarier und Richter seinem Kurs unterzuordnen.

4. Tendenzielle Aufgabe der Lebenslüge von der "Friedensmacht USA": offene Militarisierung der Regierung und der Politik – Krieg, Gewalt und Folter als legitime Mittel zur Durchsetzung der nationalen Interessen.

5. Attacke auf die bürgerlichen Medien und die mit ihnen noch verbundenen Illusionen von der "freien Medienberichterstattung". Manipulation der öffentlichen Meinung durch gezielte Falschinformation und Provokation mit der dreisten Verbreitung von Lügen als "alternative Fakten"; offen reaktionäre Leugnung wissenschaftlich gesicherter Erkenntnisse.

6. Verbreitung einer offen rassistischen, sexistischen und nationalistischen Weltanschauung zur Faschisierung und Spaltung der Gesellschaft.

7. Das rücksichtslose und pragmatische kapitalistische Streben nach Profit wird offen zum Regierungsprogramm.

8. Die provokative und radikale Attacke auf bisherige "Konsensbehauptungen" des Systems der kleinbürgerlichen Denkweise wie den Umweltschutz – und eine offene Kehrtwende dabei.

Im Gegensatz zu Erdogan in der Türkei hat Trump aber noch kein offen faschistisches System eingeführt. Dass die bürgerlich-demokratischen Rechte und Freiheiten in den USA bisher noch weitgehend unangetastet bleiben, hat etwas damit zu tun, dass die Massenbasis für diese offene reaktionäre Politik in den USA bisher nicht ausreicht und der Protest der demokratischen Volksbewegung sprunghaft zugenommen hat.

Erdogan kann dagegen mit seiner AKP auf eine relativ breite, fest gefügte Massenbasis setzen. Die Leute, die Trump gewählt haben, weil sie seiner Demagogie auf den Leim gingen, kann man nicht allesamt mit denen gleichsetzen, die in vollem Umfang seine reaktionäre Politik ausrichten oder voll mittragen. Das ist nur eine eher kleinere Gruppe der aggressivsten Teile des US-amerikanischen Finanzkapitals, politisch ultrareaktionäre Republikaner, Teile der Tea Party und der Kreationisten1 bis zum faschistischen Breitbart-Netzwerk. Anfang Februar stellte eine Umfrage von CNN fest: "Sechs von zehn Amerikanern haben die Nase voll von ihrem neuen Präsidenten. 40 Prozent der US-Wähler fordern sogar, dass Trump des Amtes enthoben wird."2

Weltanschaulich sind sich die verschiedenen ultrareaktionären Regierungen – bei aller unterschiedlichen Ausprägung – relativ einig mit verschiedenen Rechtfertigungstheorien. So verbreitet der Spiegel 6/2017 die Theorie der „illiberalen Demokratie:“ „In vielen Teilen der Welt erlebt die sogenannte ‚illiberale Demokratie‘ ein Comeback, die autoritäre Demokratie, in der ein Regent zwar mehr oder weniger frei gewählt wird, in der aber die Grundrechte der Bürger eingeschränkt sind und der Machtwechsel erschwert wird.“

Probleme der Herrschaftsausübung

Die Herrschenden können heute nicht so einfach offenen Faschismus oder Militärdiktaturen gegen die Massen durchsetzen – auch nicht im Hinblick auf die internationalisierte Produktion. Sie müssen „neue Wege“ gehen, um alle aus ihrer Sicht „lästigen“ bürgerlich-demokratischen Rechte und Freiheiten abzuschaffen oder zumindest massiv einzuschränken. Dabei kommt ihnen entgegen, dass die verschiedenen Notstandsgesetze, „Anti-Terrorismus“-Gesetze oder Regelungen zum Ausnahmezustand das bereits innerhalb der bürgerlichen Demokratie ermöglichen.

Politischer und ideologischer Hintergrund und Hinter„männer“ sind bei vielen der nach rechts gerückten Regierungen und Parteien offene Faschisten. So ist der Faschist Steve Bannon einer von Trumps Chefberatern. Bannon wiederum lobt den als „Putin-Einflüsterer“ geltenden Alexander Dugin und dessen „kompromisslosen Nationalismus“. Dugin verehrt den italienischen Faschismus und plant eine „rechte Weltrevolution“, bei der sich die Nationalisten aller Länder vereinigen, um Seite an Seite mit den USA „den liberalen Sumpf auszutrocknen“.3

Putin selbst baut seine Beziehungen zu faschistoiden Kräften aus. Vor Kurzem empfing er die Front-National-Führerin Marine Le Pen und fand es „interessant, sich … auszutauschen … Sie repräsentiere ein ‚politisches Spektrum‘ in Europa, das sich rasch entwickle.“4

Die offenen Faschisten sind zugleich unter den Massen nicht tragbar, sodass Le Pen in Frankreich den offen faschistischen Kurs ihres Vaters abmildern und die AfD ein Ausschlussverfahren gegen Björn Höcke einleiten musste. Die verschiedenen Übergänge in den Herrschaftsmethoden, von der bürgerlichen Demokratie über die offen reaktionäre Herrschaft nach innen und außen bis hin zu faschistischen Diktaturen, müssen wir also genau beobachten, qualifizieren und unsere Strategie und Taktik darauf ausrichten.

Die Ausarbeitung der Schrift Revolutionärer Weg 36/37 zur Krise der bürgerlichen Ideologie und der Lehre von der Denkweise gewinnt angesichts der damit einhergehenden „Schlachten“ um die Denkweise der Massen noch mehr an Bedeutung.

Erosion des Systems der kleinbürgerlichen Denkweise

Die Suche nach einer gesellschaftlichen Alternative in Deutschland wächst, und bereits längere Zeit entwickelt sich eine anhaltende, wachsende Offenheit und ein Interesse für die sozialistische Alternative und die MLPD. Das ist der bedeutendste Ausdruck der Erosion des Systems der kleinbürgerlichen Denkweise.

Der entstehende fortschrittliche Stimmungsumschwung hat sich im Laufe des Jahres 2016 international gestärkt. Der Amtsantritt Trumps im Januar 2017 fordert die Massen noch weiter heraus, sich massenhaft gesellschaftlich zu positionieren. Seit Anfang 2017 demonstrierten und streikten weltweit bei großen Massenprotesten über zehn Millionen Menschen. Gegen die Politik von Trump waren es allein über fünf Millionen – Demonstrationen, Manifestationen, Blockaden, teilweise Arbeiter-Streiks. Allein am Tag seiner Amtseinführung waren 4,7 Millionen Menschen in 800 Städten der Welt auf der Straße. Es waren auch die in der Nachkriegsgeschichte größten international koordinierten Manifestationen und Demonstrationen für Frauenrechte.

Eine neue, massenhafte Jugendbewegung entwickelt sich unter anderem in den USA. Eine Mehrheit der unter 30-Jährigen lehnt den Kapitalismus ab, und unter Jugendlichen herrscht ein bisher nicht gekanntes Bedürfnis nach Bewusstheit und Sympathie für den Sozialismus. Es gibt deutlich mehr Kräfte, die Kontakt mit der MLPD und der ICOR aufnehmen wollen … .

Weiter gab es Demonstrationen für Flüchtlingsrechte, unter anderem mit 300 000 Menschen in Barcelona am 15. Februar. Massenproteste erzwangen den Rücktritt der reaktionären Regierung Südkoreas oder die Rücknahme der Legalisierung der politischen Korruption in Rumänien. In Brasilien protestierten am 15. März eine Million Menschen mit Streiks, Blockaden, Besetzungen und Demonstrationen gegen eine weitgehende Abschaffung des Rentensystems. In Indien beteiligte sich am 3. März eine Million am landesweiten Streik der Bankangestellten gegen Präsident Modis Privatisierungspolitik.

Das Frauenbewusstsein erwacht in einigen Ländern auf breiter Front und politisiert sich. In Polen verhinderten mehr als 100 000 Frauen im Oktober 2016 durch Demonstrationen und Streiks ein absolutes Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen. In der Türkei verhinderte die Frauenbewegung ein Gesetz zur faktischen Legalisierung von Vergewaltigungen – die erste offene Niederlage von Erdogans faschistischer Diktatur. Am Internationalen Frauentag gab es in vielen Ländern Massendemonstrationen.

In Osteuropa gab es unter anderem in Armenien, Mazedonien, Polen, Rumänien und Ungarn anhaltende breite Massenproteste gegen die ultrareaktionären Regierungen.

Bemerkenswert sind die Massendemonstrationen in Russland, wo die Jugend massenhaft auf die Straße geht, ebenso wie in Weißrussland. Teils erbitterte Arbeiterkämpfe gab es in China und Indien Anfang März – bei VW in China für die Übernahme der Leiharbeiter in eine Festanstellung.

Die Herrschenden reagieren auf diese Entwicklung mit verstärkter Unterdrückung, sozialchauvinistischer bzw. sozialfaschistischer und anderen offen reaktionären Formen der Demagogie. In Indien wurden im März Führer des Maruti-Streiks wegen angeblichen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt, wogegen sofort Massenstreiks stattfanden und am 4. April ein weltweiter Streikund Protesttag. Die türkische Regierung verbot im Januar den Streik von Metallern mit der Begründung der „Gefährdung der nationalen Sicherheit“.

Reformistische Dämpfungsversuche

Zugleich versuchen Kräfte wie Martin Schulz (SPD) oder Emmanuel Macron, unabhängiger Präsidentschaftskandidat in Frankreich, das Regierungssystem der kleinbürgerlichen Denkweise zu beleben.

Auch die Bewegung gegen Trump ist nicht allgemein fortschrittlich oder gar links. Sie umfasst auch Anhänger einer gewünschten Clinton-Regierung mit Teilen des Monopolkapitals und seine milliardenschweren Vertreter wie Mark Zuckerberg, George Soros oder Bill Gates; liberale oder demokratische Personen in den Medien, der Justiz, im Beamtenapparat und unter Künstlern.

Diese bürgerliche und kleinbürgerliche Gegenbewegung gegen die offen reaktionäre faschistoide Trump-Regierung wird jedoch scheitern. Denn sie bietet keine wirkliche Alternative zur Krisenhaftigkeit des Imperialismus, die zu der jetzigen Veränderung der Herrschaftsmethoden in verschiedenen imperialistischen Regierungen geführt hat.

Sie können auch nicht einfach zurück hinter die Kritik an der Regierungsmethode des Systems der kleinbürgerlichen Denkweise. Die vom neuen SPD-Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten Martin Schulz propagierte Wende zu „sozialer Gerechtigkeit“ wird auf jeden Fall nicht dazu führen, die von der SPD unter Gerd Schröder verantwortete Umverteilung des Nationaleinkommens zulasten der breiten Massen wieder rückgängig zu machen. Es wird unter Martin Schulz ebenso wenig eine Abkehr von den Hartz-Gesetzen geben wie von der Riester-Rente, der Rente mit 67 oder der Auflösung der paritätischen Finanzierung der Sozialversicherung.

Offensichtlich spekuliert die SPD-Führung auf Spielräume für soziale Reformen, die durch die ökonomische Situation in Deutschland entstanden sind. Die sind allerdings nur zeitweiliger Natur und werden in der nächsten Weltwirtschaftsund Finanzkrise rigoros weggewischt. Auch drängen die Monopole darauf, die „Risiken“ für die wirtschaftliche Entwicklung so gering wie möglich zu halten, was aus ihrer Sicht keinen Spielraum für die Abschaffung der Hartz-Gesetze lässt. Allein eine immer wieder geforderte Veränderung der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) und ein Anstieg der Zinsen könnte die Regierung Milliarden kosten. Die SPD wird letztlich weiter ihre Rolle als Geschäftsführerin der Monopole spielen.

Ökonomische Basis der Destabilisierung

Ökonomisch hat die weitere Destabilisierung des Imperialismus die wesentliche Grundlage darin, dass die chronische Überakkumulation des Kapitals auf Grundlage der Neuorganisation der internationalen Produktion eine neue Stufe erreicht hat. Zwischen 2008 und 2015 stieg der Anteil der 14 neuimperialistischen Länder5 an den weltweiten Bruttoanlageinvestitionen von 28,5 auf 41,9 Prozent, während der Anteil der alten imperialistischen Länder (OECD) von 66,7 auf 51,8 Prozent zurück fiel.6

Das wirkte zunächst wie ein Ventil für die führenden imperialistischen Übermonopole, die unter anderem damit bereits 2009 bis 2011 aus der Weltwirtschaftskrise herauskamen. Doch mit dieser Verschiebung der Investitionstätigkeit wuchsen mächtige neue imperialistische Konkurrenten heran. Ihr Anteil am weltweiten Kapitalexport verdreifachte sich – gemessen an den jährlichen Kapitalabflüssen – von 2007 bis 2014 auf 30,9 Prozent.7

Ab 2015 trat allerdings im Kapitalexport eine Wende ein. Der Anteil der Investitionen der neuimperialistischen Länder am weltweiten Kapitalexport fiel von 30,9 Prozent im Jahr 2014 auf 19,9 Prozent 2015 zurück, der Anteil Chinas sank von 18,9 auf 12,5 Prozent. Die alten imperialistischen Länder dagegen, insbesondere die EU, steigerten 2015 ihren Anteil am Kapitalexport gegenüber 2014 von 22,5 auf 33,0 Prozent. Die USA dagegen fielen weiter zurück, von 24,0 auf 20,3 Prozent.8

Josef Stalin, russischer Kommunist und Jahrzehnte an der Spitze der sozialistischen Sowjetunion, wies darauf hin: „… dass die ungleichmäßige Entwicklung der kapitalistischen Länder im Laufe der Zeit gewöhnlich zu einer jähen Störung des Gleichgewichts innerhalb des Weltsystems des Kapitalismus führt …“, was zu drastischen „Krisen und Kriegskatastrophen“ führt.9 Die Multipolarität des Imperialismus ist Ausdruck dieser Ungleichmäßigkeit in der Entwicklung und hat sie zugleich enorm beschleunigt. Das ist die Wurzel des Anstiegs der kriegerischen Auseinandersetzungen auf der Welt, bis hin zur Entstehung einer neuen Weltkriegsgefahr.

Rückfall der USA

Die eklatanteste Ungleichmäßigkeit in der Entwicklung des imperialistischen Weltsystems ist der massive Rückfall des US-Imperialismus in seiner den Weltmarkt beherrschenden Stellung.

Einen Ausgangspunkt hat diese Entwicklung im militärischen und ökonomischen Scheitern ihrer US-imperialistischen Strategie im Mittleren und Nahen Osten. Allein der Krieg im Irak kostete die USA bis zum Jahr 2013 2,2 Billionen US-Dollar10, der Krieg in Afghanistan bis 2015 circa 1,5 Billionen.11

Durch den massiven Ausbau des umweltzerstörerischen Frackings konnten die USA sich kurzzeitig die Weltmarktführerschaft in der Erdölproduktion erobern. Saudi-Arabien und Russland konterten jedoch mit gesteigerter Ölproduktion. Der Ölpreis stürzte zwischen Juni 2014 und Januar 2016 von über 110 US-Dollar pro Barrel auf 27 ab und stürzte die Fracking-Branche in eine tiefe Krise. Seither wurden Fracking-Förderanlagen in den USA stillgelegt, allein in Texas 100 000 Arbeitsplätze in der Ölindustrie vernichtet.12 Russland und Saudi-Arabien eroberten sich 2016 wieder die Weltmarktführung bei der Ölproduktion und verdrängten die USA.13 Es ist eines der erklärten Ziele Trumps, das Fracking wieder in großem Umfang zu fördern.

In der Automobilindustrie waren im Jahr 2000 General Motors und Ford – gemessen am Umsatz – die größten Autokonzerne der Welt, noch vor DaimlerChrysler, Toyota und Volkswagen. Während Volkswagen Platz sieben der internationalen Übermonopole erobert hat, ist General Motors auf Platz 19 zurückgefallen, Ford auf Platz 20. Ähnlich sieht es in der Mineralölindustrie oder bei den Großbanken aus. Zu den Kabinettsmitgliedern und Beratern des US-Präsidenten Trump gehören neben drei ehemaligen Generälen nicht zufällig

* drei Vertreter von Goldman-Sachs (Steven Mnuchnin, Gary Cohn, Walter J. Clayton),

* zwei aus der Ölindustrie, darunter der frühere Vorstandsvorsitzende von ExxonMobil, Rex Tillerson,

* Mary Barra, Vorstandsvorsitzende von General Motors.

Sie repräsentieren die Kräfte des allein herrschenden internationalen Finanzkapitals in den USA, die im Konkurrenzkampf insbesondere mit China am stärksten zurückgefallen sind und sich auf dieser Grundlage besonders aggressiv entwickelt haben.

China mit veränderter Strategie

Der chinesische Sozialimperialismus hat mit der Agenda „Made in China 2025“ eine Änderung seiner Strategie im Kampf um die Beherrschung des Weltmarkts eingeleitet. Investierten chinesische Monopole bisher vor allem in Lateinamerika und Afrika, um sich Rohstoffe und Absatzmärkte zu sichern, nehmen jetzt in Europa Investitionen mit großem technologischem Know-how zu, vorrangig in Deutschland.14 Chinesische Investitionen in der EU stiegen von 2015 auf 2016 um 77 Prozent auf mehr als 35 Milliarden Euro.15

Deutsche Exportoffensive auf dünnem Eis

Eine weitere bedeutende Verschiebung der imperialistischen Kräfteverhältnisse erreichte der BRD-Imperialismus zu seinen Gunsten: 2016 erreichte die Exportoffensive der deutschen Monopole neue Rekordhöhen mit verkauften Waren in Höhe von 1,207 Billionen Euro. Auch die Importe erreichten mit 954,6 Milliarden Euro einen neuen Rekord16; das entspricht einem Exportüberschuss von rund 250 Milliarden Euro. Diese Exportoffensive ist die ökonomische Grundlage für die Stärkung der weltweiten Rolle des BRD-Imperialismus, für die er die EU als ökonomische und politische Machtbasis rigoros genutzt hat – auf Kosten anderer Staaten.

Aber auch im Konkurrenzkampf mit dem US-Imperialismus machte der BRD-Imperialismus Boden gut. Von 2012 bis 2015 erhöhten sich die Importe aus den USA lediglich um 1,2 Milliarden Euro, während sich die Exporte in die USA um 25,6 Milliarden steigerten. Das geht einher mit deutlichen Verschiebungen der Handelsbeziehungen. China entwickelte sich innerhalb eines Jahres, von 2015 bis 2016, vom viertgrößten zum größten Handelspartner Deutschlands, während die USA vom ersten auf den dritten Platz zurückgefallen sind.17 Die deutsche Exportoffensive bewegt sich jedoch auf brüchigem Eis. Sie bedeutet auch eine extreme Abhängigkeit von der äußerst labilen weltwirtschaftlichen Entwicklung.

Politisch inszeniert sich Angela Merkel als „derzeit wichtigste Verteidigerin der Demokratie und der westlichen Werte“.18 So sehr der Brexit die EU politisch, wirtschaftlich und militärisch insgesamt schwächt, nutzt die Merkel-Regierung gleichzeitig die Situation, um die Führungsrolle Deutschlands in der EU und der Welt zu stärken. Das Krisenkonzept vom „Europa der zwei Geschwindigkeiten“ festigt den Führungsanspruch des BRD-Imperialismus in der EU, zusammen mit den geschwächten Staaten Frankreich und Italien.

Wachsende Aggressivität des BRD-Imperialismus

Auch militärisch baut der BRD-Imperialismus seine Position aus; 2016 führte Deutschland Rüstungsgüter im Wert von 6,88 Milliarden Euro aus, das zweithöchste Ergebnis seiner Geschichte. Das Zugeständnis an die Forderungen von US-Präsident Trump, die Militärausgaben für die NATO auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu steigern, zeigt, dass sich Deutschland und die EU auch militärisch im Kampf um die Neuaufteilung der Welt in Stellung bringen wollen.

Der Rechtsruck der Regierung und das damit offener hervortretende aggressive Wesen des BRD-Imperialismus hat allerdings ihre latente politische Krise verschärft. Sie ist bis in bürgerliche Kreise hinein mit einer wachsenden Kritik konfrontiert: an den Rüstungsexporten; Abschiebungen, vor allem nach Afghanistan; Zusammenarbeit mit reaktionären und faschistischen Regimes wie der Türkei oder Saudi-Arabien; Abbau bürgerlich-demokratischer Rechte und Freiheiten. Auch der Mythos von der Willkommenskultur Merkels ist nicht mehr aufrechtzuerhalten.

Protektionismus und Freihandel – zwei Seiten einer Medaille

Der von US-Präsident Trump eingeleitete neue aggressive Protektionismus – mit Schutzzöllen von bis zu 35 Prozent – und die Aufkündigung multilateraler Freihandelszonen sollen angeblich die US-amerikanische Wirtschaft gegenüber ihren Konkurrenten wieder stabilisieren. Das überarbeitete Parteiprogramm der MLPD weist darauf hin, dass die internationalisierten staatsmonopolistischen Produktionsverhältnisse „den Nationalstaat permanent infrage [stellen], da er zu einem Hemmnis der Fortentwicklung der internationalisierten Produktivkräfte geworden ist. Zugleich wächst die Bedeutung der Nationalstaaten und der Aufrüstung ihres Machtapparats.“19

Der Widerspruch zwischen den internationalisierten Produktivkräften und den nationalstaatlichen Organisationsformen spitzt sich heute in neuer Qualität zu. Trump und die anderen ultrareaktionären faschistoiden Regierungen stehen für die Verteidigung der Machtansprüche der einzelnen Nationalstaaten mit der offenen Faschisierung ihrer Staatsapparate. Allerdings können die USA, ebenso wie Großbritannien, ihren Rückfall niemals ohne Bündnispartner aufholen. Insofern wird diese Politik vielleicht kurzfristig Erfolge erzielen, letztendlich aber scheitern. Der Brexit führt dazu, dass sogar das ganze „Vereinigte Königreich“ zerfallen kann, da sowohl Schottland als auch Nord-Irland bereits angekündigt haben, diesen nicht mitzumachen und in der EU bleiben zu wollen.

Das Interesse des deutschen Imperialismus am sogenannten „Freihandel“ – und der darauf aufbauende Konflikt mit der Politik von Trump – ist durch die vom Export abhängige Struktur des BRD-Imperialismus diktiert. Neben der aggressiven Nutzung des Welthandels für Konkurrenzvorteile des deutschen Imperialismus ist seine Politik allerdings zugleich selbst mit Schutzzöllen und anderen protektionistischen Maßnahmen verbunden. Die über weltweite protektionistische Maßnahmen „wachende“ Website „Global Trade Alert“ listet aktuell für Deutschland 353 protektionistische Maßnahmen auf. Die USA werden mit 1281, Indien mit 656, Russland mit 658 und China mit 267 protektionistischen Maßnahmen aufgeführt.20

Der propagandistisch gegen den Protektionismus gerichtete Lobgesang der imperialistischen Konkurrenten auf den „freien Markt“ sucht die Massen für den imperialistischen Konkurrenzkampf um den Weltmarkt zu gewinnen. Die ihn am lautesten singen, wie Deutschland und China, sind auch seine stärksten Profiteure.

„Protektionismus“ und „freier Welthandel“ sind zwei Seiten derselben Medaille, mit denen die internationalen Übermonopole versuchen, sich einen Vorteil im internationalen Konkurrenzkampf zu verschaffen – wobei einmal die eine, einmal die andere Seite im Vordergrund stehen kann. Beide Taktiken der imperialistischen Politik geraten jedoch immer mehr in unlösbaren Widerspruch zur internationalisierten Produktion und zur Entwicklung der revolutionären Produktivkräfte. Sie sind deshalb wider Willen wesentliche Triebkräfte der Destabilisierung des Imperialismus und der revolutionären Herausforderung der Massen der Welt.

Schwankende Weltwirtschaft

Die schwankende Stagnation in der Weltwirtschaft entwickelt sich weiter ungleichmäßig und mit tendenziell stärkeren Ausschlägen nach unten und oben. Auch die alten imperialistischen Länder, die mit dem Ende der Weltwirtschaftsund Finanzkrise 2014 zeitweilig wieder zum Hauptmotor der Weltwirtschaft wurden, sind ins Stottern geraten. Die Industrieproduktion der USA, die 2014 und 2015 den Vorkrisenstand leicht übertreffen konnte, sinkt seit dem vierten Quartal 2015 ununterbrochen.

Die Industrieproduktion der EU hat seit 2015 einen leichten Aufwärtstrend, liegt aber im vierten Quartal 2016 immer noch 5,6 Prozent unter dem Vorkrisenstand. Weit unter dem Vorkrisenstand verharrt die Industrieproduktion im vierten Quartal 2016 in Großbritannien mit 90,5 Prozent, Frankreich mit 88,5 Prozent, Italien mit 79,5 Prozent und in Spanien mit 76,4 Prozent; ebenso in Japan mit 85,5 Prozent.

Eine Besonderheit in Deutschland ist das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP), das im vierten Quartal 2016 bei 107,9 Prozent lag gegenüber dem Vorkrisenstand. Die höchsten Zuwachsraten des BIP mit 3,9 Prozent kamen von Finanzund Versicherungsleistungen und aus der Informationsund Kommunikationsbranche mit 2,9 Prozent. Das sogenannte verarbeitende Gewerbe schaffte nur 0,5 Prozent. Die Industrieproduktion in Deutschland pendelte 2016 mit Ausschlägen von –0,4 Prozent bis zu +2,0 Prozent um den Vorkrisenstand.

Auch die ökonomische Basis der neuimperialistischen Länder, die sich während der Weltwirtschaftsund Finanzkrise gewaltig gestärkt hatte, verliert an Dynamik und Kraft:

Brasilien steckt seit 2015 in einer Wirtschaftskrise, seine Industrieproduktion lag im vierten Quartal 2016 um 18,5 Prozent unter dem Vorkrisenstand.21

Die Industrieproduktion der Türkei fiel im dritten Quartal 2016 um 2,8 Prozent auf allerdings immer noch 114 Prozent des Vorkrisenstands zurück.

Das Wachstum der Industrieproduktion in China, das 2008 bis 2014 Raten von 6,9 bis 12,6 Prozent aufwies, hat sich 2015 mit 5,9 Prozent und 2016 mit 6,0 Prozent deutlich abgeschwächt.

Das Wachstum in Indien, wo die Industrieproduktion 2015 auf 122,8 Prozent des Vorkrisenstands gewachsen war, kühlt seit 2016 ab; im dritten Quartal 2016 sank die Industrieproduktion um 0,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Die Industrieproduktion in Südkorea, Mexiko und Russland, die bereits 2013/2014 den Vorkrisenstand mit 107–108 Prozent übertroffen hatte, geht seitdem zurück und lag im Dezember 2016 bei 103,4 Prozent.

Damit verstärken sich Faktoren, die darauf hindeuten, dass sich eine neue Überproduktionskrise vorbereitet.

Internationale Strukturkrise

Auch die chronische internationale Strukturkrise der permanenten und relativ kontrollierten Kapitalvernichtung verschärft sich nach dem Ende der Weltwirtschaftsund Finanzkrise zu einer Vernichtungsschlacht um die weltmarktbeherrschende Stellung. Die grenzüberschreitenden Fusionen und Übernahmen stiegen 2015 sprunghaft auf 735 Milliarden US-Dollar an und hielten 2016 mit 831 Milliarden US-Dollar diesen höchsten Wert seit 2007.22 Ganze Branchen wie die Agrarchemie werden neu geordnet; mit verschiedenen Megafusionen würden 70 Prozent des Pestizidmarktes und 60 Prozent des kommerziellen Saatgutes bei drei Konzernen konzentriert.

Auch in der Automobil-, Stahl-, Mineralöl-, Elektronik-, Telekommunikations-, Einzelhandels-, Werft-, Bankenund Versicherungsbranche sind solche Schlachten um die Neuordnung der Weltmarktanteile zwischen alten und neuimperialistischen Ländern in Gang gesetzt.

Die wachsende Zerrüttung und Fäulnis des imperialistischen Weltsystems geht einher mit zunehmenden kriminellen Machenschaften. In verschiedenen Ländern gibt es Krisen, ähnlich der VW-Krise in Deutschland; so in Südkorea um die Verflechtungen des Samsung-Konzerns mit der dortigen Regierung.

Die chronische internationale Strukturkrise durchdringt sich mit einer neuen Strukturkrise der Umstellung vom Verbrennungsmotor zum Elektromotor. Die aufstrebenden neuimperialistischen Automobil-Übermonopole, vor allem aus China und Indien, greifen mit der Elektromobilität die Führungsposition der deutschen, europäischen, japanischen und US-Automonopole an. Die VW-Krise breitet sich auf immer mehr Autokonzerne und Modelle aus und stellt Ansehen und Verkauf ganzer Modellreihen infrage und den Dieselantrieb als solchen.

Angesichts dessen wird diese Umstellung auf E-Mobilität zur Existenzfrage im weltweiten Konkurrenzkampf der Automobilmonopole. Sie ist, insbesondere durch den Wegfall eines Großteils der Motorenteile, verbunden mit einer Vernichtung von bis zu 2,7 Millionen Arbeitsplätzen. Das bei, nach Schätzungen der IG Metall, rund neun Millionen Automobilarbeitern, auf die Welt hoch gerechnet.23 Natürlich stehen und fallen diese Pläne zugleich damit, ob sich die dafür notwendigen riesigen Investitionen für die Monopole vom Standpunkt ihrer Profitwirtschaft „rechnen“.

Ein weiterer Faktor, der die Labilität der Weltwirtschaft erhöht, ist die explosive Ausweitung spekulativen Kapitals in der Weltwirtschaft. In den Jahren 2015 erreichte die weltweite Börsenkapitalisierung mit 76 Billionen US-Dollar ihren bisher höchsten je erreichten Stand.24

Zwischenimperialistische Konfrontation

Die zwischenimperialistische Konkurrenz droht mehr und mehr in eine Phase des offenen Schlagabtauschs und der Konfrontation überzugehen.

Erstmals seit dem Zusammenbruch der sozialimperialistischen Sowjetunion 1991 entsteht wieder eine direkte Konfrontation der imperialistischen Hauptmächte, sowohl in Syrien als auch in der Ukraine. Das kann der Auslöser eines III. Weltkrieges sein; ebenso, wenn sich der Konflikt zwischen der bisherigen Großmacht USA und der am aggressivsten aufstrebenden Macht China weiter zuspitzt.25 Um China zu isolieren, ändert Trump die Politik gegenüber Russland.

China ist heute größter Öl-Importeur aus dem Mittleren Osten, hat aber keine ausreichende Flotte, um die Seewege zu sichern. Ein Drittel des Welthandelsverkehrs auf See verläuft durch das Südchinesische Meer, wo auch große Ölvorkommen sind.26 Die USA starteten hier im Februar 2017 Seepatrouillen. Die „Unterbrechung dieser Versorgungswege durch eine Großmacht beschwört den III. Weltkrieg herauf“, prophezeite die Schrift Revolutionärer Weg 22, „Krieg und Frieden und die sozialistische Revolution“, bereits im Jahr 1983.27

Provokativ erklärt Trumps Chefberater Steve Bannon, „dass Peking und Washington in den nächsten fünf bis zehn Jahren im südchinesischen Meer in den Krieg ziehen werden.“28

Entsprechend stocken die USA ihren Rüstungsetat um 54 Milliarden Dollar auf und verstärken provokativ den Aufmarsch in der Pazifikregion. 50 000 Soldaten sind in Japan, 28 500 in Südkorea stationiert.29 In Südkorea startete im März 2017 ein zweimonatiges Großmanöver mit 300 000 Soldaten von Südkorea und USA.30 Zwar steigt der Militärhaushalt Chinas „nur noch“ um sieben Prozent; die Marine-Streitkräfte jedoch werden verfünffacht – was eine Einstellung auf Konflikte im Südchinesischen Meer bedeutet.31

Angesichts dieser Entwicklungen müssen der Friedenskampf und der antimilitaristische Kampf wesentlich verstärkt und der Aufbau einer neuen Friedensbewegung gefördert werden. Das Internationalistische Bündnis profiliert sich dabei als konsequent unabhängig von allen imperialistischen Mächten. Es ist ein Trumpf, dass an dieser Frage bei allen – doch auch sehr unterschiedlichen Kräften im Internationalistischen Bündnis – Konsens besteht! Ein III. Weltkrieg muss verhindert werden – durch den Kampf der Völker in enger Verbindung mit dem Klassenkampf!

Faschisierung der Staatsapparate

Der Verschärfung in der Außenpolitik entspricht ein beschleunigter Prozess der Faschisierung der Staatsapparate. Ein Schwerpunkt ist die verstärkte internationale Zusammenarbeit der Geheimdienste.

Ebenso die Ausweitung der Paragraph-129a/b-Verfahren gegen revolutionäre Kräfte in Deutschland mit weiteren Verhaftungen. Hinzu kommt die enge Zusammenarbeit mit dem faschistischen Erdogan-Regime und eine Verschärfung des Verbots der PKK und dessen – so auch die Einschätzung in bürgerlichen Juristenkreisen – völkerrechtswidriger Erweiterung auf die PYD, YPG und YPJ.

Es stößt auf großen Widerspruch, dass damit Kräfte unter das Verbot fallen, die zu den konsequentesten Kämpfern gegen den faschistischen IS zählen. Die Verfolgungsermächtigungen des Bundesjustizministeriums gegen die TKP/ML, PKK und weitere revolutionäre Organisationen sind unverzüglich zurückzunehmen und die Beziehungen zum Erdogan-Regime abzubrechen!

Umweltkrise verschärft sich

Der Rechtsruck der imperialistischen Regierungen geht einher mit dem beschleunigten Abbau der von den Massen erkämpften Umweltschutzmaßnahmen. Das trifft auf eine Dynamisierung der Wechselwirkung der hauptsächlichen Faktoren des Übergangs in die globale Umweltkatastrophe. Dieser Prozess birgt das Potenzial eines weiteren qualitativen Sprungs im Übergang in die globale Umweltkatastrophe – mit irreversiblen Folgen.

Sofort nach seiner Wahl kündigte US-Präsident Trump den massiven Ausbau des Frackings an, dem er „Energieunabhängigkeit“ der USA und einen „enormen Vorteil“ für die US-Monopole attestiert.32 Sofort hob er den von Obama verhängten Baustopp für die Dakota-Pipeline auf, die Öl quer durch Indianer-Reservate in die USA transportieren soll. Massendemonstrationen unter Beteiligung von zwölf Indianerstämmen legten daraufhin am 10. März Washington lahm.33 Am 2. März ernannte Trump den „Klimaskeptiker“, Öl-Lobbyisten und Ex-Gouverneur Rick Perry zum neuen Energieminister. Dieser will das Energieministerium abschaffen, der Klimaskeptiker Scott Pruitt als neuer Leiter der US-Umweltbehörde EPA gar seine eigene Behörde.

Auch die Bundesregierung forciert ihre Politik der Umweltzerstörung: mit den skandalösen VW-Machenschaften, dem Rollback in der Förderung erneuerbarer Energien, dem Atomdeal mit den vier deutschen Energie-Übermonopolen, dem Fracking-Gesetz und dem weiteren Ausbau des Braunkohleabbaus. Auch wurde letzten Monat das Bundesnaturschutzgesetz geändert und ein Veto-Recht des Verkehrsund Landwirtschaftsministeriums eingeführt, wenn Schutzregeln verschärft werden sollen.

Der UN-Nothilfekoordinator Stephen O’Brien warnte den Weltsicherheitsrat vor einer dramatischen Hungersnot im Jemen, im Südsudan, in Somalia und in Nigeria; nach seinen Worten könnten bis zu 20 Millionen Menschen verhungern. Aktuell stünden die Vereinten Nationen vor der größten humanitären Katastrophe seit ihrer Gründung im Jahr 1945.34 500 Millionen Kinder leben in Gebieten mit Überflutungsrisiko. 160 Millionen sind von schweren Dürren betroffen.

Auch bei den Fluchtursachen ist eine neue Identität von Umweltzerstörung, verbrecherischen imperialistischen Kriegen und faschistischer Unterdrückung erkennbar. …

Diskussion über neuimperialistische Länder

Im Zentrum der internationalen Auseinandersetzungen steht die intensive Diskussion über die Beurteilung und die Schlussfolgerungen aus der Entstehung neuimperialistischer Länder. Ausgehend von Veröffentlichungen der MLPD wird diese Diskussion bereits in zahlreichen Parteien geführt, beschäftigen sich zahlreiche Zentralkomitees mit dieser Frage, machen eigene Untersuchungen usw. …

Internationale Arbeiterkämpfe

Das internationale Industrieproletariat ist die führende Kraft im entstehenden fortschrittlichen Stimmungsumschwung. Nach einem zeitweiligen Rückgang im letzten Jahr beleben sich 2017 international die Kämpfe. Auch wenn in Deutschland die Streiktage 2016 gegenüber 2015 leicht abgenommen haben, so ist die Zahl der Streikenden kaum zurückgegangen.

Die Delegierten der 2. Internationalen Bergarbeiterkonferenz (IMC) stellten eindrucksvoll die politische Bedeutung und Stärke der internationalen Bergarbeiterbewegung unter Beweis:

* In Ägypten und Tunesien setzten Bergarbeiter im sogenannten „Arabischen Frühling“ mit ihren Streiks die zeitweise Abschaffung der Leiharbeit durch.

* In Indien bilden bis zu 700 000 Bergarbeiter die kampfstärkste Truppe gegen Präsident Modis arbeiterfeindliche Gesetze.

* In der Ukraine findet ein erbitterter Streik gegen die Stilllegung von Kohlezechen statt – gegen paramilitärische Kräfte der Zechenbarone, unterstützt von der Regierung. …

In unserer Arbeit an der Hauptkampflinie erweist sich der Kampf um die im Revolutionärer Weg 3535 herausgearbeiteten erweiterten Anforderungen an das Klassenbewusstsein als genau richtig – und hat uns eine Reihe von Alleinstellungsmerkmalen eingebracht!

Den Ökonomisten interessiert zum Beispiel das Deputat von Bergbaurentnern gar nicht, weil diese ja (in der Natur der Sache liegend) gar nicht mehr im Betrieb sind. Dabei gab es zu dieser Frage im letzten Jahr die größten Arbeiterprotestveranstaltungen im Ruhrgebiet. …

Die gesamtgesellschaftlichen Kulminationspunkte in der Autoindustrie und die sich daraus ergebenden Anforderungen an die Arbeiterklasse sind nur im Zusammenhang mit der Entstehung der neuimperialistischen Länder zu verstehen.

Als Widerspiegelung der objektiven Veränderungen sprießen neue Varianten des Sozialchauvinismus:

Der türkische Neuimperialismus trägt eine gefährliche Spaltung in die Arbeiterbewegung – immer öfter sind es Erdogan-Anhänger, die sich als Denunzianten im Betrieb betätigen.

Der Opel-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Schäfer-Klug begrüßt die Fusion PSA-Opel als „Chance für einen europäischen starken Konzern“.

In der Mitarbeiterzeitung „inside VW“ antwortet Betriebsratschef Osterloh auf die kritische Nachfrage zur möglichen Arbeitsplatzvernichtung: „… weil es um die Zukunft von VW geht, ist das leider auch nicht zu vermeiden.“36

Das bestätigt die Definition Lenins, der den Sozialchauvinismus als „vollendeten Opportunismus37 kennzeichnet. Er ist auch die Basis der verstärkten antikommunistischen Hetze, nach der jeder, der VW oder „seinen“ Konzern angreift, ein „Nestbeschmutzer“ ist und Arbeitsplätze vernichtet. Die MLPD nimmt in dieser Situation einen klaren proletarischen Klassenstandpunkt ein. …

MLPD – als revolutionäre linke Kraft

Die Krise des Regierungssystems der kleinbürgerlichen Denkweise wirkt sich auch in Deutschland allseitig aus. Die ganze Bandbreite ihrer Lebenslügen nehmen die Leute den Herrschenden nicht mehr wirklich ab. Ob es die angeblich „friedliebende“ Außenpolitik ist, der imperialistische Ökologismus oder die Klassenzusammenarbeitspolitik, die angeblich die Standorte und Arbeitsplätze erhalte.

Fast alle kleinbürgerlichen Strömungen – von der Linkspartei, den Grünen, den Linksreformisten in Betrieben und Gewerkschaften bis hin zu den Revisionisten38 – haben angesichts der gesellschaftlichen Polarisierung Probleme und kommen zum Teil regelrecht in die Krise. …

Führende Revisionisten gehen sogar offen zu Teilen des imperialistischen, reaktionären und nationalistischen Lagers über: zu Putin, Assad, zum Teil sogar zu Trump. So attackiert Klaus Hartmann, DKP-Mitglied und Bundesvorsitzender des Deutschen Freidenkerverbands, die Protestbewegung gegen Trump als „Delegitimierungsstrategie gegen Trump, die den positivsten Teil seiner angekündigten Außenpolitik stören soll, nämlich die Spannungen zu Russland abzubauen.“39

Diese Politik kennzeichnet den Übergang von Teilen der Revisionisten zu offen sozialimperialistischen Positionen, womit sich ihre führenden Repräsentanten als Bündnispartner endgültig diskreditieren.

Zugleich wird das zu einer großen Spaltung innerhalb des revisionistischen Lagers führen – und zu einer Offenheit für und Zuwendung ehrlicher Kräfte zur MLPD; international gilt das für die ICOR.

Es hat weltpolitische Bedeutung, dass der Friedenskampf zu einem wesentlichen Feld der Veränderung der Kräfteverhältnisse wird – von den Revisionisten hin zu den Marxisten-Leninisten! Auch die Krise der Autonomen Bewegung setzt sich fort.

In dieser Situation werden sozusagen die Karten neu gemischt, und die MLPD rückt eindeutig mehr und mehr ins Zentrum als linke, revolutionäre Kraft.

1 Eine reaktionäre christlich-fundamentalistische Gruppe, die unter anderem die Evolution bestreitet

2 www.huffingtonpost.de, 04.02.17

3 Zeit online, 23.2.17

4 Spiegel, 24.03.17

5  Dazu gehören die BRICS und MIST Länder, Katar, Saudi-Arabien, Argentinien, die Vereinigten Arabischen Emirate und der Iran

6  Weltbank, eigene Berechnung GSA e.V.

7 UNCTAD, eigene Berechnung GSA e.V.

8 ebenda

9 Stalin, Werke, Bd. 15, S. 33

10 dpa in Merkur.de, 15.03.13

11 statista.com

12 oilprice.com 8.6.16

13 www.tradingeconomics.com 6.3.17

14  Chinesische Direktinvestitionen in Deutschland und Europa – Eine Studie des Mercator Institute for China Studies und der Rhodium Group, Juni 2015

15 Süddeutsche Zeitung, 8.3.17

16 Süddeutsche Zeitung, 9.2.17

17 Deutschlandfunk, 26.2.17

18 Frankfurter Rundschau. 13.3.17

19 Programm der MLPD, S. 31/32

20 Die Zeit, 16.3.17

21 OECD, eigene Berechnung GSA e.V.

22 UNCTAD, eigene Berechnung GSA e.V.

23  www.sueddeutsche.de 13.9.16, eigene Berechnung der GSA e.V.

24  WFE (World Exchanges od Federations members), eigene Berechnung GSA e.V.

25  vgl. Revolutionärer Weg 22, Seite 28

26 Deutsche Welle, 19.2.17

27Revolutionärer Weg 22, Seite 30

28  In seiner Radio-Show März 2016, zitiert nach The Australian, 23.2.17, TAZ und finanzmarktwelt 2.2.17

29 N24, 10.1.17

30  Richard Stone: United States & South Korea, März 2017

31 Süddeutsche, 15.3.17

32  https://twitter.com/realdonaldtrump/status/198131842593984515?lang=en

33  http://www.huffingtonpost.com/entry/native-nations-march-washington-dc-us_us_58c20238e4b0d1078ca597af

34 Huffington Post 3.10.17

35  Buchausgabe „Katastrophenalarm! Was tun gegen die mutwillige Zerstörung der Einheit von Mensch und Natur?“

36 „Mitarbeiterzeitung inside VW“, 10.3.17

37 Lenin Werke Bd. 21, S. 450

38  Revisionist: jemand, der den grundlegenden Widerspruch zwischen Kapitalismus und Sozialismus versöhnen will und sich dennoch als Marxist oder Marxist-Leninist ausgibt

39 Rote Fahne Magazin 05/2017, S. 39

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