Gelsenkirchen

Ein spannender Abend mit Stefan Engel und der Analyse neuimperialistischer Länder

"Typisch MLPD, typisch Stefan Engel", so die Begrüßung der Moderatorin Lisa Gärtner in der Horster Mitte gestern Abend in Gelsenkirchen. Mitten im Endspurt des NRW-Landtagswahlkampfs luden die MLPD und ihr langjähriger Vorsitzender Stefan Engel nicht zu einer Wahlkampf-, sondern zu einer wissenschaftlichen Diskussionsveranstaltung. ...

Ein spannender Abend mit Stefan Engel und der Analyse neuimperialistischer Länder
foto: rf

"Typisch MLPD, typisch Stefan Engel", so die Begrüßung der Moderatorin Lisa Gärtner in der Horster Mitte gestern Abend in Gelsenkirchen. Mitten im Endspurt des NRW-Landtagswahlkampfs luden die MLPD und ihr langjähriger Vorsitzender Stefan Engel nicht zu einer Wahlkampf-, sondern zu einer wissenschaftlichen Diskussionsveranstaltung. Auch in den 37 Jahren, in denen Stefan Engel Vorsitzender der MLPD war, legte er stets größten Wert darauf, die schwierigsten Zusammenhänge für die Arbeiter verständlich darzulegen und die Bewusstseinsbildung unter den Massen voranzubringen.

 

Als Leiter des theoretischen Organs REVOLUTIONÄRER WEG referierte er nun in dem - mit Hunderten Besuchern bis auf den letzten Platz gefüllten - Kultursaal rund 90 Minuten zum Thema "Das imperialistische Weltsystem nimmt Kurs auf Krieg und Reaktion – Hintergründe, Analysen und Diskussion".

 

Stefan Engel begann seinen Beitrag unter anderem mit der Einschätzung, "dass die allgemeine Krisenhaftigkeit des Imperialismus mit der Wahl von Donald Trump in den USA im Begriff ist, eine neue Qualität anzunehmen. Eine sozialökonomische Kernfrage dabei ist die Entstehung einer Reihe neuimperialistischer Länder."

 

Wer schon einmal eine solche Veranstaltung mit Stefan Engel besucht hatte, war nicht verwundert über den Faktenreichtum, die grundsätzlichen theoretischen, dabei aber immer verständlichen Ausführungen. Viele Menschen machen sich "große Sorgen über den neuen US-Präsidenten Trump, über die Errichtung einer faschistischen Diktatur in der Türkei, über den nimmer enden wollenden Syrien-Krieg, über den kriegerischen Konflikt in der Ukraine oder über die dramatische Zuspitzung im südchinesischen Meer, wo sowohl von den USA wie von Nordkorea zuletzt offen mit einem Atomkrieg gedroht wurde," so Stefan Engel eingangs. Woher das alles kommt, wie es zu beurteilen ist und welche Schlussfolgerungen zu ziehen sind, dazu stellte er seine Thesen vor.

 

Die sozialökonomische Kernfrage dabei ist die, der Herausbildung einer ganzen Reihe neuimperialistischer Staaten aus ehemals neokolonial abhängigen Ländern und damit die einer Multipolarität des heutigen imperialistischen Weltsystems. Ohne das zu begreifen, kann man das Weltgeschehen nicht mehr verstehen. Stefan Engel führte aus, dass durch eine veränderte Investitionspolitik des internationalen Finanzkapitals aus der nationalen Großbourgeoisie dieser Länder private Monopole entstanden:

 

"Mit der Neuorganisation der internationalen Produktion entstand für die internationalen Monopole ein grundlegend neues Problem: Sie häuften immer mehr überschüssiges Kapital an, das sie nicht mehr Maximalprofit bringend verwerten können. ... Aufgrund des chronischen Überschusses von Kapital ließen die internationalen Monopole auch zu, dass einige neokolonial abhängige Länder zu neuimperialistischen Ländern wurden, denn diese Entwicklung bescherte der imperialistischen Weltwirtschaft die neuen Märkte, die sie für ihre Kapitalanlagen brauchten."

 

Das Problem dabei: es erwuchsen damit auch neue Konkurrenten. Selbst die derzeitig einzige Supermacht USA kann nicht mehr schalten und walten, wie sie möchte. Die G7-Staaten - früher Maß aller Dinge - müssen heute im G20-Format mit ihren neuimperialistischen Konkurrenten am Tisch sitzen. Diese Multipolarität hat allseitige Auswirkungen: ökonomisch, politisch, militärisch, weltanschaulich, kulturell und medial, so Stefan Engel. Anschaulich machte er dies vor allem an der Entwicklung Chinas, Indiens, der Türkei sowie der arabischen Staaten Iran, Katar und Saudi-Arabien.

 

"Ob man angesichts dieser Machtfülle, überhaupt gegen die Herrschenden ankommen kann", fragte ein Teilnehmer in der anschließenden Diskussion. Gewohnt optimistisch, drehte Stefan Engel die Frage um: "Wie will die Handvoll Imperialisten, die 500 größten Monopole – das allein herrschende internationale Finanzkapital - gegen uns ankommen; gegen die Milliarden Arbeiterinnen und Arbeiter, die Bauernschaft das internationale Industrieproletariat, wenn erst einmal begriffen wird, dass der Imperialismus die Menschheit in den Abgrund führt? Und dass es eine Alternative gibt, den Sozialismus/Kommunismus."

 

"Die Rote Fahne hatte ja zuletzt schon zum Thema gemacht, dass auch ein dritter Weltkrieg drohen könnte. Jetzt habe ich aber die ganzen Hintergründe viel besser verstanden. Ich wusste schon vorher, dass es aufstrebende neuimperialistische Länder gibt, aber weniger, wie ich das genau definiere und wie ich andere Leute davon überzeuge“, so eine Besucherin gegenüber der Roten Fahne.

 

In der Diskussion meldeten sich auch Arbeiter, Jugendliche, Migranten, Vertreter von Mitgliedsorganisationen des Internationalistischen Bündnisses wie der Antikapitalistischen Aktion Bonn (AKAB) und viele andere zu Wort. Ein Bergmann sagte, er habe unerschütterlich bis vor wenigen Wochen SPD gewählt, bis Gabi Gärtner ihm "den Kopf gerade gerückt" habe. Bis zum Schluss der Diskussion um etwa 22.30 Uhr blieben viele da, hörten interessiert zu, diskutierten aktiv mit. Das zeigt, wie groß das Interesse ist, selbst durchzublicken. Aber auch, wie sehr dies die Angst vor "den Mächtigen" nimmt und die eigenen Stärken spüren lässt.

 

Das ließ sich auch am Spendenergebnis von über 700 Euro messen. Viele kauften die neue Broschüre von Gabi Gärtner, der neuen Vorsitzenden der MLPD. In ihrer Analyse "Eine neue Qualität der allgemeinen Krisenhaftigkeit des Imperialismus und der Chancen für die Revolutionäre" sind viele Thesen des heutigen Abends verständlich dargelegt.

 

Mehr über diese spannende Veranstaltung im nächsten Rote Fahne Magazin.