VW-Betriebsversammlung

Mutige Stimmen aus der Belegschaft

Von der Betriebsversammlung bei VW in Wolfsburg am 6. Juni berichtet ein Korrespondent über die Beteiligung und Stimmung unter den Kolleginnen und Kollegen.

Auf Rote Fahne News kam dazu bereits am selben Tag ein erster Artikel (siehe Bericht). In der Korrespondenz aus Wolfsburg heißt es weiter:

 

"15.000 bis 20.000 Kolleginnen und Kollegen kamen, wobei die Werker meist stehen mussten - zu wenig Stühle. Viele blieben jedoch auch weg - sie fanden es unwürdig, dass sie stehen sollen und sich unnütze Reden anhören.

 

Der von VW eingeladene SPD-Chef Martin Schulz bekannte sich zum Industriestandort Deutschland und sagte später auch, was er damit meinte: 'Wir dürfen nicht die Industrie gegen den Umweltschutz ausspielen. Wir müssen beides kombinieren. Diejenigen, die es geschickt kombinieren, denen gehört die Zukunft.'  Vielleicht so geschickt wie VW mit dem Clean Diesel?

 

"Einfache Lösungen" und "Sündenböcke"

 

Dann sprach er von Verführern, die derzeit auf komplizierte Fragen einfache Lösungen hätten und Gruppen von Menschen zu Sündenböcken machen würden. Also sollten wir Kollegen wohl auch nicht so einfach unsere Manager 'zum Sündenbock' machen? Ausgesprochen hatte er das nicht.

 

Gesamtbetriebsratsvorsitzender Bernd Osterloh schenkte Martin Schulz dann einen kleinen Porsche, weil der Martin doch so gerne Porsche fährt. Einige Kollegen waren empört, andere unterstützen Schulz als Alternative zu Merkel.

 

Osterloh: "Gemecker von selbsternannten Umweltschützern"

 

Das Bekenntnis von Osterloh zum Diesel fiel sehr scharf aus. Ihm ginge das 'Gemeckere von selbst ernannten Umweltschützern' richtig auf die Nerven. Er vertrat, es gäbe einen sauberen Diesel und wir brauchen ihn noch Jahrzehnte. Das war eine Antwort an die VW-Komitees, die schon länger aktiv sind im Kampf gegen die VW-Umweltverbrecher. Ignorieren geht wohl nicht länger. Dafür bekam er deutlich weniger Applaus.

 

Schulz und Müller drückten sich

 

Beim Punkt Aussprache gab es über 15 Wortbeiträge. Spätestens da war es mit der von oben verordneten Ruhe vorbei. Allerdings waren VW-Chef Matthias Müller und Martin Schulz schon gegangen, was ein Kollege in seiner Rede kritisierte. Die Redebeiträge der Kollegen zeichneten ein anderes Bild. Viele deckten konkrete Missstände auf.

 

Selbstbewusst forderte ein Kollege die viel besagte 'neue Unternehmenskultur' ein, nachdem er die Zustände an seiner Montagelinie beschrieben hatte - unerträgliche Steigerung des Drucks und der Arbeitsdichte. Der Betriebsrat forderte VW auf, hier sofort zu handeln - unter großem Applaus.

 

Neue Enthüllungen lieferte eine Kollegin der Angestellten - sie deckte mit eigenen Berechnungen und Recherchen auf, dass systematisch eine leistungsorientierte Vergütung unter vielen Angestellten um 20 Euro pro Monat gedrückt wurde, und damit VW im Verborgenen über 7 Millionen Euro eingespart hat. Und den Kollegen wurde gesagt, ihre Leistung wäre schlechter geworden!

 

Protest gegen Entlassung der Leiharbeiter

 

Solche mutigen Beiträge gab es noch mehr. Eine Kollegin sprach die scheinheilige Show auf der Betriebsversammlung an. Sie sprach den Kolleginnen und Kollegen aus dem Herzen, die nicht länger für dumm verkauft werden wollen. Sie kritisierte Schulz unter großem Applaus, zitierte aus dem Wahlprogramm der Internationalistischen Liste/MLPD (siehe Bericht vom 6.6.17) und sprach sich für Kampf gegen die Entlassung weiterer Leiharbeiter Ende September aus. Aber nicht wenige Kolleginnen und Kollegen betonten noch das 'Wir' mit dem Management und appellierten dann an ihre Vernunft.

 

Beendet wurde die Aussprache von einer Demonstration der Belegschaft aus der Fahrzeugvorbereitung/Autostadt mit ihren Forderungen nach besseren Bedingungen."