Betriebsversammlung bei VW Braunschweig

Management entgleitet VW-Krise

Von 12.30 Uhr bis 17 Uhr dauerte am 21. Juni die Betriebsversammlung in der sogenannten Umwelthalle (Schadstoffhalle).

Korrespondenz aus Braunschweig

Zum Schichtwechsel um 14 Uhr verließen viele Kolleginnen und Kollegen der Frühschicht bereits die Versammlung. Das war teilweise sicherlich dem guten Wetter geschuldet, aber vor allem eine indirekte Kritik an den Äußerungen von Management und Betriebsrat.

Besonders dem Management merkt man an, dass ihm die VW-Krise zunehmend entgleitet. Bereits auf der letzten Betriebsversammlung wurde voller Sorge die Einheit zwischen Vorstand und Belegschaft beschworen. Damit ging es diesmal weiter. „Wir kämpfen um jeden Mann und jede Frau“ und „der Zukunftspakt muss uns heilig sein“ waren die Worte des Werksleiters. In der freien Aussprache fragte ein Kollege, wie die im „heiligen“ Zukunftspakt festgeschriebene Vernichtung von 23.000 Arbeitsplätzen mit dem Kampf um jeden Mann und jede Frau zusammenpassen würde? Auch die Ankündigung der Ausgliederung des Werkes in eine eigenständige Konzerntochter Komponente lässt die Kolleginnen und Kollegen nichts Gutes erahnen.

 

Betriebsratsführung steht hinter verschärfter Ausbeutung

 

Die Betriebsrats- und Gewerkschaftsführung steht hinter diesem verschärften Kurs des Managements. Anstatt den Konzern zu kritisieren, ärgerte sich der Betriebsratsvorsitzende über die negative Berichterstattung über VW in den Medien. Ein Kollege dazu: „Hallo? Wo sind wir denn hier? Die streichen uns den Bonus, die schmeißen Leute raus – und der verteidigt die noch.“

 

Die erste Bevollmächtigte der IG Metall verteidigte dann noch die Versetzung von 29 Frühauslernern nach Kassel - „immerhin behalten sie ihren Arbeitsplatz“ - auch hier nur Verständnis für die “schwierige“ Lage von VW. Was ist mit der schwierigen Lage der jungen Menschen, die sich jetzt woanders ein neues Leben aufbauen müssen? Oder die Leiharbeiter, die jetzt arbeitslos sind? Die Belegschaft sieht das anders: In den Reden wurde die vollständige Übernahme der Auslerner am Standort als Zukunft des Werkes gefordert.

 

Der Zukunftspakt wurde als Programm zur Steigerung der Ausbeutung entlarvt: ein Kollege rechnete vor, dass 2020 nach der „Anpassung“ der Belegschaft von 114.000 auf 91.000 durch die geplante Produktivitätssteigerung um 25 Prozent kein Auto weniger vom Band läuft – von wegen Gleichrangigkeit von Wirtschaftlichkeit und Beschäftigung. Auch mit dem Vorstand wurde abgerechnet: Eine Kollegin sagte, bei der Strategie „mach18“ hieß es noch: VW will „Top-Arbeitgeber“ werden. In „together 2025“ hieß es dann „exzellenter Arbeitgeber“. In „Transform25+“ fällt dieses Ziel dann weg.

 

Spaltung zwischen Alt und Jung eine klare Absage erteilt

 

Stattdessen werden vom Management große Worte bemüht wie Integrität und Compliance (Befolgung von Gesetzen). „Daran sollten sie sich mal selber halten“. Wortgewandt kritisierte ein Kollege auch den Personalvorstand Karlheinz Blessing. Nach 40 Jahren im Werk hat sich dieser Kollege das erste Mal in die Bütt gestellt. Er warf Blessing vor, die älteren Kolleginnen und Kollegen durch indirekte Drohungen zum Abschluss eines Altersteilzeitvertrages zu drängen. Wenn man droht, die Kolleginnen und Kollegen an einen anderen Standort zu versetzen, oder mit über 60 in Qualifizierungsmaßnahmen zu schicken, dann wird klar, was das Management unter doppelter Freiwilligkeit versteht. Er endete damit, dass er bis zur Rente bleibt und das niemand denken soll, dass seine Stelle neu besetzt worden wäre, wenn er unterschrieben hätte. Damit erteilte er der Spaltung von Alt und Jung eine klare Absage und gab VW den schwarzen Peter zurück.

 

Wahlprogramm der Internationalistischen Liste/MLPD

 

Auch das Wahlprogramm der Internationalistischen Liste/MLPD schaffte es in die Bütt: Ein Kollege sagte: „Die Berliner Parteien schweigen die VW-Krise tot, weil sie selber drin hängen“ und stellte der Willfährigkeit der Berliner Parteien ein Zitat aus dem Wahlprogramm „VW-Betrug – Umweltverbrecher bestrafen!“ entgegen, was mit Applaus quittiert wurde. Neben Forderungen nach der 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich in der Automobil- und Zulieferindustrie zeigte sich auch ein neues Selbstbewusstsein. „Wir sind 340.000 Kolleginnen und Kollegen im Konzern allein in Deutschland. Das ist der Gegner, mit dem ihr euch anlegt“.

 

Das sah der Vorsitzende des Betriebsrats Uwe Fritsch (DKP) anders. Für ihn steht „die Belegschaft nur noch mit neun Spielern auf dem Platz, liegt 6:0 hinten und es sind noch drei Minuten zu spielen“. Den Kampf um die 30-Stunden-Woche bezeichnete er als „Sackgasse“, mit dieser Forderung „ließe man die Kolleginnen und Kollegen gegen die Wand fahren“. Arbeitskampf an sich scheint ihm von Übel. So geißelte er auch den Kampf um Rheinhausen oder AEG Nürnberg als gescheitert. Der Kampf um Arbeitszeitverkürzung ist aber ein Hauptbestandteil der Arbeiterbewegung seit ihrer Entstehung. Gewerkschaften wurden gegründet, um diesen Kampf als Klasse führen zu können. Wenn dieser Kampf für ihn eine Sackgasse ist, dann sollte er aus der Gewerkschaft austreten, anstatt andere vom Kampf abzuhalten.