Syrien

Medienschlacht um Chan Scheichun

Die jüngsten Enthüllungen des Pulitzer-Preisträger Seymour Hersh haben die Diskussion um die Ereignisse am 4. April in Chan Scheichun neu entfacht. Hersh's Quellen seien anonym und er würde Fakten verschweigen. Letzteres tun allerdings seine Kritiker ebenfalls.

Von Jörg Weidemann
Medienschlacht um Chan Scheichun
Ahmet Üzümcü, der Leiter der OPCW, ist kein unbeschriebenes Blatt (foto: J. Patrick Fischer unter CC BY-SA 4.0)

Die Welt am Sonntag veröffentlichte am 25. Juni Hershs' Recherche. Darin widerlegt er, dass es einen syrischen Giftgasangriff am 4. April gegeben hat und stützt sich dabei unter anderem auf verschiedene anonyme Quellen aus US-Geheimdiensten, dem US-Militär und der US-Regierung. Auch Rote Fahne News berichtete unter dem Titel "Angeblicher Giftgasangriff entpuppt sich als Fake News". Inzwischen rollt die volle Breitseite der Gegenpropaganda. Mathieu von Rohr, stellvertretender Auslandsressortleiter des Spiegel, bezeichnete Hersh Text bei Facebook als „höchst zweifelhaft“ und „Peinlichkeit“. 

Chan Scheichun in der Nähe von Hama (Syrien) - (MrPenguin20 unter CC BY-SA 4.0)
Chan Scheichun in der Nähe von Hama (Syrien) - (MrPenguin20 unter CC BY-SA 4.0)

Stichpunkte

  • Hersh-Recherche wird aus politischen Gründen abgelehnt
  • Die OPCW als Kronzeuge für Giftgas war gar nicht vor Ort
  • OPCW-Chef ist türkischer Spitzendiplomat
  • Hersh's Hauptquelle wurde doppelt geprüft

Quellen müssen anonym bleiben

Hersh wird in vielen Medien vorgeworfen, dass er seine Quellen nicht nennt. Aber die Welt am Sonntag nahm von vornherein zur Quellenlage Stellung: "Kein Informant, der aktiv in einer Regierung arbeitet, kann unter seinem Namen geheime Informationen preisgeben, ohne sich zu gefährden – das ist in Deutschland nicht anders. Hersh hat seine Quellen gegenüber der Welt am Sonntag offengelegt. In seinem Text bleiben sie anonym. Die Redaktion dieser Zeitung konnte sich selbst einen Eindruck vom Thema verschaffen, weil sie mit der zentralen Quelle von Hersh gesprochen hat."

 

Die OPCW war nicht vor Ort

In vielen Medien findet sich heute ein Bericht der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW). Sie würde sagen, es sei unbestreitbar, dass Sarin oder ein ähnliches Giftgas eingesetzt wurde. Nur im Kleingedruckten liest man, dass die OPCW gar nicht vor Ort war. Der türkische Diplomat und OPCW-Chef, Ahmet Üzümcü, räumt ein: "Ziel sei es nun, vor Ort in Syrien weitere Tests durchzuführen, sobald es 'die Sicherheitslage erlaubt'."  Üzümcü ist kein unbeschriebenes Blatt. Zwischen 2002 und 2004 war er ständiger Vertreter der Türkei bei der NATO. 2015 nahm er an der 63. sogenannten Bilderberg-Konferenz teil.

 

OPCW-Leute waren nicht in Syrien vor Ort, Zweifel an den Oduktionsergebnissen könnten erlaubt sein

Stefan Winterbauer, Journalist bei Meedia

In der Recherche der WamS wird die Arbeit der OPCW - anders als jetzt zum Teil behauptet wird - durchaus berücksichtigt. Aber es wird eben auch berichtet, dass "die Leichen, deren Obduktion den Sarin-Einsatz nachgewiesen haben sollen, von einer nicht genannten NGO der Türkei übergeben wurden. Dort fanden die Obduktionen statt." Zweifel an dem angeblichen Beweis sind also angebracht. Wenn überhaupt, hat das OPCW den Giftgas-Einsatz an Leichen nachgewiesen, die ihnen von einer nicht genannten Organisation über die türkischen Behörden übergeben wurden.

 

Hersh wird aus politischen Gründen abgelehnt

Der dritte Vorwurf gegen Hersh ist, dass er so zweifelhaft recherchiert habe, dass keine englischsprachige Zeitung seine Recherche veröffentlichen wollte. Aber auch dazu hatte die WamS bereits Stellung genommen: Hersh hat den Artikel auch dem London Review of Books angeboten – dort lehnte man ihn ab, so Hersh. Die Redaktion erklärte ihm, man mache sich Sorgen, dass das Magazin dafür kritisiert werden könnte, einen Artikel zu veröffentlichen, der zu sehr die Sichtweise der russischen und der syrischen Regierung vertrete. Das ist keine sachliche, sondern eine politische Ablehnung.