Antarktis

Riesiger Eisberg abgebrochen - Schelfeise zerfallen

Zwischen dem 10. und 12. Juli hat sich eine 175 Kilometer lange und bis zu 50 Kilometer breite Eisfläche vom Larsen-C-Schelfeis der Westantarktis gelöst.

Von crh/Matthias Sauter
Riesiger Eisberg abgebrochen - Schelfeise zerfallen
Abrisskante des neuen Eisbergs kurz vor seiner Lösung vom Schelfeis (foto: NASA photographs by John Sonntag)

Der neue Eisberg ist einer der fünf größten, die Forscher in den letzten Jahrzehnten registriert haben - doppelt so groß wie das Saarland. Sein Abriss hat sich seit Jahren angekündigt. Von Monat zu Monat war die Spalte im Schelfeis länger geworden.

 

Schelfeise sind auf dem Meer schwimmende riesige Eisplatten, die von Gletschern und Eisströmen auf dem Festland gespeist werden, mit ihnen aber noch verbunden sind. Das Larsen-C-Schelfeis ist das viertgrößte Schelfeis der Antarktis. Seine Ausdehnung von fast 50.000 Quadratkilometern hat sich jetzt um etwa ein Zehntel verringert.

Schelfeiskante vom Schiff aus betrachtet (foto: Hannes Grobe / Alfred-Wegener-Institut)
Schelfeiskante vom Schiff aus betrachtet (foto: Hannes Grobe / Alfred-Wegener-Institut)

In Kürze

  • Neuer Eisberg doppelt so groß wie das Saarland
  • Zwei kleinere Eisschelfe bereits kollabiert
  • Meeresspiegel-Anstieg um 1,2 Meter durch Zerfall des westantarktischen Eisschilds
  • Hunderte Millionen Menschen in Küstenregionen bedroht

Eisschelfe kollabieren

Der mehr als 100 Meter dicke „Tafeleisberg“ treibt nun nach Norden in wärmere Gewässer und wird sich im Laufe der nächsten Jahre auflösen.  Die in den Medien gezeigten spektakulären Bilder waren oft damit verbunden, den Zusammenhang zur bedrohlichen Gesamtentwicklung in der Antarktis und zum sich beschleunigenden Übergang in eine globale Umweltkatastrophe auszublenden.

 

Der jetzige Abbruch gigantischer Eismassen ist aber bereits der achte in den vergangenen zwei Jahrzehnten - allein in der weiter nach Norden ragenden westantarktischen Halbinsel. Zwei keinere Eisschelfe sind bereits kollabiert: 1995 Larsen A und sieben Jahre später Larsen B.

 

Beschleunigter Anstieg des Meeresspiegels

Der zunehmende Zerfall des Schelfeises ist eine offensichtliche Folge der weltweiten Klimaerwärmung, die in der Antarktis am schnellsten voranschreitet. Verstärkt wird er durch die damit einhergehende Meereserwärmung und den bereits stattfindenden Anstieg des Meeresspiegels.

 

Das Abschmelzen der Antarktis-Gletscher wird dadurch zusätzlich beschleunigt. Die fehlenden Eisschelfe können das nachfließende Inlandeis nicht mehr aufhalten. Es fließt viel schneller und ungehinderter ins Meer.

 

Wissenschaftler befürchten, dass sich die jetzt bei Larsen C neu entstandene Abbruchkante weiter zurückzieht und auch dieses Schelfeis in absehbarer Zeit komplett zerfällt. Wenn alle von Larsen C aufgefangenen Gletscher ins Meer flössen, würde der weltweite Meeresspiegel um etwa zehn Zentimeter steigen.

Die Veränderungen, die wir heute sehen, können Mechanismen in Gang setzen, bei denen es kein Zurück gibt

Torsten Albrecht, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

Ein weiteres Phänomen ist nicht nur auf der westantarktischen Halbinsel zu beobachten, sondern vor allem in der Amundsen-Region in der Westantarktis. Warmes Wasser dringt unter das Schelfeis und beginnt es von unten her zu schmelzen. Torsten Albrecht vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung spricht von einem "Stöpseleffekt":

 

"Es gibt eine relativ kleine Gletscherregion am Rand, sozusagen der Stöpsel, die schmelzen oder abbrechen müsste, damit der gesamte Rest des dahinter befindlichen Eises, die Flasche, entleert wird. Dieser Folgeprozess verstärkt sich selbst und läuft dann unaufhaltsam ab. ... Die Veränderungen, die wir heute sehen, können Mechanismen in Gang setzen, bei denen es kein Zurück gibt."1

 

Katastrophale Folgen

Auch die Rote Fahne 20/2015 kam zu der Prognose: "Im letzten Jahr erschienen fünf wissenschaftliche Publikationen, die mit unterschiedlichen Methoden zu demselben Ergebnis kommen: Der westantarktische Eisschild im Einzugsbereich der Amundsen-See ist instabil geworden und wird unaufhaltsam in 200 bis 900 Jahren kollabieren.

 

Über diesen Bereich fließt etwa ein Drittel des westantarktischen Eisschilds ins Meer. Allein dadurch wird der globale Meeresspiegel um 1,2 Meter in dem Zeitraum ansteigen. Schon 1995 lebten rund 60 Millionen Menschen auf Landflächen, die weniger als einen Meter über dem Meeresspiegel liegen." Hunderte Millionen Menschen würden dadurch in die Flucht getrieben oder müssten umgesiedelt werden.

 

Man sollte sich nicht damit trösten, dass 200 Jahre noch eine lange Zeit sind und unsere Generationen das nicht mehr erleben werden. Erstens potenziert sich die Entwicklung in der Westantarktis mit ähnlichen Entwicklungen in anderen Polarregionen. Vor allem aber stehen wir in der Verantwortung für zukünftige Generationen und das Überleben der gesamten Menschheit.

 

Aktiver Widerstand herausgefordert

Die zuletzt auf dem G20-Gipfel versammelten Staats- und Regierungschefs der mächtigsten imperialistischen Länder waren weder willens noch in der Lage, dafür etwas zu unternehmen. Sie konnten sich noch nicht einmal auf nichtssagende Absichtserklärungen zur Umweltfrage im Abschlusskommunique einigen. Das unterstreicht die Notwendigkeit eines weltweiten aktiven Widerstands zur Rettung der Umwelt.

 

Die Millionenmassen der Menschen auf der Welt können - mit den Industriearbeitern der internationalen Monopolbetriebe an der Spitze - der weiteren Entwicklung zur globalen Umweltkatastrophe Einhalt gebieten. Und sie können einen wirklichen Paradigmenwechsel erkämpfen - in einer sozialistischen Gesellschaft, deren Leitlinie die dialektische Einheit von Mensch und Natur sein wird.