Interview

Cockpit: „Die Lage der Piloten bei Air Berlin ist verzweifelt“

Rote Fahne News hat heute ein Interview mit dem Pressesprecher der Vereinigung Cockpit, Markus Wahl, zur Lage der Piloten bei der insolventen Airline Air Berlin geführt.

Von Markus Wahl, Pressesprecher Cockpit
Cockpit: „Die Lage der Piloten bei Air Berlin ist verzweifelt“
Cockpit-Mitglieder bei einer Demonstration durch den Frankfurter Flughafen (foto: Vereinigung Cockpit)

Wie ist die Lage der Piloten bei Air Berlin aktuell?

 

Markus Wahl: Die Lage der Piloten bei Air Berlin ist verzweifelt. Lufthansa-Eurowings kündigt an, dass Piloten bei eine Übernahme 40 Prozent weniger verdienen sollen. Unsere Forderung ist, dass bei Pilotengehältern mindestens der deutsche Tarif angewandt wird. Die Betroffenen erfahren alles aus der Presse und selbst da nichts Genaues.

 

Zum Beispiel ist der neue Stationierungsort nicht klar. Viele Piloten wohnen in Berlin. Sie haben Sorgen, dass sie zum Beispiel nach Wien umziehen müssen. Was wird aus Häusern oder Eigentumswohnungen? Wie kommen sie finanziell klar?

 

Air Berlin will die Anwendung eines Betriebsübergangs verhindern. Dann könnte sich der neue Besitzer aussuchen, wen er übernehmen will. Das wiederum liefe dann auf relativ billige, junge Piloten hinaus. Ältere mit größeren Ansprüchen möchte man lieber loswerden. Air Berlin will Einzel-Gespräche mit den Beschäftigten führen und danach ihre Auswahl treffen.

 

Ihre Begründung für dieses Vorgehen ist die, dass ein anderes Vorgehen den Aufkauf/Teilaufkauf unattraktiv für Investoren machen würde. Cockpit verlangt, dass bei einem Übergang die Belange der Beschäftigen berücksichtigt werden müssen

 
In der Presse wird von „unerhörten Krankmeldungen“ gesprochen?

 

Markus Wahl: Die Presse argumentiert, es wäre ein gezielter Bummelstreik. Cockpit weist das zurück. Davon kann keine Rede sein. Die normale Krankheitsquote bei den Piloten liegt bei 5 bis 10 Prozent. Im Augenblick ist sie mit 11 bis 12 Prozent leicht erhöht gewesen. Es ist ein Quatsch, dass die Piloten schuld für den Ausfall von 50 Prozent der Flüge sind, oder das deshalb der Flugbetrieb stehen würde. Am Samstag kam es in Düsseldorf bei Air Berlin zu folgenden Vorfall: Piloten gingen zu Fluggästen und demonstrierten. Sie sagten: „Wir sind da, bereit zu fliegen, trotzdem fällt der Flug aus.“

 

Es wird sich erst zeigen, wie der Verkauf läuft. Natürlich haben Piloten große Befürchtungen. Ein Pilot mit Mitte 30 soll 40 Prozent Lohnverlust hinnehmen oder er sitzt auf der Straße. Das ist keine Alternative, was von den neuen Eignern vorgelegt wird. Den klassischen Betriebsübergang wollen sie verhindern, weil das bedeutet der bisherige Tarifvertrag behält Gültigkeit.

 

Wie sieht es mit dem Streikrecht aus? Der Aufruf zu einem Streik wäre nach dem extrem eingeschränkten deutschen Streikrecht eventuell illegal. Es droht hoher Schadensersatz, wenn eine Gewerkschaft dazu aufruft, da es nicht um Tariffragen, sondern um Entlassungen und veränderte Arbeitsbedingungen geht.

 

Markus Wahl: Sicher, Cockpit konnte nicht zum Streik aufrufen und hat das auch nicht gemacht. Einige Piloten haben sicher überlegt, wie sie in dieser Situation vorgehen müssen, aber der leicht erhöhte Krankenstand ist keinesfalls die Ursache für den Ausfall des Flugbetriebs von 50 Prozent bei Air Berlin.

 

Vielen Dank für das Gespräch.