Massendemonstration in Bochum

Stahlarbeiter kampfbereit und aufgewühlt - vielfältige Solidarität

Über 7.000 Stahlarbeiter haben heute Vormittag in Bochum ein starkes Zeichen dafür gesetzt, dass sie die Arbeitsplatzvernichtungspläne von thyssenkrupp Steel Europe (tkSE) und Tata Steel nicht akzeptieren.

Von rd
Stahlarbeiter kampfbereit und aufgewühlt - vielfältige Solidarität
Mindestens 7.000 Stahlarbeiter kamen (rf-foto)

Der Tag war geprägt von einer kämpferischen Stimmung, aber auch von intensiven, tiefgehenden und klärenden Diskussionen (siehe Live-Ticker von heute).

Gabi Fechtner im Gespräch mit stolzen Azubis (rf-foto)
Gabi Fechtner im Gespräch mit stolzen Azubis (rf-foto)

In Kürze:

  • 7.000 Stahlarbeiter bei der Kundgebung in Bochum
  • Viele sind aufgewühlt und kampfbereit
  • Es gibt tiefgehende Diskussionen, unter anderem über die Notwendigkeit eines unbefristeten selbständigen Streiks und die Stärkung der MLPD

Ab 8 Uhr rollen am Bochumer Werk von tkSE die Busse an – zuallererst kommen die Duisburger Stahlwerker. Aber auch Delegationen aus allen Standorten des Konzerns, genauso von anderen Stahlkonzernen wie Rasselstein Andernach, Stahlarbeiter aus dem Siegerland, von ArcelorMittal, Vallourec und Stahlform Kitzigen. Kolleginnen und Kollegen unter anderem auch von Ford Köln sind gekommen.

Offenes Mikro erregt Aufsehen

Das offene Mikrofon verschiedener kämpferischer Kräfte wird von Opel-"Offensiv"-Betriebsrat Steffen Reichelt aus Bochum und Jürgen Blumer von der Montagsdemo Duisburg moderiert. Sie begrüßen unter anderem herzlich eine große Gruppe Azubis. Diese wählen sich einen Sprecher, der gleich seine erste Rede am Mikrofon hielt und betont, dass es um die Zukunft der Jugend geht.

 

Auch mehrere Stahlarbeiter ergreifen das Wort am offenen Mikrofon.

Mitbestimmen können die Arbeiter nur durch Kampf

Gabi Fechtner, Vorsitzende der MLPD

"Nun stehen wir an eurer Seite"

Annegret Gärtner-Leymann, früher Betriebsrätin der "Offensiv"-Liste bei Opel in Bochum, vermittelt den Stahl-Kollegen wichtige Kampf- und Streikerfahrungen der Opelaner. Sie berichtet von den vielen positiven Erfahrungen mit der Solidarität der Stahlarbeiter: "Klar stehen wir nun an eurer Seite." Unterstrichen von feurigen Musikbeiträgen - wie „Keiner schiebt uns weg“, dem Lied aus dem Stahlarbeiterkampf 1988 in Duisburg-Rheinhausen - entfaltet sich so ein beeindruckendes Bild der Solidarität der Industriearbeiter untereinander.

Gabi Fechtner: "Nicht auf Standortdenken einlassen"

Mit dabei auch der Jugendverband REBELL und der Frauenverband Courage, der die restlichen von ihm gesammelten Spenden für die Opelaner nun den Stahlarbeitern zur Verfügung stellen will, wenn sie streiken. Gabi Fechtner, Vorsitzende der MLPD, bringt die Solidarität und Unterstützung der revolutionären Arbeiterpartei zum Ausdruck.

 

Sie betont, dass die Arbeiter sich nicht auf Standortdenken und Spaltung einlassen dürfen oder darauf, nur noch "das Schlimmste zu verhindern". Jetzt sei "echte Mitbestimmung" der Arbeiter und Angestellten gefragt. Mitbestimmen können sie nur durch Kampf und nicht durch illusionäre Hoffnungen auf Hinterzimmerbeschlüsse.

 

"Hoch die internationale Arbeitersolidarität"

Auf einem Transparent von Ford-Kollegen steht: "Hoch die internationale Arbeitersolidarität!" Solidarische Grüße von Jeroen Toussaint, Vorsitzender des Rode Morgen Niederlande, werden verlesen und mit begeisterndem Applaus bedacht: 

 

"Für Rode Morgen ist klar, dass wir international zusammen kämpfen müssen. ... Tata und die Gewerkschaftsführung sagen, dass es keine Entlassungen geben wird. Aber wir wissen, wie das geht. Die Leute an den Hochöfen werden sich über die nächsten Schritte beraten. Es ist schade, dass die Gewerkschaftsführung hier nicht von Anfang an einen gemeinsamen Kampf organisiert. Wir werden unser bestes dafür tun, das möglich zu machen!"

Zukunft der Jugend ist ein ernstes Anliegen

Stahlarbeiter aus Essen sagen zunächst: "Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, wenn das Werk geschlossen wird. Dann können wir eventuell in Frührente, da gibt es vielleicht Sozialpläne." Die Diskussion darüber, was die jetzigen Pläne für die Jugend bedeuten, dass wir Verantwortung für unsere Familien und die Zukunft der ganzen Region haben, bringt sie ins Nachdenken. Sie stimmen dem ebenfalls zu und man merkt, wie es in ihnen kämpft.

Viele Diskussionen über selbständigen Streik

Drei Kollegen von Hoesch aus Hagen sagen, wir sind aufgrund der Art unserer Produktion gar nicht betroffen, trotzdem sind wir solidarisch: "Wenn es zum Streik kommt, sind wir natürlich dabei." Ein Kollege sagt: "Klar muss man streiken. Aber wer nimmt das in die Hand? Die Gewerkschaftsführung nicht." So denken und sagen es viele.

 

Die meisten finden es auch richtig, selbständig zu streiken. Es gibt viele Diskussionen darüber, dass es notwendig ist, dafür selbst Verantwortung zu übernehmen und sich besser zu organisieren. Es ist keine Frage, dass den Stahlarbeitern bei einem Streik die Solidarität aus dem ganzen Ruhrgebiet und darüberhinaus sicher ist.

 

Die Redner bei der anschließenden Kundgebung der IG Metall beklagen durchweg, dass thyssenkrupp die Montan-Mitbestimmung außer Kraft gesetzt und den Betriebsrat nicht in die Entscheidungen einbezogen habe. Sei fordern damit aber nur ihr Co-Management bei der möglichst "geräuschlosen" Abwicklung der Stahlfusion und der massenhaften Arbeitsplatzvernichtung ein.

 

Andrea Nahles gibt sich kämpferisch

Andrea Nahles, Noch-Arbeitsministerin der SPD in der Bundesregierung, legt sich mächtig ins Zeug: „Wir sind heute hier zum Kämpfen! Wir in der Politik kämpfen für euch!“ Dafür erhält sie großen Applaus. Damit hat sie sich weit aus dem Fenster gelehnt und es bleibt abzuwarten, welche Taten folgen. Wir erinnern uns, wie sich ihre Parteikollegin und Ex-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft beim Kampf gegen die Werksschließung von Opel in Bochum in die Büsche schlug.

 

Was sich kämpferisch anhört, bedeutet aber nichts anderes, als dass auf keinen Fall die Kolleginnen und Kollegen selbst die Initiative in die Hand nehmen sollen. Ein Azubi fragt im Gespräch: "Warum dürfen SPD, Grüne und Linkspartei - also nur die 'Großen' - auf der Tribüne reden und nicht auch die MLPD. Es war schnell geklärt, dass dies nicht an der "Größe" der Parteien liegt, sondern am Antikommunismus der IG-Metall-Führung.

MLPD wird mehr und mehr zum "Vertrauenspartner"

Die MLPD ist sehr bekannt und unter den Stahlarbeitern verankert. Ein wichtiges Thema in vielen Diskussionen ist die notwendige Stärkung der MLPD und ihrer Betriebsgruppen. Das Interesse daran wächst spürbar, ebenso die enge Verbundenheit zur MLPD, die für eine wachsende Masse zum "Vertrauenspartner" wird, wie ein Kollege es formuliert.

 

Eine Genossin berichtet, dass sie 29 Parteiprogramme gegen Spende abgegeben hat. Etliche lehnten es nur deshalb ab, weil sie es schon am Werkstor entgegengenommen haben.

Dreiste Zensurmaßnahme des BKA

Ein Hammer ist, dass das Bundeskriminalamt (BKA) noch gestern den Parkplatz neben dem Kundgebungsplatz beschlagnahmen ließ, angeblich weil "Mitglieder des Deutschen Bundestags ... polizeilich als 'Schutzpersonen' eingestuft" seien und ihnen "eine ungestörte An-/Abreise am Kundgebungsort ... gewährleistet" werden solle.

 

Heute war der Parkplatz total leer. Es war offenbar nur eine dreiste Maßnahme, um die angemeldeten Info-Stände der MLPD und anderer Organisationen als Anlaufpunkte zu verhindern. Dies wird sicher noch ein Nachspiel haben.

Intensive Gespräche und Stolz auf den Aktionstag

Am offenen Mikrofon fordert Peter Römmele, Duisburger Stahlarbeiter und Bundestagswahlkandidat der Internationalistischen Liste/MLPD in Duisburg, auf, gemeinsam zum Bochumer TKS-Werk an der Essener Straße zurückzudemonstrieren und ein starkes Zeichen zu setzen, dass bis zum Aufsichtsratsbeschluss von thyssenkrupp am Sonntag kein Stahl mehr produziert und verarbeitet wird.

 

Darüber gibt es intensive Gespräche und einige Kollegen sagen auch: „Wir fahren die Anlage heute nicht mehr an, das haben wir schon organisiert.“  Die Kolleginnen und Kollegen machen sich sehr tiefgehende Gedanken. Es ist noch eine Riesenpalette von Fragen, die zu klären sind. Doch alle sind stolz auf den erfolgreichen Aktionstag und dass sie ihre Kraft gezeigt haben.