Auf dem Rückweg von einer Wahlkampf-Tour

Zugfahrt mit Frauen-Power

Auf dem spätabendlichen Rückweg von einer Wahlkampftour in Mecklenburg-Vorpommern erlebte ich Folgendes:

Korrespondenz von Lisa Gärtner

Ich saß im Zug und las, als im Nachbarwaggon Unruhe entstand. Schließlich kommt ein junger Mann, ca. 30, vielleicht ein Akademiker, aufgeregt in Begleitung einer entnervten Schaffnerin und setzt sich gegenüber von mir hin. Ich frage ihn, was passiert sei.

 

Drei alkoholisierte Fußballfans hatten eine alte Frau mit detaillierten Geschichten aus ihrem Sexualleben belästigt, woraufhin der junge Mann hinging und sie aufforderte, doch damit aufzuhören. Daraufhin kam es zu einem Wortgefecht und Drohung von Prügel (von Seiten der Fußballfans). Der junge Mann holte daraufhin Schaffner und forderte die Polizei an, um Anzeige zu erstatten.

 

Am nächsten Halt kommt dann auch die Polizei. Wir beobachten die Diskussion auf dem Bahnsteig. Schließlich kommt der junge Mann kurz an seinen Platz und holt sein Gepäck. Eine junge Russin, die die ganze Zeit ein Buch mit dem Titel "SEX" las, hatte gelauscht und wusste: Die Polizei will nichts unternehmen und so hat der junge Mann Angst, im Zug weiter zu fahren.

 

Nach einer kurzen Diskussion unter den weiblichen Sitznachbarn gehen die Russin und ich raus und fordern den jungen Mann auf, wieder einzusteigen, wir würden schon aufpassen! Die alte Frau hat sich nicht getraut, den Vorfall zu bestätigen und die Polizei zeigte wenig frauenrechtliches Bewusstsein.

 

"Wenn, dann müssten die anderen Drei aussteigen", pfeift die Russin die Polizei an. Schließlich folgt der junge Mann unserer Eskorte. Wieder im Waggon nehmen die Frauen die Sache in die Hand: "Nu setz dich mal, hier passiert dir schon nichts!", so eine mittelalte Ruhrpott-Schnauze, vielleicht eine Verkäuferin. Er bittet darum, dass sich eine neben ihn setzt, was eine junge Studentin gleich macht.

 

Bei den Frauen entsteht Hochstimmung: Eine Frau hinter ihm, vielleicht eine mittlere Angestellte, verweist kämpferisch darauf, dass sie den Blumentopf in ihrer Einkaufstasche schon einzusetzen wüsste! Eine Omi packt ihre Stricknadeln aus. Die Russin muss ein bisschen kichern, weil der junge Mann sich all zu arge Sorgen macht.

 

Einige Minuten später kommt der Tunichtgut in den Waggon. Ich fordere ihn auf, den Waggon zu verlassen, auch die anderen äußern sich ähnlich. Als er versucht zu widersprechen, kommt von hinten eine laute Frauenstimme im Tonfall einer ihre-Kinder-ins-Bett-bringenden Mutter: "Es gibt jetzt keine Diskussion, du gehst jetzt!"

 

Gepeinigt geht er. Später weist er seinen Wortführer-Kollegen zurecht, er solle doch jetzt endlich die Fresse halten. Ich sage zu dem jungen Mann, das nächste Mal soll er nicht gleich die Polizei rufen, sondern sich besser auf die Leute stützen. Nachdenklich nickt er. Aber er weiß sichtlich nicht so recht, was er von der guten Laune und der Verschwörerstimmung der Frauen um sich herum halten soll ...

 

Nach einer Zeit stellt sich heraus, dass wir alle früher aussteigen müssen als er. Da kommt von hinten eine kräftige Blondine: "Ich übernehme das dann hier, an mir kommen die nicht vorbei!" Er entgegnet: "Aber die sind bestimmt bereit, zuzuschlagen!" Sie: "Ich arbeite in der Forensik, ich bin ganz anderes gewöhnt!"