Metalltarifrunde

Höhere Löhne und kürzere Arbeitszeit müssen her

Mitte September haben die Tarifkommissionen der IG Metall für die Metall- und Elektroindustrie in den einzelnen Bezirken über die Forderungen in der Tarifrunde 2018 beraten.

Von bf / gp
Höhere Löhne und kürzere Arbeitszeit müssen her
Kämpferische IG-Metaller (rf-foto)

Seitdem nimmt die Diskussion darüber in den Betrieben Fahrt auf. Vor dem Hintergrund der anziehenden Inflation, insbesondere steigender Preise für Nahrungsmittel und Mieten usw., sind kräftige Lohnerhöhungen dringend notwendig.

Was geht? (rf-foto)
Was geht? (rf-foto)

In Kürze

  • Vor dem Hintergrund der anziehenden Inflation sind kräftige Lohnerhöhungen dringend notwendig
  • 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich offensive Antwort auf Arbeitsplatzvernichtung
  • Es geht auch um die Frage des künftigen Kurses der IG Metall

Die hier von den Tarifkommissionen in Nordrhein-Westfalen und Brandenburg-Sachsen empfohlenen 6 Prozent Entgelterhöhung liegen wohl eher am unteren Ende der notwendigen Forderung. In der Tarifkommission Niedersachsen wurde eine Entgeltsteigerung von 6,5 Prozent und 7 Prozent bei zwölf Monaten Laufzeit diskutiert.

Höhere Löhne und Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich

Neben der Forderung nach höheren Löhnen und Gehältern bestimmt die Frage der Arbeitszeit die Diskussion. Im Mittelpunkt steht dabei die Kontroverse zwischen der Forderung nach einer allgemeinen Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich, wie sie vor allem an der Gewerkschaftsbasis gefordert wird, oder Forderungen für individuelle Arbeitszeitmodelle, die in erster Linie der IG-Metall-Vorstand befürwortet.

 

68 Prozent der 680.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Umfrage der IG Metall wollen eine Arbeitszeit von 35 Stunden oder kürzer, 20 Prozent wollen auf jeden Fall eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit. Vor allem in Ostdeutschland fordern die Kolleginnen und Kollegen endlich eine Angleichung der bestehenden 38-Stunden-Woche an die im Westen geltende 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich.

 

„28 Jahre nach der Wiedervereinigung wird es endlich Zeit, nicht länger als Arbeiter zweiter Klasse behandelt zu werden“, so ein VW-Arbeiter aus Zwickau. Zwei Milliarden Überstunden, enorm wachsende Arbeitshetze und Leistungsdruck, ständig neue Modelle zur Flexibilisierung der Arbeitszeit, Hunderttausende aufgrund der Arbeitsbelastung Erkrankte – all dies setzt den Kampf um eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung, die 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich auf die Tagesordnung.

Zehntausende Arbeitsplätze auf der Abschussliste

Mit den angekündigten Fusionen in der Stahlindustrie, bei Siemens/Alstom, Uniper/Fortum, aber auch den als „Sparprogrammen“ verharmlosten Plänen zur Steigerung der Profite in der Autoindustrie, bei den Energieerzeugern, den Banken und Versicherung usw. wollen die Konzernvorstände Zehntausende Arbeitsplätze vernichten. Allein bei der Fusion von thyssenkrupp Steel Europe und Tata Steel Europe stehen 15.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel.

 

Dazu kommt die bevorstehende Strukturkrise in der Auto- und Zuliefererindustrie im Zusammenhang mit der Umstellung auf neue Antriebstechnologien – hier geht es sogar um die Vernichtung Hunderttausender Arbeitsplätze.

Die neue Regierung gebührend "begrüßen"

Dazu kommt, dass die Unternehmerverbände von der neuen Regierung unter anderem die Durchsetzung der Rente mit 70 und weiterer Deregulierung der Arbeitszeit mit einem neuen Arbeitszeitgesetz verlangen. Das politisiert von vornherein die Tarifauseinandersetzung und setzt den Protest gegen diese Pläne auf die Tagesordnung.

 

Auch die Tarifauseinandersetzung muss in dem Bewusstsein geführt werden, dass die Gewerkschafter damit die neue Bundesregierung gebührend "begrüßen".

28 Jahre nach der Wiedervereinigung wird es endlich Zeit, nicht länger als Arbeiter zweiter Klasse behandelt zu werden

VW-Arbeiter aus Zwickau

Der Kampf um die 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich ist eine geeignete offensive Antwort. Damit kann der Arbeitsplatzvernichtung entgegengewirkt werden, kann die Spaltung in Erwerbslose und Arbeitende, in Alt und Jung überwunden und der länderübergreifende Zusammenschluss der Arbeiterinnen und Arbeiter vorangebracht werden.

 

Der Kampf um die Arbeitszeitverkürzung wirft auch die Frage nach einer gesellschaftlichen Alternative im echten Sozialismus auf, wo nicht mehr die kapitalisten Profitinteressen, sondern die Bedürfnisse der arbeitenden Menschen die Arbeitszeitfrage bestimmen.

"Selbstbestimmung" der Arbeitszeit?

Die Tarifkommissionen der IG Metall haben zur Arbeitszeitregelung unter dem Begriff „kurze Vollzeit“ eine Möglichkeit zur befristeten Reduzierung der Arbeitszeit mit Entgeltausgleich in besonders belasteten Arbeitssituationen empfohlen. Das trifft zum Beispiel für Schichtarbeit, Pflege- oder Erziehungszeiten zu.

 

So wichtig solche Forderungen sind, ersetzen sie nicht den gemeinsamen Kampf um eine echte Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich für alle Arbeiter und Angestellten. Zumal sie von Seiten des IG-Metall-Vorstandes mit der Illusion der „Selbstbestimmung“ der Arbeitszeit verbunden sind.

 

So lange die Arbeiterinnen und Arbeiter im Kapitalismus gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, ist eine Selbstbestimmung darüber Illusion. Etwas anderes ist, einzelne Rechte und Interessen in Tarifverträgen oder in Gesetzen auf der Grundlage des Kampfs durchzusetzen.

Welchen Weg geht die IG Metall?

In der kontroversen Diskussion geht es also nicht nur um konkrete Forderungen, sondern auch um die grundsätzliche Frage des künftigen Kurses der IG Metall.

 

Geht sie den Weg als Kampforganisation zur Verteidigung und Erweiterung der Rechte und Interessen der Arbeiterinnen, der Arbeiter und der Masse der Angestellten - oder geht sie den Weg des Co-Managements, der Individualisierung der Tarife, der „Ausgestaltung“ und „Mitgestaltung“ der Arbeitsbedingungen gemeinsam mit den Monopolen?

 

Ein gewerkschaftlicher Kampf um weitere Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich erfordert die Kündigung bzw. Teilkündigung der Manteltarifverträge zur Arbeitszeit. So wurde auf der Tarifkommissions-Sitzung Berlin/Brandenburg/Sachsen am 14. September über eine Vereinbarung zwischen Gesamtmetall und IG Metall abgestimmt, die ein einmaliges Sonderkündigungsrecht für Manteltarifverträge gewährt.

Gewerkschaftliche Kampfkraft einsetzen

Das Rote Fahne Magazin und Rote Fahne News bitten alle Leserinnen und Leser um aktuelle, lebendige Berichte aus den verschiedensten Bereichen und Betrieben über die Diskussionen zur Tarifrunde, auch im Zusammenhang mit der Auswertung der Bundestagswahlen.

 

Die IG Metall ist mit ihren 2,3 Millionen Mitgliedern die größte und kampfstärkste Gewerkschaft. Der volle Einsatz dieser Kampfkraft wird maßgeblich darüber entscheiden, was in der Metalltarifauseinandersetzung "geht“ bzw. was "nicht geht“.