Manipulation

Was verbirgt sich hinter den „offiziellen“ Arbeitslosenzahlen?

Mit Schlagworten wie „Die Sonne strahlt über dem Arbeitsmarkt“ werden in den meisten Medien die gestern von den Chefs der Bundesagentur für Arbeit (BA) verkündeten Arbeitlosenzahlen verbreitet.

Von ba
Was verbirgt sich hinter den „offiziellen“ Arbeitslosenzahlen?
Die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg (foto: Nicohofmann (CC BY-SA 3.0 nicht portiert))

„Nur“ noch 2,389 Millionen Frauen und Männer waren demnach ohne Job. Im Vormonat September seien es noch 2,45 Millionen gewesen. Das sei die niedrigste Zahl der registrierten Arbeitslosen seit der Wiedervereinigung. 

Detlef Scheele, Chef der Bundesagentur für Arbeit (foto: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons))
Detlef Scheele, Chef der Bundesagentur für Arbeit (foto: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons))

In Kürze

  • Die aktuellen Arbeitslosenzahlen sind manipuliert
  • Leuten, die an Bewerbungs- oder Weiterbildungskursen teilnehmen, gelten nur noch nach als „unterbeschäftigt“
  • Zwangsrentner und "stille Reserve am Arbeitsmarkt" sind nicht erfasst

„Die offiziellen Arbeitslosenzahlen sind gesunken. Doch wie werden diese Zahlen ermittelt", fragt Ulja Serway, Mitglied der Koordinierungsgruppe der Bundesweiten Montagsdemo. Sie kritisiert die manipulierten Zahlen: "Als nicht mehr arbeitslos gilt jeder, der einen Minijob hat und ein paar Stunden in der Woche arbeitet, wovon man natürlich nicht leben kann. Die Situation von Langzeitarbeitslosen hat sich sogar noch weiter verschärft. Trotz wachsender Erwerbsquote finden gerade Langzeitarbeitslose kaum noch einen Job."

 

Als "ein Stück Volksverdummung", kritisiert der renommierte Wirtschaftswissenschaftler Professor Heinz-Josef Bontrup diese Methode: "Die Arbeitslosenzahlen auf Basis der registrierten Arbeitslosenzahlen sind ganz klar schöngerechnet. Die wirkliche Zahl der Arbeitslosen ist im Land deutlich höher".¹ So werden etwa 1 Million Menschen als „Unterbeschäftigte“ aus der offiziellen Arbeitslosenstatistik herausgerechnet, weitere Millionen von ihr gar nicht mehr erfasst.

Nur noch "unterbeschäftigt"?

Die große Zahl von Leuten, die an Bewerbungs- oder Weiterbildungskursen teilnehmen, gelten zum Beispiel nur noch als „unterbeschäftigt“. Weiter zählen dazu Erwerbslose, die vorübergehend krank sind. Auch Ein-Euro-Jobber und Leute, die sich selbständig machen wollen, zählen dazu. „Unterbeschäftigt“ sollen auch Hartz-IV-Bezieher sein, die älter als 58 Jahre alt sind und ein Jahr lang kein Jobangebot bekamen – das waren im vergangenen Jahr 162.600. Seit 2012 ist die Zahl der Betroffenen um 27 Prozent gestiegen.

 

Gar nicht in einer Statistik erfasst werden die 63-Jährigen, die aus dem Hartz-IV-Bezug hinausgeworfen werden. Viele werden zwangsweise in Rente geschickt. Deren Zahl steigt kontinuierlich an und beträgt heute mehr als 40.000. Im Jahr 2008 waren es knapp 9.600. Dann gibt es noch die so genannte "stille Reserve". Das sind Menschen, die sich entmutigt vom Arbeitsmarkt zurückgezogen haben. Auch viele Menschen, die bisher nicht gearbeitet haben und keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld haben, zählen dazu. Ihre Zahl geht in die Hunderttausende.

 

Viele Menschen, die Arbeitslosengeld beziehen, weil sie von ihrem Lohn nicht leben können, werden ebenfalls nicht erfasst. 4,34 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter haben im September Hartz-IV-Leistungen bekommen. Das sind über 30.000 mehr als im September des Vorjahres. Grundlage dafür ist die massive Ausdehnung des Niedriglohnsektors.

Über 50 Prozent der Frauen arbeitet in Teilzeit

Heute arbeiten über 50 Prozent der Frauen Teilzeit – 2005 waren es noch 37 Prozent. Außerdem hat sich die Zahl der Leiharbeiter von 2004 bis heute mehr als verdreifacht: von 339,000 auf über 1 Million. Die Zahl der Vollerwerbsarbeitsplätze sank seit 2000 von 25,3 auf unter 23 Millionen, während die der Teilzeit- und Minijobs von 10,6 auf über 15 Millionen anstieg. Durch diese Entwicklung hat sich die Armutsquote bundesweit bei den Erwerbstätigen von 6,7 Prozent auf 8,4 Prozent erhöht. Gleichzeitig steigen die Arbeitszeiten bei den regulären Arbeitsplätzen durch erzwungene Überstunden bzw. die Ausdehnung von „Arbeitszeitkonten“ und die „Flexibilisierung“ der Arbeitszeiten ständig an, verbunden mit wachsender Arbeitshetze.

 

All das wird durch die offizielle Arbeitslosenstatistik vernebelt. Dazu wurde in den vergangenen Jahrzehnten siebzehn Mal die Art und Weise der Erfassung von Arbeitslosen geändert. Fast jedes Mal ist die offizielle Arbeitslosenzahl danach gesunken. Die Manipulation der Statistik diente den jeweiligen Regierungen allein dazu, die wahren Verhältnisse am „Arbeitsmarkt“ beschönigen zu können. Die Arbeitslosenstatistik ist ein Propagandainstrument der Herrschenden, um die Klassenwidersprüche zu vertuschen. Man muss hinter den Nachrichten die Interessen der jeweiligen gesellschaftlichen Klasse suchen. Mit den manipulierten Arbeitslosenzahlen verbreiten die Kapitalisten die Botschaft, in Deutschland sähe ja alles nicht so schlimm aus.

Forderung nach 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich ist aktueller denn je

Um die Zahl von regulären Arbeitsplätzen wirklich zu erhöhen, ist die Durchsetzung der Forderung nach der 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich aktueller denn je! Das würde rechnerisch bei Abschaffung aller Überstunden zu 8 Millionen neuen Arbeitsplätzen führen. In den bevorstehenden Tarifrunden sind die Diskussionen an der Gewerkschaftsbasis zur Frage der Arbeitszeit gut geeignet, diese Forderung in den Mittelpunkt zu rücken.

 

Um die Arbeitslosigkeit und die wachsende Massenarmut überhaupt zu beseitigen, ist allerdings eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse erforderlich. Denn das kapitalistische Ausbeutungssystem bringt Arbeitslosigkeit und Armut gesetzmäßig hervor. Für die MLPD heißt die Alternative "echter Sozialismus", weil sich dort das gesellschaftliche Leben an den Bedürfnissen der Menschen in Einheit mit einer sorgfältigen Einwirkung auf die Natur orientiert.