„100-Tage-Plan“

PSA/Opel: Vorstand weicht vor offener Konfrontation zurück

Hundert Tage sind seit der offiziellen Übernahme von Opel durch den PSA-Konzern vergangen. Gestern wollte die Geschäftsleitung der Belegschaft den großen Wurf eines „Zukunftsplans“ präsentieren.

Von Korrespondenz aus Rüsselsheim / ba
PSA/Opel: Vorstand weicht vor offener Konfrontation zurück
Die Opelaner aus Rüsselsheim haben immer wieder gezeigt, dass sie eihe kampfbereite Belegschaft sind (rf-foto)

In den bürgerlichen Medien wird der "Pace" (Tempo) genannte Plan als „Neuanfang ohne Kündigungen und Werksschließungen“ gepriesen, und die „Elektrifizierung aller Modellreihen“ sowie die geplanten Altersteilzeitregelungen in den Vordergrund gerückt. Vor allem war von bestimmten Ankündigungen und Vorhaben wie der Schließung des Eisenacher Werkes oder des Entwicklungszentrum in Rüsselsheim zunächst keine Rede mehr.

 

Die Versprechungen, auf „betriebsbedingte Kündigungen“ und auf Werksschließungen zu verzichten, ist eine eindeutige Reaktion auf die kämpferische Stimmung in den Belegschaften, die klassenkämpferische Richtung und auch Aktionen in den letzten Wochen. Dazu gehören vor allem die Pausenversammlungen der Belegschaften in Eisenach und Rüsselsheim. Wie schon im Dezember letzten Jahres wich der Vorstand damit vor einer offenen Konfrontation mit der Konzernbelegschaft zurück.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben

Dass PSA/Opel darauf verzichtete, seine weitreichenden Pläne umgehend umzusetzen, bedeutet gleichzeitig nicht, dass sie damit vom Tisch wären. Tatsächlich hat Opel-Chef Michael Lohscheller gestern auch bestätigt, was seit Monaten in der Belegschaft diskutiert wird: In knapp drei Jahren werden sämtliche Opel-Modelle auf nur zwei PSA-Plattformen gestellt, die Zahl der Motoren von zehn auf vier PSA-Motoren konzentriert, bzw. nur noch PSA-Technik verwendet werden.

"Kämpfen wie bei Opel" hat nichts von seiner Bedeutung verloren. (rf-foto)

In Kürze

  • Umstellung sämtlicher Opel-Modelle auf nur zwei PSA-Plattformen  innerhalb von zwei Jahren
  • Mokka, SUV und Ampera-e sind Geschichte
  • Fast alle in Leiharbeit Beschäftigten werden entlassen
  • Geschäftsleitung droht Arbeiter/innen mit Polizei

Lohscheller bestätigte ebenfalls, dass der als Corsa-Nachfolgemodell für Eisenach gefeierte neue Mokka gestrichen ist, ebenso wie der große, als Zafira-Nachfolger für Rüsselsheim vorgesehene SUV. Auch der Elektro-Kleinwagen Opel Ampera-e spielt keine Rolle mehr. Von der Umstellung auf PSA-Plattformen ist auch der neue Insignia betroffen. Er soll offenbar nur noch drei Jahre laufen.

Befürchtungen und Kritiken vollauf berechtigt

Die Befürchtungen und Kritiken kämpferischer Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, für die sie seit Monaten angefeindet wurden, haben sich als vollauf berechtigt erwiesen. Entsprechend diskutierte die Belegschaft nach einer ersten Erleichterung, „glimpflich davonzukommen“ zu sein, dass es wenig glaubwürdig ist, wenn Lohscheller behauptet, künftig alle Getriebe- und Motorenwerke auf neue PSA-Modelle umzurüsten. Wieso sollte PSA alle Opel-Werke umstellen, wenn es selbst bereits über Fertigungskapazitäten verfügt? Ebenso unglaubwürdig ist es, dass bei nur noch zwei Plattformen alle Werke ausgelastet sein würden. "Jeder neue Opel werde im Rüsselsheimer Entwicklungszentrum geplant, das zudem Entwicklungsthemen wie die Brennstoffzelle für den gesamten Konzern übernehmen soll"¹, damit wollen Lohscheller/Tavares vor allem die Ingenieure in Rüsselsheim beruhigen. Aber auch das ist nur ein Trostpflaster, wenn gleichzeitig angekündigt wird, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung um ein Viertel zu drücken.

 

Diese Diskussion versuchte Lohscheller mit vagen Versprechungen für neue Modelle in allen Opel-Werken zu zerstreuen. So kündigte er den Bau von Elektrovarianten für jede Baureihe an. Über die Auswirkungen durch die Rationalisierung von Arbeitsprozessen bei dieser Elektrifizierung sprach er kein Wort - auch nicht darüber, ob diese Umstellung mit umweltgerechter Technologie erfolgen soll und auf erneuerbare Energien zielt. Sofort beginnt die Geschäftsleitung damit, fast alle Leiharbeitsbeschäftigten zu entlassen. Einem Teil der Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter werden aber auch Versprechungen gemacht. Weitere Arbeitsplätze werden durch Altersteilzeit-Programme vernichtet. In den nächsten drei Jahren will die Konzernspitze nach Schätzungen von Automobilexperten etwa 3.000, „langfristig bis zu 6.000 Stellen“ (F. Dudenhöffer) von zurzeit 37.000 streichen. Zusammen mit „innovativen Arbeitszeitkonzepten“ wie kürzeren Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich wollen sie so bis 2020 jährlich die Profite um 1,1 und danach um 1,7 Milliarden Euro steigern.

Wie nervös der Vorstand ist ...

Wie nervös der Vorstand ist, zeigt die letzte Woche. Vertrauensleute und Kolleginnen und Kollegen aus Rüsselsheim verfassten eine Brief an alle Werke mit dem Vorschlag, am 8. November, dem Tag der Aufsichtsratssitzung, gemeinsame Aktionen zu machen. Auf der Pausenversammlung am Mittwochfrüh versuchte der Chef der Montage diese Versammlung zu untersagen. Als das nicht gelang, rief er sogar die Polizei, die allerdings bis zum Ende der Versammlung nicht erschien. In der Zwischenzeit  beschlagnahmte der Werkschutz allerdings die Lautsprecheranlage der Versammlung. Arbeiterinnen und Arbeiter, die sich in ihrer Pause versammeln, mit Polizei zu drohen, ist ein Novum in der bundesdeutschen Geschichte - ein Skandal und No-Go.

 

Auf der Spätschicht wurden alle Kolleginnen und Kollegen von ihren Vorgesetzten mit Drohungen über arbeitsrechtliche Konsequenzen von der Teilnahme an einer Pausenversammlung abgehalten. Das zeigt, dass die Angst vor der Belegschaft dem Vorstand im Nacken sitzt. Auch in Eisenach versuchten Vorgesetzte, Teilnehmer einer Pausenversammlung einzuschüchtern.

 

Diese verschärfte Repression, die geplanten Entlassungen der Leiharbeiterinnen und Lieharbeiter, die hohlen Versprechungen - das alles muss in den kommenden Wochen diskutiert werden. Auch innerhalb der IG Metall geht die kritische Diskussion weiter. So wurde die antikommunistische Hetze der Betriebsrats-Führung verstärkt von gewerkschaftlichen Vertrauensleuten kritisiert und es wurden Vorschläge für die internationale Zusammenarbeit gemacht. Dagegen setzt die Gewerkschaftsführung voll auf eine Mitgestaltung des „Zukunftsplans“. IG-Metall-Bezirksleiter Jörg Köhlinger erklärte gar, die Ankündigungen seien „eine hervorragende Ausgangsbasis für die kommenden Verhandlungen.“ Das ganze Paket soll jetzt in den kommenden Monaten konkret weiter verhandelt und umgesetzt werden. Fest ist dabei bis auf die Arbeitsplatzvernichtung und drohenden Angriffe auf Löhne und feste Arbeitszeiten in allen Werken noch gar nichts.

Egal ob Engländer, Leiharbeiter, Ingenieure oder Festangestellter, wir stehen zusammen.

Vertrauensleute und Kollegen aus Rüsselsheim

Es kann nicht Verhandlungsgrundlage sein, die Fusionsfolgen auf die Belegschaft abzuwälzen. Dazu schrieben die Kolleginnen und Kollegen letzte Woche in ihrem Brief: „Wir werden zusammenhalten. Wir sind solidarisch mit euch in England, Eisenach und Kaiserslautern. Bei uns fangen sie an mit der Abmeldung von Leiharbeitern, die ersten Arbeitsplätze werden vernichtet. Das ist erst der Anfang und deshalb werden wir aktiv. Egal ob Engländer, Leiharbeiter, Ingenieure oder Festangestellter, wir stehen zusammen.“