Frankfurter Rundschau

Leserbrief von Stefan Engel zur "Spaltung der Linken"

In ihrer Ausgabe zum Reformationstag vom 30./31. Oktober veröffentlichte die Frankfurter Rundschau unter der Überschrift "Scheidelinie der Linken" einen Leserbrief von Stefan Engel, langjähriger Vorsitzender der MLPD und jetziger Leiter der Redaktion ihres theoretischen Organs REVOLUTIONÄRER WEG.

Von Stefan Engel
Leserbrief von Stefan Engel zur "Spaltung der Linken"
Stefan Engel (Foto: RF)

Stefan Engel bezieht sich darin auf das "Thema des Tages" in der Frankfurter Rundschau vom 21. Oktober ("Wann, wenn nicht jetzt?"), verfasst von Antje Vollmer, langjährige Abgeordnete der Grünen und Vizepräsidentin des Bundestags.

 

Er verzichtet in dem Leserbrief bewusst darauf, auf die verschiedensten in dem Artikel von Antje Vollmer enthaltenen antikommunistischen Entgleisungen und Geschichtsfälschungen einzugehen.

 

Stattdessen konzentriert sich Stefan Engel auf die zentrale Frage der Diktatur des Proletariats und ihrer Behandlung in den bürgerlichen Massenmedien, vor allem um die Hürde für den Abdruck durch die Redaktion nicht zu hoch zu legen. Hier der Leserbrief im Wortlaut:

 

Scheidelinie der Linken

Die Forderung nach der Überwindung der historischen Spaltung der Linken mag auf den ersten Blick ehrwürdig klingen. Der Artikel bleibt allerdings Illusion, wenn er der Ursache der Spaltung nicht richtig auf den Grund geht bzw. selbst spalterische Positionen bezieht.

 

Antje Vollmer spricht von der "Diktatur des Proletariats" als einer "diktatorischen Entgleisung" der Bolschewiki. Sie bringt damit diesen Begriff von vorneherein in ein negatives Licht, wie es typisch ist für die Geschichte des Antikommunismus.

 

Der wissenschaftliche Begriff der Diktatur des Proletariats ist von Karl Marx und Friedrich Engels geschaffen worden. Er ging von der Analyse aus, dass sich hinter den bürgerlichen Parlamenten, Regierungen und Institutionen letztlich die Alleinherrschaft der kapitalistischen Klasse verbirgt, die Ausbeutung und Unterdrückung betreibt.

 

Deshalb kamen Marx und Engels zu dem Schluss, dass dieser Alleinherrschaft (Diktatur der Kapitalistenklasse) die Alleinherrschaft jener Klasse entgegen gesetzt werden muss, die keinerlei Interesse an Ausbeutung und Unterdrückung des Menschen durch den Menschen hat: die besitzlose Arbeiterklasse, das Proletariat.

 

Nun weiß jeder, dass die deutsche Sprache sehr dialektisch und beweglich ist und Begriffe in der jeweiligen Assoziation auch ihren Inhalt verändern. Niemand würde etwas gegen die wissenschaftliche Begrifflichkeit von Marx und Engels als Alleinherrschaft des besitzlosen Proletariats haben können,  außer den Kapitalisten und der bürgerlichen Gesellschaft. Indem man diesen Begriff allerdings willkürlich assoziiert mit "brutaler Diktatur" und "stalinistischen Säuberungen", wird er mit starken Ängsten belegt.

 

In Wirklichkeit geht es in der Auseinandersetzung in der Linken darum, ob man den Kapitalismus abschaffen oder beibehalten will. Deshalb hat auch Lenin später die Stellung zum wissenschaftlichen Begriff der Diktatur des Proletariats zu einer Scheidelinie zwischen dem revolutionären und reformistischen Flügel der Linken gemacht.

 

Was soll also die Überwindung der Spaltung der Linken bewirken? Soll sie eine Linke sein, die sich im Rahmen des Kapitalismus, also im Rahmen des heute allein herrschenden internationalen Finanzkapitals bewegt, oder soll es eine Linke sein, die sich für eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung, also die Alleinherrschaft der Ausgebeuteten und Unterdrückten einsetzt?

 

Bevor man diese Grundsatzfrage nicht geklärt hat, wird die historische Überwindung der Spaltung eine Illusion bleiben.

 

Stefan Engel, Gelsenkirchen