Radioaktivität

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Atomunfall in Russland

Ende September 2017 stellten die zuständigen Kontrollstellen in Deutschland und Frankreich eine Wolke von radioaktivem Ruthenium-106 in der Atmosphäre fest, die offenbar aus Russland nach Westeuropa strömte.

Von ba
Atomunfall in Russland
Warnschild bei Majak (foto: Ecodefense/Heinrich Boell Stiftung Russia/Slapovskaya/Nikulina)

Der Kernphysiker Gerald Kirchner erklärte dazu in einem Interview mit t-online.de: "Es ist eindeutig, dass es dort einen Unfall gegeben haben muss, der mit einer massiven Hitzeentwicklung einherging." Denn Ruthenium-106 wird erst bei Temperaturen von 800 bis 1000 Grad Celsius dampfförmig und setzt Partikel frei. Das Bundesamt für Strahlenschutz informierte darüber die russischen Behörden. Aber diese reagierten nicht darauf. Offenbar wollten sie den Unfall totschweigen.

Bedrohliche Menge

Das französische Institut für Strahlenschutz und nukleare Sicherheit (IRSN) schätzt, dass zwischen 100 und 300 Terabecquerel Ruthenium-106 freigesetzt wurden. Das ist für die Bevölkerung in der Umgegend eine bedrohliche Menge, die die Werte der Vormonate um das 986-fache übertraf. Ruthenium-106 sendet beim radioaktiven Zerfall ionisierende ß-Strahlen aus, die das Erbmaterial schädigen können.

 

Eingezäuntes verstrahltes Gelände bei Majak (foto: Ecodefense/Heinrich Boell Stiftung Russia/Slapovskaya/Nikulina)
Eingezäuntes verstrahltes Gelände bei Majak (foto: Ecodefense/Heinrich Boell Stiftung Russia/Slapovskaya/Nikulina)

In Kürze

  • Russische Behörden und Rosatom versuchen Spuren zu verwischen
  • Die Anlage in Majak ist berüchtigt für ihre Unfälle
  • 1957 explodierte ein 300-Kubikmeter-Container mit hochradioaktivem Inhalt

Am 21. November gaben dann russische Meteorologen zu, dass vor allem im südlichen Ural ein starker Anstieg von Ruthenium in der Atmosphäre festzustellen sei. Aufgrund der Daten der europäischen Dienste und der russischen Meteorologen konnte der Austrittsherd ziemlich genau dort lokalisiert werden, wo die kerntechnische Anlage Majak liegt. Sie stellt Atomwaffen-Komponenten her und bereitet Kernbrennstoffe wieder auf. Das Werk gehört zur russischen Agentur für Atomenergie Rosatom.

Höchstwahrscheinlich aus Verglasungsanlage in Majak

Erst als diese Fakten bekannt waren, bequemten sich die russischen  Behörden zu einer Stellungnahme. Ende November gaben sie erstmals zu, dass es einen Unfall gegeben haben muss. Gleichzeitig versuchen sie weiter, die Spuren zu verwischen. Sie argumentierten zusammen mit Andrej Iwanow, dem Sprecher von Rosatom, dass die erhöhte Radioaktivität nicht aus dem Werk in Majak stammen könne, weil dort gar kein Ruthenium produziert werde. Ein russisches "Experten"-Gremium wollte mit der “Vermutung” ablenken, dass das Ruthenium von einem verglühendem Sateliten stammen könnte.

 

Sicher ist zwar, dass das Ruthenium-106 nicht durch einen Unfall in einem Kernreaktor freigesetzt wurde. Denn dann wären nicht nur Ruthenium-106, sondern auch andere radioaktive Elemente in die Atmosphäre gelangt. Nadeschda Kutepowa, ehemalige Leiterin einer russischen Umweltschutzorganisation erklärte aber, dass das Ruthenium-106 mit 99-prozentiger Sicherheit in einer Verglasungsanlage in Majak freigesetzt wurde, in der hochradioaktive Abfälle aus der Wiederaufarbeitung bei großer Hitze in eine Glashülle eingebunden werden. Beim Betrieb solcher Verglasungsanlagen entsteht Ruthenium-106.

Bekannt für viele Unfälle und Vertuschungsversuche

Majak ist die älteste russische Anlage zur Verarbeitung radioaktiver Stoffe. Sie ist bekannt für viele Unfälle und Vertuschungsversuche. Das hatte schon 1957 mit einer verheerenden Explosion begonnen. Ein 300-Kubikmeter-Container mit hoch radioaktivem Inhalt explodierte. Eine Fläche von 20.000 Quadratkilometern wurde verseucht. Über 270.000 Menschen wurden erhöhten Strahlendosen ausgesetzt. Die neue Kapitalistenklasse in der Sowjetunion vertuschte die Katastrophe bis 1987. 1986 geschah der Super-Gau von Tschernobyl, aus dem ebenfalls keine Konsequenzen gezogen wurden.

Nutzung der Atomenergie durch die sozialistische Sowjetunion

Nach dem Einsatz der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki im August 1945  und nach dem Beginn des Kalten Kriegs war es unbedingt richtig, dass die Sowjetunion der atomaren Erpressung durch die USA entgegentrat und eine eigene Atombombe entwickelte. Die Weichenstellung einer extensiven friedlichen Nutzung der Atomkraft" hatte jedoch weitreichende negative Folgen. Die Sowjetunion setzte zunehmend auf Atomkraft für die Energiegewinnung. Allerdings, so Stefan Engel in "Katastrophenalarm!", muss die damals weltweit verbreitete Unterschätzung der Gefahren, die Unkenntnis darüber, dass die Atomkraft nicht beherrschbar ist, in Rechnung gestellt werden (Seite298f).

Atomanlagen dienen auch militärische Zwecken

Für die heutigen Machthaber in Russland sind die vielen maroden Kernkraftwerke Profitmaschinen. Russland ist sogar zum weltweit größten Exporteur von AKWs geworden. Die Atomanlagen dienen aber auch zur Produktion atomwaffenfähigen Materials – ein wichtiges Faustpfand ihrer Macht als neuimperialistisches Land in ihrem Kampf um die Neuaufteilung der Welt. Russland hat ebenso wie die USA über 1.000 atomare Sprengköpfe, mit der auf der Erde mehrfach alles Leben ausgelöscht werden könnte.

AKWs in Europa nicht weniger gefährlich

Die Behauptung, die Sicherheitsstandards in Europa würden hier ähnliche Unfälle ausschließen, ist reine Zweckpropaganda. Schwere und schwerste AKW-Unfälle widerlegen das. 2010 wollte die deutsche Bundesregierung 951 Brennelemente in insgesamt 18 Castor-Behältern aus dem Zwischenlager Ahaus in diese berüchtigte Wiederaubereitungsanlage in Majak verfrachten. Sie konnte erst nach massiven Protesten daran gehindert werden.

Sofortige Stilllegung aller AKWs

Notwendig ist die sofortige Stilllegung aller AKWs weltweit. Das kann nur eine starke internationale Umweltbewegung durch einen entschlossenen Kampf gegen die internationalen Monopole und die Regierungen der imperialistischen Länder durchsetzen. Die Lehre aus dem erneuten atomaren Unfall muss sein, den Aufbau dieser internationalen Widerstandsfront mit aller Kraft zu fördern.