Vor 100 Jahren geboren

Vor 100 Jahren geboren

Heinrich Böll - "eine große integre Persönlichkeit"

Am 21. Dezember 1917 wurde Heinrich Böll in Köln geboren, er starb 1985 in der Eifel. Seine Bücher erreichten Millionenauflagen und gingen Menschen in der ganzen Welt zu Herzen. 1972 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

Von gis
Heinrich Böll - "eine große integre Persönlichkeit"
Heirnich Böll 1983 (Foto: Marcel Antonisse_Anefo / CC BY-SA 3.0.jpg)

Aus Anlass seines 100. Geburtstags erinnern sich Literaturwissenschaft und Feuilletons an den „katholischen Anarchisten“ und befassen sich mit ihm in Lesungen, Ausstellungen und Symposien. Neben positiver Würdigung seines streitbaren fortschrittlichen Engagements gibt es auch überhebliche Kritik am literarischen Werk des Literaturnobelpreisträgers. Von Kitsch, pastoralem Pathos und Waschküchenrealismus ist die Rede.

Parteilicher Schriftsteller, Meister der kurzen Prosa

Tatsächlich war Heinrich Böll einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller, ein Meister insbesondere der kurzen Prosa, aber auch des literarischen Essays, des Reisetagebuchs und großer Romane. Für viele junge Menschen der Nachkriegsgeneration waren seine Kurzgeschichten die erste Aufklärung über die Greueltaten des Hitlerfaschismus.

 

Literatur herstellen sei genau so wenig ein mystischer Vorgang wie Brötchen backen oder Brücken bauen. Seine Schriftstellerei sei solides Handwerk, sagte Heinrich Böll in der Nobelvorlesung „Versuch über die Vernunft der Poesie“ am 2. Mai 1973. Heinrich Böll ergriff Partei. Gegen Faschismus und imperialistischen Krieg, gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands unter Adenauer, gegen die Notstandsgesetze und gegen die Obristendiktatur in Griechenland.

Bekenntnis zur "Trümmerliteratur"

In seinem „Bekenntnis zur Trümmerliteratur“, 1954, bezeichnete er es als Aufgabe der Nachkriegsliteratur, über die Verbrechen des Hitler-Faschismus zu schreiben und einen Beitrag dafür zu leisten, dass so etwas nie wieder geschieht.

 

1949 veröffentlichte er sein erstes Buch mit der Erzählung „Der Zug war pünktlich“. Ein Liebespaar wird für immer getrennt. Der Zug war pünktlich, der den jungen Soldaten der faschistischen Wehrmacht an die Front brachte, von der er nicht zurückkehrt. Ein anderer junger Soldat kommt zurück. In dem Notlazarett, in das man den schwer Verwundeten bringt, erkennt er seine ehemalige Schule, ein humanistisches Gymnasium.

 

„Da war meine Handschrift an der Tafel. Ich kenne meine Handschrift. Es ist schlimmer, als wenn man in den Spiegel sieht … Alles andere war kein Beweis gewesen …, aber ich glaube nicht, daß sie in anderen Schulen mit meiner Handschrift an die Tafel schreiben. Da stand er noch, der Spruch, den wir damals hatten schreiben müssen, in diesem verzweifelten Leben, das erst drei Monate zurücklag: Wanderer, kommst du nach Spa …“.

Als gläubiger Katholik entschieden gegen die kirchliche Doppelmoral

Heinrich Böll konnte ungemein sinnlich schreiben. Man liest, wie ein Mann vom Krieg heimkehrt und durch die Trümmerstraßen Kölns geht, wie er einen notdürftig eingerichteten Bäckerladen betritt, den Duft frisch gebackenen Brotes wahrnimmt, und wie wieder Lebensfreude in ihm aufkeimt – man riecht selbst förmlich das Brot und kann die Rückkehr der Lebensfreude nachfühlen.

 

Zeitlebens war Heinrich Böll gläubiger Katholik, ergriff aber leidenschaftlich Partei gegen den „Kölschen Klüngel“ aus Kirchenfunktionären und Adenauer-Reaktion. In den „Ansichten eines Clowns“ entlarvt er meisterhaft die Doppelmoral der offiziellen Kirche und lässt seinen Titelhelden beschreiben, um wie viel sittlicher die auf Liebe beruhende uneheliche Beziehung zwischen ihm und der jungen Marie ist.

 

1974 beherbergte Heinrich Böll den ausgewiesenen sowjetischen Schriftsteller Alexander Solschenizyn in seinem Haus. Dass er ihm damit eine Plattform für antikommunistische Hetze bot, war nicht sein Motiv, sondern einer gewissen Naivität geschuldet.

Im Visier der reaktionären Terroristenhetze

Seinem demokratischen Engagement aber blieb Heinrich Böll treu. In den 1970er-Jahren geriet er selbst nach seinem Spiegel-Artikel „Will Ulrike Meinhof Gnade oder freies Geleit“ ins Visier der reaktionären Terroristenhetze. Sein Roman „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ zeugt davon. Nur zähneknirschend verliehen ihm die Stadtbürokraten von Köln 1983 die Ehrenbürgerschaft.

 

Das literarische Schaffen Heinrich Bölls ist am Ende das Werk eines Meisters zu nennen. Er war eine große integre Persönlichkeit.