Duisburg

Stahlarbeiter bei ThyssenKrupp: Wie geht’s weiter nach der Abstimmung über den Tarifvertrag?

Die Mitglieder der IG Metall bei ThyssenKrupp Steel Europe waren zur Abstimmung über einen Tarifvertrag zur Begleitung der geplanten Fusion mit Tata Steel aufgerufen. Gestern wurden, wie Rote Fahne News bereits berichtete, die Stimmen ausgezählt.

Korrespondenz / Interviews

Die Stahlarbeiter wollen auf keinen Arbeitsplatz verzichten, ganz besonders im Interesse der Jugend. Jetzt hat eine Mehrheit der IG-Metall-Mitglieder an den tkSE-Standorten dem Tarifvertrag zugestimmt. 13.803 der 21.007 Abstimmungsberechtigten stimmten für den Tarifvertrag¹. Das häufigste Argument dafür war, dass man ohne den Tarifvertrag gar nichts in der Hand hätte. 1.151 stimmten gegen den Vertrag und 6032 blieben der Abstimmung fern.

Kritik an antikommunistischer Unterdrückung

Vor und während der Abstimmung wurde zunehmend Druck ausgeübt: Man könne ja ruhig gegen den Vertrag sein, aber wer die Zustimmung verweigere, verhielte sich verantwortungslos gegenüber der Jugend, so der ehemalige IG Metall-Bezirksleiter und heutige Aufsichtsrat bei ThyssenKrupp, Detlef Wetzel.

 

Welches Demokratieverständnis erscheint, wenn man eine offene Aussprache mundtot machen will? Offenbar trauen manche  IGM-Spitzenfunktionäre der Belegschaft kein eigenes Urteil zu. Oder sie haben sogar Angst davor.

 

Das kam nicht gut an. „Bei mir im Bereich hat sich die Mehrheit für Ablehnung ausgesprochen", berichtet ein Kollege. "Unser Betriebsrat war heute da, man hat gemerkt, dass er richtig erleichtert war, wegen der Zustimmung. Er könne nicht verstehen, warum bei uns die höchste Ablehnungsquote sei. Mit der Stimmungsmache gegen die Leute von der MLPD, die sich für Ablehnung ausgesprochen haben, bin ich echt nicht einverstanden. Betriebsrats- und Vertrauenskörper-Spitze forderten, sie dürften diese Position nicht äußern. Damit wird die ganze Abstimmung nur noch Pseudo.“

 Die hohe Zustimmung hat mich überrascht, besonders in Bochum

Stahlarbeiter aus Duisburg

"Die hohe Zustimmung hat mich überrascht, besonders in Bochum", so ein Kollege. "Die haben doch jede Menge Erfahrungen mit 'Vertragssicherheit'. Läuft es für den Unternehmer nicht, wie geplant, kannste dir den A ... mit dem Vertrag abwischen, um dich schon mal an Hartz IV zu gewöhnen. Deswegen hab ich ja mit NEIN gestimmt.“

 

Viele, die zugestimmt haben, sind überzeugt, dass man sich nicht auf Zusagen der Vorstände verlassen kann. Erfahrungen wie mit der „sozialverträglichen Vernichtung von Arbeitsplätzen“ bei Schienentechnik oder dem Edelstahlbereich wurden verarbeitet. „Jetzt werden die Kollegen in trügerischer Sicherheit gewogen. Die machen die Fusion doch wegen Synergieeffekten und Kapazitätsabbau, also Einsparungen! Und als erstes wird bei uns Arbeitern und den Arbeitsplätzen eingespart. Da können wir uns auf was gefasst machen", so ein weiterer Kollege

Auch Zweifel und Illusionen

Aber manche Kolleginnen und Kollegen haben noch Zweifel, ob es gelingt, die notwendige Stärke für einen erfolgreichen Kampf zu entwickeln. Dabei waren mit der aktuell laufenden Metalltarifrunde und bei ver.di gute Möglichkeiten für gemeinsame Kämpfe gegeben.

 

Gleichzeitig gibt es auch noch Illusionen in die Haltbarkeit solcher Verträge, wenn ein Kollege im Vorruhestand erklärt: „Ist doch gut für das Ruhrgebiet nach all den Hiobsbotschaften vom Bergbau, Opel, tkSE/outokumpo usw. Damit ist doch Zeit gewonnen, um neue Arbeitsplätze in anderen Bereichen zu schaffen. Im Straßenbau, Nahverkehr und im Umweltschutz muss doch jede Menge getan werden. Da kann die Zeit doch reichen.“

 

Die Nein-Stimmen (u.a. 13% in Duisburg)  wurden sehr bewusst abgegeben, Sie drücken die intensiven Auseinandersetzungen unter den Stahlarbeitern in den letzten Monaten aus. Die veränderte Situation mit mächtigen Konzernen aus neuimperialistischen Ländern, eine neue Stufe im Konkurrenzkampf in der ganze Branche und eine Neuordnung ganzer Konzerne musste verarbeitet werden.

 

Die Wahlbeteiligung von 71,3% ist relativ hoch. Fast 30% sind der Abstimmung ferngeblieben, vor allem ein Ausdruck davon, dass Kollegen gewisse Zugeständnisse im Tarifvertrag nicht ablehnen wollten, ihn trotzdem nicht für einen geeigneten Weg zur Verteidigung der Arbeitsplätze halten.

 

Rote Fahne News sprach mit Arbeitern in Duisburg Hamborn unter anderem mit dem Landesvorsitzenden der MLPD NRW, selbst Stahlarbeiter in Duisburg. Hier geht es zu den weiteren Stimmen