Großbritannien

Giftanschlag Vorwand für verschärften Kurs gegen Russland

Am 4. März wurden der russische Ex-Spion Sergej Skripal und seine Tochter Julia im englischen Salisbury Opfer eines Anschlags mit dem extrem gefährlichen Nervengift Nowitschok.

Von Em
Giftanschlag Vorwand für verschärften Kurs gegen Russland
Agiert zunehmend aggressiv gegen Russlands Präsidenten Wladimir Putin - die britische Premierministerin Theresa May (foto: Chatham House - Rt Hon Theresa May MP, Home Secretary, UK (CC BY 2.0))

Seitdem liegen sie im Koma. Dieses verabscheuungswürdige Verbrechen muss restlos aufgeklärt und die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden.

Giftgasbestände (155-mm-Senfgasgranaten) der US-Armee (Foto: US Government)
Giftgasbestände (155-mm-Senfgasgranaten) der US-Armee (Foto: US Government)

Was ist Nowitschok?

  • Nowitschok geht zurück auf den 1938 entwickelten Kampfstoff Sarin
  • Es wurde in den 1980er Jahren in der bereits sozialimperialistischen Sowjetunion entwickelt
  • Nowitschok und Sarin sind extrem starke Nervengifte (ein Salzkorn reicht vermutlich, um einen Menschen zu töten)

Für die britische Regierung steht fest, dass Putin höchstpersönlich den Auftrag erteilt hat. Das ist Putin und seinen Geheimdiensten zweifellos zuzutrauen, gehen doch eine ganze Reihe von Morden an Ex-Agenten oder emigrierten Regimegegnern auf ihr Konto - speziell in Großbritannien. Stichhaltige Beweise wurden bisher nicht vorgelegt.

Skripal weiter als Spion aktiv?

Bekannt ist, dass Sergej Skripal früher als Doppelagent für den britischen Geheimdienst MI6 wie auch für den russischen Geheimdienst FSB gearbeitet hat. Spionage-Experte Anthony Glees sagte in einem Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger vom 14. März:

 

„Wer sich mit militärischer Aufklärung beschäftigt … wie das Skripal seit Jahrzehnten getan hat …, für den stellt Salisbury einen Ort von höchstem Interesse dar. Nicht nur gibt es dort dauernd Truppenbewegungen wegen des nahegelegenen Übungsplatzes. Ganz nahe bei der Stadt liegen auch das weltbekannte ABC-Labor von Porton Down und das ABC-Ausbildungslager der britischen Streitkräfte.“ Auf die Frage, ob er damit andeuten wolle, dass Skripal weiterhin seinem Beruf nachgegangen sei (diesmal wieder für Russland), antwortete er: „Diesen Verdacht habe ich.“

 

Auch wenn das konkret nicht zu überprüfen ist, zeigt es doch, dass hier die verschiedensten Seiten ihre Finger im Spiel haben. Und es stellt die offizielle Version des scheinbar so einfach gestrickten Agententhrillers in Frage.

Schlagabtausch der Sanktionen

So oder so ist der Vorfall der britischen Regierung unter Ministerpräsidentin Theresa May höchst willkommen, um mit aggressiver Rhetorik und Sanktionen einen verschärften Kurs gegenüber der russischen Regierung einzuschlagen. Nachdem diese ein Ultimatum zur Aufklärung des Anschlags verstreichen ließ, beschloss Großbritannien gestern die Ausweisung von 21 Diplomaten, die angeblich getarnte Agenten seien. Russischen Konzernchefs soll der Zugang zu britischen Konten erschwert werden.

 

Nachdem May das Attentat zum „rücksichtlosen Akt gegen das Vereinigte Königreich“ hochstilisierte, forderte sie gar den NATO-Bündnisfall ein. Mehrere EU-Länder - darunter Deutschland - und die USA haben sich mittlerweile den Vorwürfen gegen Russland angeschlossen. Die russische Regierung will nun ihrerseits Sanktionen gegen Großbritannien verhängen.

Merkel: Es geht um "andere Fragen"

Diese Zuspitzung ist offenbar seit längerem zwischen verschiedenen westlichen imperialistischen Mächten abgesprochen. So verschärft sich seit Monaten auch in Deutschland der Ton bürgerlicher Medien und Politiker gegen das zweifellos reaktionäre Putin-Regime. Insbesondere wird Russland einseitig der Aggression in Syrien bezichtigt, obwohl diese genauso von den NATO-Mitgliedern Türkei oder USA ausgeht.

 

Bundeskanzlerin Merkel sagte direkt nach ihrer Wiederwahl gestern im ZDF-Interview, dass es bei den Widersprüchen zu Russland vor allem auch um "andere Fragen" ginge, wie "Syrien, Ostukraine". In Syrien spiele Europa "bedauerlicherweise ... keine tragende Rolle" und müsse sich "noch stärker einbringen".

 

Großbritannien ist - auch durch den Brexit - im internationalen Konkurrenzkampf tendenziell ins Hintertreffen geraten und sucht nach Auswegen. Zwar hält die britische Regierung am EU-Austritt fest, strebt aber eine weitere Zusammenarbeit mit den führenden EU-Ländern gerade in außenpolitischen und militärischen Fragen an.

Ein Hintergrund: Neue Phase im Syrien-Krieg

Während Russland aggressiv seinen Machtbereich in Syrien und Ländern des ehemaligen "Ostblocks" verteidigt, schiebt die NATO ihre Ostgrenzen immer weiter nach vorne. Der Syrien-Krieg wurde maßgeblich vom US-Imperialismus und neuimperialistischen Ländern wie der Türkei und Saudi-Arabien vom Zaun gebrochen, um das mit Russland verbündete Assad-Regime zu stürzen. Diese Rechnung ging bisher nicht auf. Der Syrien-Krieg trat zuletzt in eine neue Phase, in der die beteiligten Mächte mit aller Macht auf eine Neuaufteilung der Einflusssphären drängen.

 

Nur vor diesem Hintergrund ist der provokative Kurs Großbritanniens im Bündnis mit der EU und den USA zu erklären. In einem Interview vom Januar 2018 erläutert die Vorsitzende der MLPD, Gabi Fechtner: „Der zwischenimperialistische Konkurrenzkampf verschärft sich. Die 'alten' imperialistischen und die neuimperialistischen Länder wetteifern aggressiv um Einflusssphären und Weltmarktführung.“

Allen imperialistischen Mächten den Kampf ansagen

Es deutet alles darauf hin, dass Sergej und Julia Skripal Opfer eines dreckigen Spiels der Geheimdienste in diesem zwischenimperialistischen Hauen und Stechen geworden sind. Es zeigt einmal mehr, wozu diese  Mächte fähig sind, aber dass es auch keinerlei Grund gibt, sich vor den Karren irgendeiner Seite spannen zu lassen. Für den konsequenten Kampf zur Überwindung des gesamten imperialistischen Systems stehen die MLPD und international die revolutionäre Weltorganisation ICOR.