VW-Skandal

Zulieferer ausspioniert und kaltgestellt

Die Führungsspitze von VW ist offensichtlich nicht bereit, ihre skandalösen Machenschaften aufzugeben, mit denen sie ihre Profit- und Machtinteressen durchsetzen wil.

Von ba
Zulieferer ausspioniert und kaltgestellt
Das VW-Imperium agiert nach wie vor kriminell (foto: nibbler (CC BY-SA 2.0 de))

Der neue VW-Vorstandsvorsitzende Herbert Diess will die VW-Spitze als saubere Truppe verkaufen. In der Belegschaft ist er aber schon dafür verrufen, rücksichtlos Arbeitsplätze zu vernichten, um VW noch profitabler zu machen. Und - welch Zufall - die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt schon gegen ihn wegen des Verdachts der Marktmanipulation.

 

Die geschassten Führungskräfte haben dagegen ihre Schuldigkeit getan – und können gehen: Vorstandschef Matthias Müller mit einer Betriebsrente von 3.600 Euro - am Tag! Und der ausgetauschte Einkaufschef García Sanz bekommt die „Kleinigkeit“ von 2.990 Euro Betriebsrente, ebenfalls pro Tag.

 

Mit welcher unverfrorenen Dreistigkeit VW dabei vorgeht, zeigt der am Wochenende bekannt gewordene Vorgang um den Zulieferer Prevent. Die VW-Spitze ließ die Firma seit März 2017 von Privatdetektiven der Kanzlei Hogan ausspionieren. Dazu wurden 37 ihrer Führungskräfte und zum Teil deren Familien beschattet.

Der neue VW-Chef Herbert Diess (foto: Rudolf Simon (CC BY-SA 3.0))
Der neue VW-Chef Herbert Diess (foto: Rudolf Simon (CC BY-SA 3.0))

In Kürze

  • VW hat vor Ostern kurzfristig vereinbarte Lieferungen des Zulieferers Prevent gekündigt
  • Vorausgegangen war eine Ausspähaktion seitens VW
  • Als Folge muss ein Werk in Stendal schließen

Mit dem "Projekt Herzog" genannten Vorgehen wollte die VW-Spitze offenbar Schwachstellen bei Prevent aufspüren, um diese aufmüpfige Zuliefererfirma maßregeln zu können. Im August 2016 hatte ein Lieferstopp von Sitzbezügen und Gussteilen für Getriebe durch zwei in der Prevent-Gruppe zusammengeschlossene Automobilzulieferer den VW-Konzern rund 100 Millionen Euro gekostet.

 

Das sächsische mittelständische Unternehmen CarTrim und sein Schwesterunternehmen ES Autoguss hatten die fristlose Kündigung eines Großauftrags durch VW und Porsche im Umfang von 56 Millionen Euro ohne Schadensersatzleistungen nicht akzeptiert.

 

Normalerweise hat ein Zulieferer gegenüber einem Übermonopol wie VW kaum Druckmittel. Für jedes Teil gibt es mindestens zwei Lieferanten. Diese werden gnadenlos gegeneinander ausgespielt und in den Würgegriff genommen. Die Zulieferer wälzen den Druck des Übermonopols auf ihre Belegschaften ab und versuchen dort die Ausbeutung zu steigern.

 

Die Prevent-Gruppe war aber damals im Bereich Getriebeteile vorübergehend der einzige Zulieferer von VW. Der Lieferstopp brachte VW deshalb in eine Zwickmühle. Auch Drohungen mit Geld- und Gefängnisstrafen sowie mit Polizeieinsatz nutzten nichts.

 

So musste die VW-Spitze Zugeständnisse machen. Sie schloss einen langfristigen Liefervertrag mit ES Autoguss ab. Außerdem musste VW 13 Millionen Euro an CarTrim zahlen und seinerseits auf Schadensersatzforderungen verzichten. Nach dem anfänglich martialischen Auftreten musste der Konzern also recht kleinlaut zurückrudern.

VW-Spitze spionierte Zulieferer auf Struktur und Netzwerke aus

Das wollte VW auf keinen Fall auf sich sitzen lassen. Ein VW-Sprecher erklärte dazu laut Bild am Sonntag jetzt: "Wir haben in der damaligen Ausnahmesituation, in der uns Prevent durch unrechtmäßige Lieferstopps in eine Zwangslage gebracht hatte, Recherchen über die Gruppe in Auftrag gegeben, insbesondere um mehr Transparenz über deren Strukturen und Netzwerk zu bekommen.“ Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

 

Nun hat VW kurz vor den Osterfeiertagen wieder kurzfristig und rechtlich fragwürdig vertraglich vereinbarte Lieferungen von allen Prevent-Firmen gekündigt. Die Prevent-Tochter Foamtec aus Stendal muss deshalb schließen. Das "Projekt Herzog" hatte unter anderem zum Ziel, einen alternativen Zulieferer zu Prevent "aufzubauen". Das scheint jetzt offenbar gelungen.

 

Die bürgerlichen Politiker wie der damalige niedersächsischen Regierungschef Stephan Weil (SPD) und rechte Gewerkschaftsführer wie der Gesamtbetriebsrats-Vorsitzende Bernd Osterloh blamierten sich damals mit ihrer Zustimmung zur Erpressungspolitik von VW gegenüber Prevent. Osterloh bejubelt auch jetzt wieder den Umbau der Führungsspitze. Gunnar Kilian, bisher Generalsekretär im Betriebsrat, wird für diese „Vasallentreue“ der Betriebsratsspitze nun mit dem Posten des Personalvorstands belohnt.

 

Der Wechsel des Vorstandsvorsitzenden von VW und die weiteren personellen Umbauten ändern nichts an den skandalösen und kriminellen Machenschaften dieses Übermonopols. Sie müssen weiter vollständig aufgedeckt und bestraft werden. Die Belegschaft wird sicher auch die „Großzügigkeit“ der Führungskräfte untereinander richtig zu würdigen wissen.

 

Auch wenn es sich um eine Auseinandersetzung zwischen Kapitalisten um den größeren Anteil an der Ausbeutung handelte, wurde im Zusammenhang mit dem Zulieferstopp durch Prevent deutlich: Die internationalisierte, hoch arbeitsteilige Produktion ist äußerst störanfällig. Erst recht gilt das für Kämpfe der Belegschaften.

 

Jeder Streik, selbst von Teilen der Belegschaft, kann eine enorme Kraft entfalten und starken Druck auf die Chefetagen von Übermonopolen ausüben. Für die Arbeiterklasse ist der Zusammenschluss der Belegschaften der Übermonopole und Zulieferer gegen die Kapitalisten die entscheidende Perspektive.