ICOR/MLPD-Gespräch mit Zübeyir Aydar (KCK)

Rojava kann ein freies Gebiet der Völker, Arbeiter und Revolutionäre werden

Die Homepage der revolutionären Weltorganisation ICOR berichtet über ein Gespräch zwischen Vertretern der ICOR und der MLPD. Dabei gab Zübeyir Aydar Ende März 2018 die nachfolgende Beurteilung der politischen Lage nach dem Abzug von Einheiten der YPG/YPJ aus der Stadt Efrîn und der politischen Perspektiven ab. Wir dokumentieren Auszüge¹:

Von ICOR
Rojava kann ein freies Gebiet der Völker, Arbeiter und Revolutionäre werden
Die Solidarität des Internationalistischen Bündnisses mit dem kurdischen Kampf für Freiheit und Demokratie (rf-foto)

Den - vom Kerngebiet Rojavas getrennten - Kanton Efrîn hatten die kurdischen Volks- und Frauenverteidigungseinheiten YPG und YPJ gegen den türkischen Überfall Ende Januar 56 Tage lang heldenhaft verteidigt. Der einzigartige ICOR-Aktionstag „Efrîn wird leben!“ Ende März in über 30 Ländern war ein Meilenstein der internationalen Solidarität mit dem kurdischen Freiheitskampf in Rojava, der ein Leuchtturm im weltweiten Kampf um Freiheit und Demokratie ist.

Zübeyir Aydar (screenshot)
Zübeyir Aydar (screenshot)

In Kürze

  • Es sind immer noch Teile Efrîns unter Kontrolle der YPG/YPJ
  • KCK: Wir sind große Verfechter des Internationalismus
  • Türkei will Demografie in Efrîn vollständig umzukrempeln

Gespräch zwischen Vertretern der ICOR/MLPD und Zübeyir Aydar

Wenn wir über Efrîn sprechen, müssen wir uns darüber klar sein, dass es nicht nur um Efrîn, sondern um die Situation in der gesamten Region geht. Die Stadt Efrîn ist zwar geräumt. Aber seit 74 Tagen (heute 111 Tagen - Anm. d. Red.) gibt es Widerstand in Efrîn gegen die türkische Invasion. Der Krieg ist auch in der Stadt selbst noch nicht beendet … Der Kampf in Efrîn ist jetzt in die Phase eines Guerilla-Krieges übergegangen. So gibt es auch nach wie vor Regionen im Kanton Efrîn, zu denen die Türkei keinen Zugang hat und die unter der Kontrolle der kurdischen Selbstverteidigungskräfte stehen …

Es gibt nach wie vor Regionen in Efrîn, zu denen die Türkei keinen Zutritt hat

Zübeyir Aydar

Mit der türkischen Armee ist auch der IS/Daesh nach Efrîn gekommen. Die „Verbündeten“ der Türkei, die sog. „Freie Syrische Armee“ und weitere Milizen setzen sich zum großen Teil aus Söldnern des IS zusammen. Die Türkei und ihre faschistischen Verbündeten haben Efrîn vollständig geplündert. Sie greifen Frauen an und haben junge Mädchen entführt und vergewaltigt. Die Bevölkerung ist zwar vorwiegend muslimisch, es gibt aber auch zahlreiche jezidische, christliche und alevitische Menschen in der Region. Diese werden gezwungen, zum Islam überzutreten. Die Taktik des türkischen Staates ist dieselbe wie in Shengal. 

 

80% der Bevölkerung sind aus Efrîn geflohen. Sie befinden sich derzeit in verschiedenen Flüchtlingslagern. Die Absicht der Türkei ist, die Demografie in Efrîn vollständig umzukrempeln. Sie plant, dort bisher in der Türkei lebende arabisch-sunnitische Flüchtlinge aus Syrien anzusiedeln. Dies ist der strategische Plan der Türkei.

 

Ich betone nochmals, dass Efrîn die Türkei zu keinem Zeitpunkt angegriffen hat. Es gab dort eine friedliche Selbstverwaltung der kurdischen Bevölkerung und aller anderen Bevölkerungsgruppen auf gleichberechtigter Grundlage, die der Türkei ein Dorn im Auge ist. Diese demokratische Selbstverwaltung will Erdogan vernichten. Deswegen spricht Erdogan bereits davon, auch nach Minbidsch, Kobanê und Quamislo vordringen zu wollen. Das ist uns bewusst und darauf bereiten wir uns vor.

 

Alle Imperialisten und die regionalen Mächte haben sich hinter die Türkei gestellt. Russland hat „grünes Licht“ gegeben. Die USA und Europa haben „beobachtet“ und ihre „Besorgnis“ zum Ausdruck gebracht, aber gleichzeitig gesagt, sie verstünden die Bedenken der Türkei und hätten Verständnis für deren Sicherheitsinteressen. Einzig und allein Frankreich und die Arabische Liga haben deutlichere Kritik geübt.

 

Im Kampf gegen den IS/Daesh speziell in Kobanê gab es eine militärische Kooperation mit den USA, insbesondere durch deren Luftunterstützung, gegen den selben Feind. Es gab aber keine politische oder ideologische Zusammenarbeit. Wir rücken niemals von unseren Positionen als antiimperialistische Bewegung ab. (...)

 

Jetzt haben wir eine kritische Situation für das Modell einer neuen Gesellschaft in Rojava. Momentan müssen sich alle Anstrengungen darauf konzentrieren, die Bevölkerung zu schützen und das Modell Rojava zu verteidigen. Rojava ist massiven Angriffen auf Efrîn durch die Türkei und die NATO ausgesetzt.

 

Es gibt bestimmt eine Menge Projekte, die wir auch in Zukunft zusammen machen können im Geist des Internationalismus.

Zübeyir Aydar

Bei den KurdInnen geht es nicht nur um die Region, das soll auch als internationalistische Arbeit angesehen werden. Es gibt bestimmt eine Menge Projekte, die wir auch in Zukunft zusammen machen können im Geist des Internationalismus. Die Feinde arbeiten zusammen, wir als Freunde sollten auch international zusammenarbeiten. Wir legen großen Wert darauf, dass wir mit allen, die gegen das System kämpfen, strategisch zusammenarbeiten. Wir sind große Verfechter des Internationalismus!

 

Rojava kann ein Platz des Zusammenlebens, der Demokratie und des Internationalismus werden. Rojava kann ein freies Gebiet der Völker, Arbeiter und Revolutionäre werden.