Diskussion

Abgas-Problematik allseitig behandeln

Im Leserforum des Rote Fahne Magazins waren in den Ausgaben 8 und 11/2018 Zuschriften zum Thema Diesel-Fahrverbote abgedruckt. Zu dem Themenkomplex erhielten wir noch eine Zuschrift eines Lesers aus Köln, die wir im Folgenden auf Rote Fahne News veröffentlichen - zusammen mit einer weiteren Antwort aus Stuttgart:

Redaktion

Zum Artikel „Drastische Maßnahmen zur Luftreinhaltung auf Kosten der Profite“ in Rote Fahne 6/2018 und dem Leserbrief von H.A. dazu in Rote Fahne 8/2018:

 

Der Artikel geht insgesamt sehr gut auf die Problematik ein, aber die Aussagen zu Fahrverboten sehe ich kritisch … SCR-Katalysatoren1 lindern nur die NOx-Emissionen2. Es gibt seit langem eine massive, koordinierte Meinungsmanipulation durch Massenmedien, Autokonzerne und staatliche Behörden, die Stickoxid-Problematik einseitig ins Zentrum der Debatte um Luftverschmutzung zu stellen und das Thema Feinstaub als erledigt zu verkaufen. Dazu wurden die absurd hohen EU-Grenzwerte geschaffen, auf deren Einhaltung man sich jetzt beruft.

 

Der Kampf gegen Stickoxide ist eine wichtige Aufgabe. Aber Feinstäube rufen den weit größeren gesundheitlichen Schaden am Menschen hervor. Laut WHO ist Feinstaub die Ursache von 25 Prozent aller Lungenkrebs-Toten sowie 15 Prozent aller Herzinfarkte. Weltweit summiert sich das auf 3 Millionen Tote pro Jahr. Bereits ungeborene Kinder werden über das Nabelschnurblut belastet und müssen ein Leben lang die Folgen, unter anderem von kognitiven Störungen tragen. Fahrverbote würden hier durchaus eine Entlastung bringen, weil in den Städten der individuelle Autoverkehr einer der Hauptverursacher ist. Der SCR-Katalysator reduziert zwar die Stickoxide, oft reicht das aber nicht. Für Köln hat ein Gutachten der Firma AVISO ergeben, dass selbst beim flächendeckenden Einsatz von SCR-Katalysatoren in allen Diesel-Fahrzeugen die NOx-Werte nicht dauerhaft unter den Grenzwert von 40 µg/m³ sinken würden. Der SCR-Katalysator verschärft dagegen das Feinstaub-Problem sogar noch, weil er mit erhöhtem Kraftstoffverbrauch auch zu mehr Feinstaub-Ausstoß von besonders krebserregenden Dieselruß-Partikeln führt. ...

 

Dringend notwendige Maßnahmen dürfen aber nicht gegeneinander ausgespielt, sondern müssen in Einheit durchgekämpft werden. Richtig ist vielmehr zu fordern, dass da, wo Fahrverbote (nicht nur für Diesel!) notwendig sind, diese auf Kosten der Automonopole gehen müssen und keinesfalls zulasten der betrogenen Käufer, die zu entschädigen sind. Kostenlose ÖPNV-Tickets und gezielter Werksverkehr auf Kosten der Monopole, der die Menschen von Parkplätzen am Stadtrand zu ihren Arbeitsplätzen in der Stadt bringt, könnten zum Beispiel schon erhebliche Entlastung bringen. Für einen entschiedenen qualitativen und quantitativen Ausbau des ÖPNV ist die Zurückdrängung des Autoverkehrs aus den Innenstädten oft regelrecht Voraussetzung. … Entlang der Haupttrassen müssen Fahrspuren für Autos gesperrt und exklusiv für ÖPNV und Radfahrer reserviert werden, um das Autofahren unattraktiver zu machen und den ÖPNV pünktlicher und schneller zu machen bzw. ausbauen zu können.

 

Mittelfristig müssen die Innenstädte weitgehend autofrei und so ein lebenswerter Ort für ihre Bewohner werden. Parkhäuser müssen geschlossen und in dringend benötigten Wohnraum umgewandelt werden. Parkplätze könnten entfernt und in unversiegelte Grünanlagen für die Bevölkerung umgewandelt werden. Dieser Umbau der Städte würde viele neue Arbeitsplätze schaffen. Auch wenn erst im Sozialismus eine Renaturierung der Städte und Urbanisierung des Landes in Einheit von Mensch und Natur allseitig durchgeführt werden kann, müssen unsere Kampfforderungen auch heute schon in diesem Geist sein.

 

M.Z., Köln

Antwort von H.A., Stuttgart

(Verfasser des angesprochenen Leserbriefs in Rote Fahne 8/2018)

 

Ob eine flächendeckende Nachrüstung ausreicht, den Grenzwert in der Luft der Städte unter 40 µg/m³ zu senken, kann vermutlich niemand genau sagen, weil dies letztlich von der Verkehrsdichte abhängt. Auf jeden Fall senkt dies den Ausstoß der Fahrzeuge nach allen bisherigen bekannten Nachweisen viel mehr als die reine Software-Nachrüstung. Die Behauptung, der SCR-Katalysator führe zu mehr Spritverbrauch, ist nicht ganz nachvollziehbar. In Veröffentlichungen über die grundsätzliche SCR-Technik mit Harnstoffeinspritzung im Abgas, die schon vor zehn Jahren bei Lkw eingeführt wurde, wird sogar von geringerem Verbrauch gesprochen. ...

 

Es gibt keinen ersichtlichen Grund, warum durch die Harnstoffeinspritzung in den SCR-Katalysator, der diesen Filtern nach meiner Kenntnis nachgeschaltet ist, sich der Feinstaubanteil erhöhen soll. Man darf nicht vergessen, dass Verbrennungsmotoren trotz aller Filter und Katalysatoren bis zu 2000 verschiedene giftige Stoffe ausstoßen, also niemals "gesund" sind.