Italien

Brücken-Katastrophe in Genua - in Deutschland nicht möglich?

Die Bilder gingen unter die Haut. Am Dienstag, den 14. August, gegen 11.30 Uhr, ereignete sich in der italienischen Hafenstadt Genua eine schreckliche Katastrophe.

Von tl
Brücken-Katastrophe in Genua - in Deutschland nicht möglich?
Der Phylon der Brücke, der am 14. August eingestürzt ist. (foto: Giorgio Stagni - http://www.stagniweb.it/foto6.asp?File=viadotti&righe=1&inizio=1&InizioI=1&RigheI=100&Col=5 (CC BY-SA 3.0))

Die Morandi-Brücke auf der Autobahn A 10, der berühmten Urlaubsverbindung „Autostrada dei Fiori“, stürzte am Dienstag, gegen 11.30 Uhr, auf einem etwa 100 Meter langen Stück ein. In über 40 Metern überquert die „Ponte Morandi“ unter anderem Gleisanlagen und ein Gewerbegebiet im Westen von Genua. Zahlreiche Fahrzeuge, darunter mehrere Lastwagen, stürzten in die Tiefe. Mindestens 42 Menschen starben, darunter mindestens drei Kinder im Alter von acht, zwölf und 13 Jahren. Am Mittwoch wurden darüber hinaus mindestens 16 Verletzte gezählt, der Zustand von zwölf von ihnen war kritisch. Über 300 Rettungskräfte waren im Einsatz, bargen mindestens elf Überlebende. „Es ist die Hölle“, war von ihnen zu hören.

Die Rote-Fahne-Redaktion spricht allen Angehörigen ihr tief empfundenes Mitgefühl aus!

Wenn Italiens Ministerpräsident Giuseppe Conte nun 5 Millionen Euro „Nothilfe“ zur Verfügung stellt, so ist das ein Tropfen auf den heißen Stein, und kommt eher einer Verhöhnung der Menschen gleich. Sofort hat die Regierung den „Ausnahmezustand“ ausgerufen - in Genua für ein Jahr. Was da im einzelnen geplant ist, ist noch nicht bekannt. Nur wissen wir von „Ausnahmezuständen“ der vergangenen Jahre in Frankreich und der Türkei, dass sie den umfangreichen Abbau demokratischer Rechte und Freiheiten der Bevölkerung und die Faschisierung des Staatsapprats bedeuteten. Will die italienische Regierung sich gegen die Entfaltung des aktiven Volkswiderstands in Genua, in der Region und in Italien rüsten? Der Zorn der Bevölkerung ist jedenfalls riesengroß.

Die Unglücksbrücke vor der Zerstörung (foto: Bbruno (CC BY-Sa 3.0))
Die Unglücksbrücke vor der Zerstörung (foto: Bbruno (CC BY-Sa 3.0))

In Kürze

  • Die Katastrophe von Genua hat mindestens 42 Menschenleben gekostet
  • Die Regierung nutzt die Situation zur Ausrufung des "Ausnahmezustands"
  • Die Situation der Brücken in Deutschland könnte der in Italien stark ähneln

Völlig zurecht fordern die Menschen umfassende Aufklärung, wie es zu so einer Katastrophe kommen konnte. Bereits 2016 urteilte Antonio Brencich (Professor an der Universität in Genua und Experte für Stahlbeton): „Von wegen Meisterstück, die Morandi-Brücke ist ein Versagen der Ingenieurswissenschaft.“ Und: „Es wird der Moment kommen, in dem die Kosten der Instandhaltung höher liegen werden als die Kosten, die Brücke einfach zu ersetzen.“ Zurecht steht der private Autobahnbetreiber „Autostrade per l'Italia“ am Pranger. Italiens Verkehrsminister Danilo Toninelli macht das Unternehmen für den Kollaps verantwortlich. Laut der Tageszeitung La Repubblica sind um die 300 Brücken und Tunnel in Italien marode. Grund dafür seien die veraltete Infrastruktur und die lückenhafte Instandhaltung. Laut einem Bericht der Tagesthemen sind die Mautgebühren in Italien die höchsten in Europa. Mehr als 3000 Kilometer betreibt „Autostrade per l'Italia“. „Profit geht über Leichen“ bewahrheitet sich ein ums andere Mal.

 

Eine Leserin aus München berichtet: "Wir sind letztes Jahr über diese Brücke in Genua gefahren und haben die Stadt auf völlig überfüllten Straßen und Autobahnen durchquert. Ohne zu wissen, in welch marodem Zustand die Brücke schon damals war, empfanden wir diese Fahrt als Höllenritt. Alles viel zu eng, überall Baustellen und ständig hupende LKWs im Rücken."

 

Die linke Partei Rifondazione Comunista schreibt in ihrer Erklärung zu dieser Katastrophe: "Die Autobahnen werden seit 1999 privatisiert und seit 2002 ist die A10 an die Firma "Autostrade per l'Italia" (Atlantis-Benetton-Gruppe) vergeben, die 3. 200 km auf der gesamten Halbinsel kontrolliert ... Warum hat Autostrade per l'Italia den Stadträten versichert, dass die Brücke hundert Jahre lang stehen würde? Die Wartungs- und Sicherheitsarbeiten an der Brücke waren eindeutig unzureichend."

Italienische Regierung versucht, von ihrer Verantwortung abzulenken

Zugleich versucht die italienische Regierung, von ihrer Verantwortung abzulenken. Was hat sie unternommen? Welche Rolle spielt die Korruption? Die Monopole haben sich auch in Italien den Staatsapprat untergeordnet. Und welche Rolle spielt die Mafia? Dass sie in der Bauindustrie umfangreich tätig ist, ist allgemein bekannt.

 

Politiker und Medien in Deutschland versuchen den Eindruck zu erwecken, in Deutschland sei so etwas wegen der vielen Kontrollen nicht möglich. Doch Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Institus für Wirtschaftsforschung (DIW) kommt zu der ernüchternden Einschätzung: „Meine Sorge ist, dass die deutsche Verkehrsinfrastruktur nicht wesentlich besser ist, als die italienische. Seit Jahren lebt Deutschland von der Substanz.“ Es brauche zusätzliche zehn Milliarden Euro – nicht um den Wert der Verkehrsinfrastruktur zu erhöhen, sondern um ihn lediglich zu erhalten, so Fratzscher. Von Bedeutung ist dabei auch, dass das Verkehrsaufkommen heute um ein Mehrfaches höher ist, als zu der Zeit des Baus der Brücken. Laut einem Bericht der Tagesthemen belastet heute ein großer LKW die Straßen so stark wie 50.000 PKW's.

 

Zu fordern ist

- Umfassende Sanierung von Straßen und Brücken!

- Kampf der Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen!