Gelsenkirchen

Horster Mitte-Fest: Bürokratenwillkür konnte die Stimmung nicht trüben

Zum 15. Mal findet heute das Horster Mitte-Sommerfest statt. Bei strahlendem Sonnenschein genossen bis zum Nachmittag bereits mehrere Hundert Besucherinnen und Besucher Kulinarisches, Kulturelles und Informatives rund um den Horster-Mitte-Komplex. Aber diesmal war es etwas Besonderes. (Jetzt mit Fotostrecke am Ende)

Von em / jw
Horster Mitte-Fest: Bürokratenwillkür konnte die Stimmung nicht trüben
(Foto: RF)

Zum ersten Mal in den letzten 15 Jahren musste das Fest weitgehend Open Air stattfinden. Im Juli hat die Stadt Gelsenkirchen eine "Nutzungsuntersagung" für den Kultursaal der Horster Mitte verfügt. Damit dürfen hier zur Zeit keine Feiern, keine Konzerte, keine Zumba- und Kampfsportkurse mehr stattfinden. Und vor allem, und das ist wohl der eigentliche Zweck der Anordnung der Stadtbürokratie, keine politischen Veranstaltungen. Die MLPD ist über ihren Vermögensverwaltungsverein Eigentümerin des Gebäudekomplexes und hat auch ihre Bundeszentrale hier. Neben zahlreichen Bündnisveranstaltungen hat sie auch viele eigene Veranstaltungen dort durchgeführt.

Erstmals weitgehend Open Air - die Empörung ist groß

Pünktlich um 11 Uhr eröffnete Gabi Fechtner, die Vorsitzende der MLPD, das Sommerfest. Sie ging gleich auf die Besonderheit 2018 ein: Dass "wir unseren wunderschönen Kultursaal nicht für dieses Fest nutzen können." Das Fest findet wegen des andauernden Nutzungsverbots für den Kultursaal diesmal vollständig im Freien statt.

 

Gabi Fechtner informierte über eine weitere Schikane, dass zunächst die Stadt und dann auch das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen sogar die Nutzung der Toiletten abgelehnt hat. Absurde Begründung: im Zusammenhang mit dem Sommerfest würden die Toiletten selbst zur Versammlungsstätte und fallen deshalb unter das Nutzungsverbot.

 

Gabi Fechtner stellte Programm und Fest vor und endete mit der Prognose: "Wir lassen uns unsere Arbeit, unsere Versammlungsstätten, unsere Kultur und unsere Zukunft nicht durch irgendwelche Bürokraten vermasseln. Ich wünsche uns allen ein wunderschönes Fest!"

Bäderalarm in Gelsenkirchen

Bereits kurz nach Eröffnung wurden rund 350 Gäste gezählt. Knapp 70 davon lauschten gespannt bei einem sehr appetitlichen Frühschoppen der Ratsfrau von AUF Gelsenkirchen, Monika Gärtner-Engel. Sie informierte über den „Bäderalarm in Gelsenkirchen“. Gelsenkirchen verfügt derzeit noch über fünf Schwimmbäder. Vier davon sind nach einem von der Stadt in Auftrag gegebenen Gutachten aber bedroht. Die Leidtragenden wären die Gelsenkirchener Bürgerinnen und Bürger, denen ein weiteres Stück Lebensqualität und ein sozialer Treffpunkt verloren ginge. Sie berichtete über einen Deal der RAG, die - an allen städtischen Gremien vorbei - sich von den Kosten für die durch Bergschäden notwendig gewordene Bädersanierung billig freizukaufen versucht. Dabei gehören diese Schäden auch zu den sogenannten Ewigkeitskosten, für die die RAG aufkommen muss. Martin Gatzemaier, Stadtrat der Linkspartei, wies auf absurde, angeblich ökologischen Aspekten geschuldete Gesetze hin, die eine Sanierung enorm verteuern.

 

Empörte Bürgerinnen und Bürger berichteten über die sozialen und kulturellen Auswirkungen für den Schwimmunterricht, für ältere Menschen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und andere. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen machten unmissverständlich klar, dass sie das nicht hinnehmen werden. Mit einem an den Bergarbeitergruß angelehnten „Schwimm auf!“ beendete Monika Gärtner-Engel die spannenden Aussprache.

Kulinarisches aus aller Welt

Die original aus Thüringen eingeführten Bratwürste lieferten sich einen Kampf der Düfte mit den türkischen Köfte-Taschen und spanischen Calamari. Das gute Wetter war heute auf Seiten der Veranstalter, so dass die städtische Schikane viel weniger Wirkung entfalten konnte, als wenn es geregnet hätte. Die Beteiligung von Freunden und Initiativen rund um die Horster Mitte war ohnehin wieder vielfältig und unzählig:

Für jede/n etwas dabei

Von der Hofeinfahrt des Jugendzentrums Che bis zum Anwaltsbüro Meister und Partner säumten die Stände das Fest: Eine Horsterin verkauft wunderbare Marmelade und Honig, der Fanshop des kurdischen Fußballvereins Amedspor bietet Fanutensilien an. Die MLPD Bottrop hat selbstgenähte Taschen dabei. Die MLPD Horst Süd verwöhnt mit Wokpfannen zugunsten der Prozesskosten wegen dem Saal. Der Frauenverband Courage ist neben der Abteilung Großbetriebe platziert. Dort kann man gegen die Schließung der Zechen unterschreiben oder die umfangreich bebilderte Dokumentation über den Kampf der Bochumer Opelaner erwerben. Mitstreiterinnen und Mitstreiter werden gesucht für die Vorbereitung der Großveranstaltung über den Bergarbeiterstreik 1997 am 6. Oktober. Eine Dortmunder Initiative lockt mit Solidaritätswaffeln. Sie unterstützen eine kämpferischen Stahlarbeiterin. Kunsthandwerk, fortschrittliche und revolutionäre Literatur und Reisen - das steht im Zentrum des Stands von people-to-people. Nicht fehlen durfte hier der Karl-Marx-Sekt - hat Marx doch dieses Jahr seinen 200. Geburtstag.

 

Der durch die Nutzungsuntersagung ausgesperrte Caterer des Kultursaal, Schacht 3, frittiert seine Calamari heute im Freien. Die Gymastiklehrerin, die einmal die Woche die Belegschaft der Horster Mitte fit hält, ist ebenfalls mit einem Schmuckstand und mehr dabei. Sie kämpft nicht nur für den Saal, sondern inzwischen auch gegen die Schließung von Bädern in Gelsenkirchen. In diesem Festbereich gibt es Marmeladen, Gelees, Aquarelle, Postkarten, Popcorn und vieles mehr. Am Stand der MLPD kann man sich informieren, Mitglied werden oder das Rote Fahne Magazin abonnieren. Im Zentrum steht das Buch "Katastrophenalarm! Was tun gegen die mutwillige Zerstörung der Einheit von Mensch und Natur?" aus der Reihe REVOLUTIONÄRER WEG. Es befasst sich unter anderem mit den Hintergründen und Ursachen der Extremwetter der letzten Wochen.

 

Natürlich ist auch der Jugendverband REBELL mit einem großen Stand vertreten. Die Kinderorganisation  ROTFÜCHSE malt einen großen Schild: "Wir wollen wieder in den Kultursaal!"

 

Die Thüringer Bratwürste werden fachgerecht von der Bergarbeiterinitiative Kumpel für AUF gebrutzelt. Dort kann man sich auch für den Jahresausflug von Hugo-Hauers-Freunden anmelden: auf den Spuren der Bergarbeiterkämpfe im Ruhrgebiet. Mit hochwertiger antiquarischer, revolutionärer und sozialistischer Literatur sowie Bergischer Kottenbutter wirbt das Willi-Dickhut-Museum. Es hat auch seine Toiletten für das Fest geöffnet hatte - so wie auch die festbeteiligte Anwaltskanzlei und die Arztpraxis.

Solidarität aus GE mit chinesischen Arbeiterinnen und Arbeitern in Shenzhen (Foto:RF)
Solidarität aus GE mit chinesischen Arbeiterinnen und Arbeitern in Shenzhen (Foto:RF)

In Kürze:

  • Mehrere Hundert Gäste auf dem Horster Mitte Fest
  • Empörung über Schikanen der Stadt ist riesig
  • Vielfältiges, buntes und informatives Programm
  • Superstimmung bei bestem Wetter

Internationalistisch geht es weiter bei Solidarität International, den Deutsch-Philippinischen Freunden und dem Internationalistischen Bündnis. Letzteres verbreitet Aufkleber, Plakate und wirbt für den frisch erschienenen Aufruf für eine Agrarplattform. Mit dabei unter anderem die Bündnispartner Linkes Forum, bundesweite Montagsdemo, die Migranten-Organisation ATIK und andere.

 

Kommunalpolitisch wird es beim überparteilichen Kommunalwahlbündnis AUF Gelsenkirchen, wo man sich unter dem Stichwort Bäderalarm über die drohende Schließung von Schwimmbädern informieren kann sowie über den untertägig eingelagerten Giftmüll im Ruhrgebiet. Passend daneben die Umweltgewerkschaft, die mit selbstgezogenen Kakteen und Infos für Mitglieder wirbt.  Eine Dortmunder Fraueninitiaitive bietet Kunsthandwerk und frische Weintrauben. An allen Ecken und Enden kann man gebrauchte Schätze und Trödel erwerben.

Die Stadt hat ein Eigentor geschossen

Anwohner aus dem Stadtteil

Ein Kinderparcours führt über das ganze Fest mit Geschicklichkeitsspielen und Glücksrad. Neben einem besonderen Kinderprogramm gibt es auch ein Streetsoccer-Turnier. "Total schön das Fest", so ein Anwohner und fährt fort: "Es stört gar nicht, dass der Saal heute gesperrt ist. Aber die Unterschriftensammlung hat das Ganze noch viel bekannter gemacht. Man kann sagen: die Stadt hat ein Eigentor geschossen."

Viele weitere kleinere und größere Veranstaltungen

30 Besucherinnen und Besucher informierten sich detailliert um 13 Uhr bei Klaus Dumberger und weiteren Mitarbeitern der Parteigeschäftsführung der MLPD über die Hintergründe und Vorwände der Nutzungsuntersagung. Eine Kollegin aus Düsseldorf fühlte sich an ihre Kindheit erinnert: "Da habe ich zum ersten Mal von den Schildbürgerstreichen gehört. Daran muss ich hier denken. Mit euren guten Argumenten hoffe ich aber, dass ihr den Saal bald wieder nutzen könnt." Ein Kollegin aus Magdeburg besuchte an diesem Wochenende eine Freundin. Weil sie von den Vorgängen um den Saal gehört hatte, nutzte sie die Gelegenheit, sich vor Ort zu informieren. Es ist ein Novum in Deutschland, was hier passiert: Keiner der inzwischen zahlreich involvierten Experten, Baufachleute, Architekten, Gutachter und Juristen hat je von einem Fall gehört, wo aufgrund solcher Sachverhalte ein Versammlungsraum mit sofortiger Wirkung gesperrt wurde. Es geht hier eben nicht - wie behauptet - um Leib und Leben, sondern um Kleinigkeiten, deren Korrektur kein Problem ist.

 

Die Empörung im Stadtteil ist groß. "Das ist so ein tolles Fest und ihr macht hier so viel für die Leute im Stadtteil", so ein Horster Bürger. Er versprach: "Der Saal muss bleiben. Ich setze das morgen auf Facebook und dann sehen wir mal, ob wir da nicht noch ein paar Unterstützer zusammenbekommen. Über 2000 Menschen haben bereits gegen die Nutzungsuntersagung unterschrieben. Viele kamen heute neu hinzu.

 

Im Willi-Dickhut-Museum fand eine Autorenlesung mit der Rostocker revolutionären Arbeiterin Renate Voß statt. Sie signierte auch ihr unlängst im Verlag Neuer Weg erschienenes Buch "Meine Fahrten nach Klaushagen".

 

Um 14 Uhr diskutierten rund 250 Kolleginnen und Kollegen verschiedener Branchen und Betriebe über den Kampf um jeden Arbeits- und Ausbildungsplatz und gegen Zechenschließungen - vom Uni-Klinikum in Essen (heute den 34. Tag im Streik), von ZF, Siemens, Thyssenkrupp Steel, Opel und Ford. Durch die Diskussion führte hier Peter Römmele, der Landesvorsitzende der MLPD in Nordrhein-Westfalen, und selbst Stahlarbeiter. In der Diskussion wies Gabi Fechtner darauf hin, dass es zu kurz greift, dass sich die Arbeiterinnen und Arbeiter nur austauschen müssten: Wir erleben heute einen gnadenlosen Konkurrenzkampf und wir wissen nicht, ob es bei einem Handelskrieg bleibt. Die Arbeiter müssen sich auf sehr harte Kämpfe einstellen und sich organisieren. Besonders die Betriebsgruppen der MLPD müssen stärker werden, so die MLPD-Vorsitzende.

 

Zum Schluss stellten sich viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu einem Videogruß an die kämpfenden Arbeiterinnen und Arbeiter von Jiashi Technology in Shenzhen auf und sangen gemeinsam für sie die Internationale (mehr dazu). Natürlich wurde auch hier für die Bergarbeiterveranstaltung am 6. Oktober geworben: "Mit der Stilllegung wird nicht nur ein ganzer Industriezweig und seine Kultur ausradiert, vor allem soll die Bergarbeiterbewegung mit ihrer kämpferischen und revolutionären Tradition liquidiert werden. Der Streik von 1997 mit Autobahnbesetzungen und Blockaden ist auch heute für alle Arbeiter hochaktuell", so ein Bergmann.

 

Inzwischen stieg die Besucherzahl um einige weitere Hundert an. Gerade hat die gut besuchte Gesprächsrunde mit Gabi Fechtner begonnen. Ihr Titel: "Gemeinsam gegen die Rechtsentwicklung der Regierung". Danach wird das Fest musikalisch mit den Bands La Cubana und Infrarot bis 21 Uhr weitergehen.

 

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