Türkei

Bausektor: „Für noch mehr Profit noch mehr Blutvergießen“

Während Erdoğans wichtigste wirtschaftliche Stütze, der Bauboom, nach Jahren schrankenloser Spekulation gerade krachend einstürzt – und dies ist manchmal auch wortwörtlich zu verstehen – kostet er weiterhin viele Arbeiter das Leben.

Von hma
Bausektor: „Für noch mehr Profit noch mehr Blutvergießen“
Tote und Verletzte bei Unfall am Viadukt Gebze

Mehr noch: Nirgendwo nimmt die Zahl der „Arbeitsmorde“, also der durch vorsätzliche Gefährdung der Kollegen verursachten Arbeitsunfälle, so stark zu wie im Bausektor, in dem zirka 2 Millionen Menschen beschäftigt sind.

 

Die so ums Leben gebrachten Arbeiter der Flughafenbaustelle in Istanbul, der Kampf der Kollegen um Beseitigung der menschenverachtenden Arbeits‑ und Lebensbedingungen dort und die Solidarität mit ihnen sind weiter auf der Tagesordnung.

10.000 tote Arbeiter in den letzten fünf Jahren in der Türkei

In den letzten fünf Jahren kosteten gefährliche Arbeitsplätze 10.000 Arbeiter in der Türkei das Leben – davon allein 2.300 im Bausektor, also fast ein Viertel! Gerade erst wieder ist auf der Neubaustrecke des Projekts Autobahn Marmara-Nord, zu dem auch die dritte Bosporus-Brücke gehört, ein Betonblock am Viadukt Gebze abgerissen und hat drei Arbeiter getötet und einen schwer verletzt. (siehe Bild)

Arbeiterlohn in der Türkei ist Hungerlohn

Während sich die Baukonzerne in der Vergangenheit eine goldene Nase verdienten, blieb der Arbeiterlohn unverändert niedrig. Die gestiegene Produktivität basierte ausschließlich auf Überausbeutung durch Verlängerung und Flexibilisierung der Arbeitszeiten. Dort sind 12-Stunden-Schichten „normal“. Im Bausektor sind ca. 7 Prozent aller Erwerbstätigen beschäftigt, davon jeder dritte schwarz. Und die gewerkschaftliche Organisierung ist extrem niedrig. Das hängt zweifellos auch mit der heillosen Zersplitterung der Gewerkschaftsbewegung der Türkei zusammen: Allein im Bausektor sind zehn verschiedene Gewerkschaften aktiv, von denen neun nicht einmal 1 Prozent der Kollegen organisiert haben.¹

 

Die Erdoğan-Regierung steht den Baukonzernen bei der extremen Ausbeutung bereitwillig zur Seite: Sie hat die Kontrollen gelockert; wenn mal eine stattfindet, wird sie vorher auch noch angekündigt, und wenn es dann ein Unternehmen immer noch schafft, bei einer Kontrolle negativ aufzufallen, kommen die Verantwortlichen trotzdem ungeschoren davon.

 

Die Zeitung Cumhuriyet bringt es so auf den Punkt: Bei den Behörden „herrscht eine Einstellung vor, die es in Ordnung findet, dass für noch mehr Profit noch mehr Blut vergossen wird und es noch mehr Tote gibt. Die nicht die Arbeitsmorde bekämpft, sondern die Berichte über sie – die werden mit Veröffentlichungsverbot belegt.“