Marl

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Kämpferische Demonstration gegen Zechenflutung

Gestern zogen um die 100 Kumpel, Familienangehörige, Anwohner und Mitstreiter von anderen Zechenstandorten unter der Losung „Stoppt die Flutung von Auguste Victoria“ lautstark durch die Zechensiedlung in Marl zur Schachtanlage.

Von wg / wr
Kämpferische Demonstration gegen Zechenflutung
Demonstration durch das Zechenwohngebiet in Marl-Hüls (rf-foto)

Schon zwei Jahren zuvor wollte die Ruhrkohle AG (RAG) aus reiner Profitgier die Pumpen des Bergwerks in 1200 m Tiefe abstellen. Maßgeblich von der Bergarbeiterbewegung Kumpel für AUF getragene Proteste haben das bisher verhindert. Vor wenigen Tagen hat die RAG begonnne, hinter dem Rücken der Öffentlichkeit vollendete Tatsachen zu schaffen, indem die Vorbereitungen zum Verfüllen der Schächte abgeschlossen und die untertägige Wasserhaltung eingestellt werden. Bewusst und mit dem Segen der Landesregierung werden die Lebensgrundlagen im ganzen Ruhrgebiet in Gefahr gebracht, wenn sich das hochgradig krebserregende PCB und andere Giftstoffe im ansteigenden Grubenwasser lösen. Früher oder später gelangen sie in die grundwasserführenden Schichten, aus denen Millionen ihr Trinkwasser beziehen.

Die Anwohner wurden informiert (rf-foto)
Die Anwohner wurden informiert (rf-foto)

In Kürze

  • Wenn das Grubenwasser ansteigt, wird es früher oder später zu einer regionalen Umweltkatastrophe kommen
  • Die Hintergründe der Zechenschließung liegen in einer veränderten Rohstoffpolitik der deutschen und europäischen Monopole
  • Anwohner/innen und Bergleute demonstrierten gemeinsam für Arbeiterrechte und Umweltschutz

Zu Beginn versuchte die Polizei allen Ernstes, die Demonstration auf dem Bürgersteig zu verlegen. In einer Zechensiedlung, wo dieser knapp einen Meter breit ist! Diesen Gänsemarsch ließen sich die Demonstranten nicht aufzwingen und setzten ihr Recht nach einiger Diskussion auch durch. Das breit aufgestellte Bündnis machte gleich mehrere Rechnungen mit der RAG auf. Arbeiter beim Tochterkonzern EVONIK entlarvten eindrücklich die Lüge von einem angeblich „sozialen“ Unternehmen.

 

Zur Sprache kam auch, wie unter den Beschäftigten anderer Großkonzerne von Thyssenkrupp, ZF und Siemens bis zu Opel angesichts der Ankündigung massenhafter Arbeitsplatzvernichtung die Unruhe wächst. Gerade die RAG tut sich jetzt als Vorreiter für eine härtere Gangart hervor. Es gibt dort noch 572 Kumpel, die keinen Anspruch auf Anpassungsgeld (APG) und den bergmännischen Vorruhestand haben. Jahrzehntelang sollten die Bergleute alle möglichen Kröten schlucken für das Versprechen, dass dann „kein Kumpel ins Bergfreie fällt“. Jetzt wird die Katze aus dem Sack gelassen und den jüngeren Bergleuten unverblümt eine „betriebsbedingte Kündigung ins Bergfreie“ angedroht.

Die Fackel der kämpferischen Bergarbeiterbewegung wird weitergetragen

Kämpferische Kumpel wie Christian Link machten dagegen klar, dass wir unseren Kindern und Enkelkindern keine verbrannte Erde hinterlassen. Die Zechenschließungen wurden und werden nicht akzeptiert. Genauso wenig, dass den Rentnern und Witwen das Deputat gekürzt und die Zechenwohnungen zum Spekulationsobjekt für Großkonzerne werden. Ein scharfer Kontrast zum Film „Der lange Abschied von der Kohle“, der letzten Sonntag auf tagesschau24 lief. Tolle Bilder die unter die Haut gehen, aber die Botschaft verbreiten, letztlich sei alles „sozialverträglich“ gelaufen. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

 

Weitere Umweltinitiativen aus Marl, kämpferische Bergarbeiterfrauen und Vertreter kommunaler Wahlbündnisse aus dem Ruhrgebiet brachten Unterstützung und Zusammenhalt mit. Michaela Stupp von der Partei „Mensch – Umwelt Tierschutz“ bekundete ihre Solidarität und unterstrich besonders den Respekt vor den Bergleuten. Für die Internationalistische Liste sprach Peter Weispfenning von der MLPD. Er erinnerte daran, dass die Schließung des untertägigen Steinkohlebergbaus ganz Europa betrifft. Entgegen der Heuchelei von einem angeblich „sozialen Europa“ wurde die Stilllegung mit all ihren Folgen in den Gremien der EU beschlossen. Der Protest dagegen muss im internationalen Schulterschluss geführt werden.

Imperialistische Machtpolitik als Hintergrund

Zeitgleich mit dem Stilllegungsbeschluss der EU-Kommission hatte der Bundesverband der Deutschen Industrie im Juni 2010 ein Positionspapier veröffentlicht. Darin schrieb der Monopolverband: „Der sichere Zugang zu Rohstoffen ist für die deutsche Industrie von existenzieller Bedeutung. ... Für Zukunftstechnologien wie die Lasertechnik, den Elektroantrieb und die Photovoltaik wird zum Beispiel eine Vielzahl insbesondere metallischer Rohstoffe benötigt, unter anderem Kupfer, Kobalt und Seltenerdmetalle ...“.

 

Nur vier Monate später verabschiedete die Bundesregierung eine „Rohstoffstrategie“, die von der EU-Kommission aufgegriffen wurde. Sie begehrt Zugang zu allen Rohstoffen der Welt und will zugleich die Förderung im heimischen Machtbereich ausbauen. Inzwischen wurden mit EU-Geldern erste Probebohrungen nach Seltenen Erden in Schweden durchgeführt. Geplant ist die massenhafte Umwälzung von Gestein unter Einsatz hochgiftiger Lösungsmitte, was zur großflächigen Zerstörung der Landschaft führt. Europaweit sollen so die Lebensgrundlagen von Menschen dem sich verschärfenden imperialistischen Konkurrenzkampf geopfert werden. Heute wird in 24 Ländern Europas aktiver Bergbau betrieben. 30 Millionen Arbeitsplätze - also Arbeiterinnen und Arbeiter - sind mit dem Abbau von Rohstoffen verbunden. Sie sind eine starke Macht, wenn sie sich weltweit zusammenschließen und gemeinsam kämpfen.

 
Viele Interessierte wurden am Rande der Demonstration informiert. Einige schlossen sich spontan an. Aber, so mehrere Redner bei der Abschlusskundgebung: Die Bewegung muss auch noch stärker werden. Es handelt sich hier um qualitative Sprünge und Tabubrüche, wenn das Trinkwasser aufs Spiel gesetzt wird und es zu offenen Massentlassungen kommt. So ist bereits eine weitere Demonstration der Bergarbeiterbewegung für den 15. Juni in Bottrop angekündigt. Am besten wieder gemeinsam: Arbeiter- und Umweltbewegung