Welternährung

Welternährung

Die gesamte Menschheit könnte gut und gesund essen

In Berlin findet zur Zeit die „Grüne Woche“ statt. Sie wird von kämpferischen Protestaktionen begleitet wie den bundesweiten Schüleraktionen "Fridays for Future" und der Großdemonstration "Wir haben es satt" am gestrigen Samstag.

Von gis
Die gesamte Menschheit könnte gut und gesund essen
Eindrucksvolle Trekkerdemo am 19. Januar 2019 in Berlin (rf-foto)

Ausdruck des gewachsenen Umweltbewusstseins: Gegenüber dem letzten Jahr hat sich die Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der großen Protestdemonstration gegen die Agrarpolitik von Monopolen und Regierung nahezu verdoppelt. Rund 35.000 Menschen - Bauern und Bäuerinnen, Umweltaktivisten, Jugendliche, Gewerkschafter und viele andere. Landwirte gestalteten mit 178 Traktoren einen eindrucksvollen Block im Demonstrationszug. Die Traktoren waren bunt und phantasievoll mit politischen Transparenten und Plakaten geschmückt, auf denen u. a. zu lesen war: "Wir haben GlyphoSATT", "Nicht nur beim Schach wird der Bauer geopfert", "Lieber Gülle am Schuh als bei der CDU". Auch Parolen wie "Bäuerinnen gegen Nazis" und "Rassismus und Sexismus bleiben uns vom Acker" fuhren mit. Umwelt- und Landgruppen der MLPD beteiligten sich aktiv an der Demo; eine Reihe Landwirte schloss sich der Agrarplattform des Internationalistischen Bündnis an.

Gesellschaftliche Debatte über Welternährung

Die "Grüne Woche" wird auch von einer gesellschaftlichen Debatte über die Welternährung begleitet. Das weltweit wachsende Umweltbewusstsein, die Sorge der Massen, dass ihre Kinder und Enkel einen unbewohnbaren Planeten erben, der Zorn auf die Umweltzerstörer und die Erkenntnisse und Argumente der Streitschrift der MLPD „Katastrophenalarm!“ sitzen mit am Tisch, wenn Studien zur Nahrungsmittelproduktion erscheinen und die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) Szenarien für die Welternährung entwirft. Die Herrschenden reagieren auf wachsende Proteste gegen Hunger, Kindersterblichkeit und Ruinierung von Klein- und Mittelbauern.

„Was zum Leben reicht“

In der medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlichte kürzlich die 37-köpfige „EAT-Lancet Kommission“ einen in den Medien viel beachteten "Speiseplan" für die bis im Jahr 2050 auf zehn Milliarden Menschen anwachsende Weltbevölkerung. Dieser hat den Anspruch, dass sich alle Menschen ausreichend und gesund ernähren können und die dafür notwendige Lebensmittelproduktion nicht "den Planeten komplett ausbeutet".

 

Die Kommission stellte dazu detaillierte Berechnungen an, mit welchen Lebensmitteln eine durchschnittliche erwachsene Person durchschnittlich ca. 2500 (gesunde) Kilokalorien zur Verfügung haben könnte. Dabei betreiben die Ernährungswissenschaftler keine Gleichmacherei. Für die meisten Zutaten gibt sie eine gesundheitsverträgliche Spanne an, die unterschiedliche individuelle Belastung, verschiedene Ernährungsstile, Anbausysteme und kulturelle Traditionen berücksichtigt.

 

Diese Qualität und Quantität an Nahrungsmitteln könnte nach Auffassung der Autoren "ökologisch und nachhaltig" produziert werden. Voraussetzung sei, dass das Landwirtschaftssystem weltweit entsprechend "umgebaut" würde: Wasser besser nutzen, neue ökologische Anbauverfahren entwickeln, Lebensmittelabfälle halbieren, Nutzung von Landflächen und Meeren "neu ordnen".

Studie greift kapitalistische Eigentumsverhältnisse nicht an

Eine "Neuordnung" der Landwirtschaft für eine ausreichende und gesunde Ernährung der Menschheit ist aber nicht möglich, ohne dass die imperialistischen Eigentumsverhältnisse abgeschafft werden. Die Konzeption der Experten-Kommission schürt gefährliche Illusionen im Interesse der Herrschenden.

 

Drei Milliarden Menschen sind fehlernährt, mehr als 800 Millionen Menschen haben nicht genug zu essen, mehr als zwei Milliarden Menschen leben mit Übergewicht. In Nordamerika wird zurzeit etwa die sechseinhalbfache Menge der empfohlenen Fleischration gegessen. Die Zahl der Diabetiker hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten verdoppelt. Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie verursachen etwa ein Drittel der Treibhausgasemissionen, verbrauchen riesige Landflächen und Wassermassen. Diese drastischen Fehlentwicklungen schildern die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler durchaus treffend, nicht aber ihre Ursachen.

 

Unter der Bedingung der globalen Alleinherrschaft des internationalen Finanzkapitals ist das brennende Menschheitsthema Welternährung ein Spielball in den Händen internationaler Agrar-, Chemie- und Handelsmonopole geworden. "Die Ernährung der Menschheit", so Stefan Engel in "Götterdämmerung über der 'neuen Weltordnung'", "bildet einen Brennpunkt des Kampfs der internationalen Monopole um die Vorherrschaft in der Welt. Sie werden nicht davor zurückschrecken, ihre Macht über die Ernährungsgrundlagen als Waffe im Klassenkampf einzusetzen" (Seite 74f). Das Wachstum der Weltbevölkerung ist für diese Blutsauger keineswegs Ansporn für bessere und gesündere Nahrungsmittelproduktion, sondern Quelle gewaltiger Marktzuwächse und traumhafter Profite.

Beispiel Türkei

Die Türkei belegt zur Zeit Platz 20 unter den Ländern mit den größten Agrarflächen weltweit. Jahrzehntelang reichte die landwirtschaftliche Produktion zur Versorgung der Bevölkerung im Großen und Ganzen aus. Seitdem die Erdogan-AKP den internationalen Übermonopolen auf dem Binnenmarkt noch stärker freie Hand gelassen hat, erliegen einheimische Erzeuger auch auf diesem Sektor in wachsender Zahl dem Konkurrenzdruck. BirGün berichtet: "Während die Bevölkerung von 2002 bis 2018 von 65 auf 81 Millionen angewachsen ist (+ 24,6 %), ging die bewirtschaftete landwirtschaftliche Fläche im gleichen Zeitraum von 17,9 auf 15,4 Millionen Hektar zurück (– 14,0 %) ... Dementsprechend ist zum Beispiel die Gesamtanbaufläche für Weizen von 2004 noch 9,3 bis 2018 auf 7,6 Millionen Hektar geschrumpft (– 18,3 %) ... Immer mehr Bauern kapitulieren vor den Produktionskosten, die erheblich schneller steigen als die Verbraucherpreise."

Materielle Grundlagen sind ausgereift

Im gemeinsamen Kampf von Arbeiter- und Umweltbewegung können einige Verbesserungen erreicht werden, so die Erhöhung von Erzeugerpreisen für landwirtschaftliche Produkte. Erfolge gegen Massentierhaltung und besserer Verbraucherschutz sind möglich. Dafür setzen sich die Agrarplattform im Internationalistischen Bündnis und die revolulutionäre Weltorganisation ICOR, die eine internationale Bauernkonferenz in Bangladesh vorbereitet, ein.

 

Eine globale "Neuordnung" der Landwirtschaft scheitert an der Profitwirtschaft. Tatsächlich sind die materiellen Grundlagen zur Lösung der Frage der Welternährung komplett ausgereift. Szenarien wie der geschilderte globale Ernährungsplan für die Menschheit sind keineswegs unmöglich. Die Menschheit könnte diesen viel besser und differenzierter gestalten als die Experten. "In den vereinigten sozialistischen Staaten der Welt", so die zukunftsweisende Streitschrift der MLPD, "wird erstmals eine gesamtgesellschaftliche Planung möglich, die international zum gegenseitigen Nutzen koordiniert ist, sowie eine Produktions- und Lebensweise, die die Einheit von Mensch und Natur unaufhörlich weiterentwickelt." Für diese Perspektive lohnt sich jeder Einsatz!

 

Zu Recht weisen die Ernährungsexperten darauf hin, dass für eine gesicherte und gute Welternährung viele Menschen alte Ernährungsgewohnheiten ändern müssen. Damit kann man selbstverständlich heute schon anfangen. Die Gesellschaft revolutionär verändern kann man damit nicht. "Katastrophenalarm!" streitet für einen umfassenden Paradigmenwechsel im echten Sozialismus. Der Kampf um das Leitbild einer proletarischen Produktions- und Lebensweise wird dort erstrangige Bedeutung bekommen. Diese Perspektive erfordert heute die Vorbereitung der internationalen sozialistischen Revolution. Dem Umbau der Landwirtschaft muss die revolutionäre Überwindung der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse vorausgehen.

 

Stefan Engel: Katastrophenalarm! Was tun gegen die mutwillige Zerstörung der Einheit von Mensch und Natur?