Krisengipfel im Vatikan

Krisengipfel im Vatikan

Von einer ernsthaften Aufarbeitung kann nicht die Rede sein

Am Sonntag ging im Vatikan der sogenannte "Antimissbrauchsgipfel", auch "Kinderschutzkonferenz" genannt, zu Ende - ohne greifbare Ergebnisse.

Von gis
Von einer ernsthaften Aufarbeitung kann nicht die Rede sein
Mitglieder der Organisation Ending Clergy Abuse (ECA) beim "March for Zero" in Rom (screenshot)

Seit im Jahr 2002 die erste große Recherche gegen die katholische Kriche den "Missbrauch von Boston" ans Tageslicht brachte, gab es immer neue Enthüllungen. Eine unendliche Kette von Leugnung, Vertuschung und völlig unzureichenden Maßnahmen stellt den katholischen Kirchenoberen ein Armutszeugnis aus. Die Kritik von Opfern, von Gläubigen, von Menschen in aller Welt ist so stark geworden, dass Papst Franziskus nicht umhin konnte, diese Konferenz einzuberufen. 

Von wirksamen Maßnahmen keine Rede

Papst Franziskus hat sich im Laufe seiner Amtszeit bei einigen Opfern mehr entschuldigt als seine Vorgänger und einige Täter bestraft. Eine wirklich konsequente Haltung hat er nie eingenommen. Noch im vergangenen Jahr hat er den chilenischen Bischof Juan Barros Madrid in Schutz genommen, und die den Bischof anklagenden Opfer als unglaubwürdig bezeichnet. Als dieser Bischof berufen worden war, gab es bereits massive Kritik und Enthüllungen über sexuelle Gewalt von ihm selbst und ihm Untergebener. Jetzt, Ende 2018, wurde es dem Papst zu heiß, er entschuldigte sich wieder und brachte die chilenische Bischofskonferenz dazu, ihren Rücktritt anzubieten. Wenige Tage vor dem aktuellen Krisengipfel der Weltbischöfe in Rom entlässt er den Erzbischof von Washington aus dem Klerikerstand - das war der erste derartige Fall seit fast 100 Jahren. Gleichzeitig bezichtigte er die Opferverbände des Negativismus und verbat sich "allzu heftige Kritik" an der katholischen Kirche.

 

Zum Ende der Konferenz in Rom hat Franziskus "hartes Durchgreifen" und ein Ende der Vertuschung versprochen. Konkrete Schritte und Maßnahmen nannte er nicht. Das Radikalste, was er von sich gab, war der Vergleich von sexueller Gewalt gegen Kinder mit "Menschenopfern" in "heidnischen Ritualen". Statt tief in die Mottenkiste von Steinzeit und Mittelalter zu greifen, hätte er mal die wirklichen Zahlen nennen und wenigstens die Forderungen nach finanzieller Entschädigung der Opfer erfüllen können. Auch wenn keine Geldzahlung der Welt den Schaden wieder gutmachen kann. Dann hatte der Papst auch noch die Chuzpe, die Kirche aus dem Schussfeld zu nehmen, da sexuelle Gewalt auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen vorkomme, in der evangelischen Kirche, in Sportvereinen und Schulen. Das stimmt natürlich, aber hier ist es doch nichts anderes als eine billige Rechtfertigungslinie.

Allein in den USA mindestens 62.000 Opfer

Allein in den USA gibt es mindestens 62.000 Opfer. Die dortige Kirche räumte ein, dass seit den 1950er Jahren fast 7000 Priester sich an Kindern und Jugendlichen vergangen haben. In Deutschland ist in der sogenannten Missbrauchsstudie von 2010 die Rede von 3677 Opfern von 1670 Priestern begangen wurden. Mehr als die Hälfte der überwiegend männlichen Opfer sei zum Tatzeitpunkt jünger als 14 Jahre gewesen. Die meisten Täter werden beurlaubt, in eine andere Gemeinde versetzt, in Frührente geschickt.

Mutige Anklägerinnen und Ankläger

Parallel zum Krisengipfel im Vatikan versammelten sich am Samstag, auf der Piazza del Popolo in Rom Opfer sexueller Gewalt durch Kleriker zu einer Demonstration. Bei ihrem "March to Zero" fordern die Opfer Nulltoleranz gegenüber Tätern und Vertuschern sowie finanzielle Entschädigungen."Wir haben uns organisiert, wir sind heute laut, wir stellen Forderungen und verlangen Gerechtigkeit", schreibt Matthias Katsch, Mitglied im Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen sexuellen Kindermussbrauchs. Er war als Schüler an einem Jesuitenkolleg Opfer eines Mehrfachtäters aus der Kirche. 

 

Tatsächlich wären ohne die mutigen Anklagen von Opfern sexueller Gewalt viel weniger Verbrechen ans Tageslicht gekommen. Sie nehmen dafür eine Menge in Kauf. Ein Mann aus Neapel, selbst Opfer, berichtet bei dem "March to Zero", wie sich ein Kleriker an ihm rächte, nachdem er seine Geschichte einem Fernsehsender berichtet hatte. Durch die Intervention seines Peinigers verlor er seinen Job, während der Täter heute unbehelligt als Gemeindepriester tätig ist. Trotz alledem lassen sich eine wachsende Zahl von Opfern nicht einschüchtern.

Lückenlose Aufklärung, Bestrafung, strikte Trennung von Kirche und Staat

Für die Durchsetzung dieser Forderungen muss die breite gesellschaftliche Debatte genutzt werden, aber auch für eine Diskussion über die Rolle der Kirche überhaupt. Viele Menschen kritisieren, dass sie über Jahrhunderte stets auf der Seite der jeweils herrschenden Ausbeuterklasse stand und zu Unterdrückung, Völkermord und Krieg ihren Segen gab. Der Kampf für die strikte Trennung von Kirche und Staat richtet sich gegen die enge Verquickung von katholischer und protestantischer Kirche mit dem deutschen Staat genauso wie gegen die Instrumentalisierung von Moschee-Gemeinden durch faschistische Regimes wie in der Türkei, Saudi-Arabien usw.

Religion als unterdrückerische Weltanschauung

Seit es Klassengesellschaften gibt hat sich die herrschende Religion jeweils mit der herrschenden Klassen verschmolzen. Die Religion wurde zu einem Instrument der geistigen und oft auch materiellen Knechtung. So ist es kein Zufall, dass in den meisten Religionen die Frau dem Mann schlechtergestellt ist.

 

„Inzwischen haben sich die Kirchen – insbesondere die evangelische – von solch offen mittelalterlichen Vorstellungen distanziert. Das ändert allerdings nichts am Bannstrahl der katholischen Kirche gegen Empfängnisverhütung, Schwangerschaftsabbruch oder Ehescheidung. Gerne stellt sich die evangelische Kirche als in der Frauenfrage fortschrittlicher dar … Aber auch ihre sich aufgeklärt und »humanistisch« gebende Moral versucht, die »heilige Familie« als die moralisch höchststehende Lebensform zu verankern,“ analysieren Stefan Engel und Monika Gärtner Engel in ihrer Streitschrift "Neue Perspektiven für die Befreiung der Frau".²

 

All das trifft keineswegs nur auf die christliche Religion zu. Nicht nur in Deutschland „wird unter dem Einfluss reaktionärer, zum Teil faschistischer Kräfte verstärkt der Islam zur Propagierung patriarchalischer feudaler Familienbeziehungen verbreitet.

 

Natürlich unterwarfen sich die Menschen zu keiner Zeit widerspruchslos diesen lebensfeindlichen Vorgaben. Aber die kirchlichen bzw. religiösen Moralvorstellungen verknüpften die Sexualität mit tiefen Schuldgefühlen. Statt eine erfüllte Sexualität als wesentliches Element einer sich gegenseitig stärkenden Liebesbeziehung entwickeln zu können, wurde sie zutiefst mit Strafandrohungen und Ängsten verbunden.“³

 

Dieses abstoßende Gemisch aus Macht, Schuld und Sühne spiegelt sich auch im Klerus selbst wider. Es findet seinen perversen Ausdruck in der sexuellen Gewalt gegen Schutzbefohlene und deren Vertuschung.