Stahltarifrunde

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Fünfte Verhandlung abgesagt - Montag Warnstreiks an allen Stahlbetrieben

"Rote Fahne News" sprach mit Peter Römmele, dem Landesvorsitzenden der MLPD in Nordrhein-Westfalen, über die aktuelle Stahltarifrunde. Peter Römmele ist Stahlarbeiter bei thyssenkrupp Steel in Duisburg Hamborn/Beeckerwerth.

Von Peter Römmele
Fünfte Verhandlung abgesagt - Montag Warnstreiks an allen Stahlbetrieben
Peter Römmele (rf-foto)

Rote Fahne News: Die fünfte Verhandlungsrunde am kommenden Montag wurde abgesagt, finden die Warnstreiks trotzdem statt?

 

Peter Römmele: Herr Goss als Verhandlungsführer der Stahlkonzerne ist erkrankt, angeblich wurde die Verhandlung deswegen abgesagt. Das ist schon ein schlechter Witz, da hätte ihn einer vertreten können. Im Betrieb sagen die Kollegen, dass hier weiter auf Zeit gespielt werden soll. Es ist genau richtig, dass die IG Metall an den geplanten Warnstreiks1 festhält. Die berechtigten Forderungen werden nur mit Kampfmaßnahmen und Streiks durchgesetzt werden. Das letzte „Angebot“ war lächerlich und brachte zum Ausdruck, dass die Konzerne keine Zugeständnisse machen wollen. Die Kollegen im Betrieb fordern als nächsten Schritt den 24-Stunden-Streik und wollen ihre Gewerkschaft, die IG Metall, zur Kampforganisation machen. Dass jetzt drei Wochen Ruhe war und nur kurze Warnstreiks gemacht werden, stößt zunehmend auf Kritik.

 

Rote Fahne News: Was fordern denn die Stahlarbeiter in der aktuellen Tarifrunde?

 

Peter Römmele: Sie fordern 6 Prozent mehr Lohn und eine deutliche Erhöhung der Ausbildungsvergütung. Außerdem die Verlängerung wichtiger Tarifverträge und die Einführung eines Urlaubsgelds von 1800 Euro verbunden mit der Möglichkeit, dies in freie Tage umzuwandeln.

 

Rote Fahne News: Läuft der Warnstreik am Montag wie üblich ab?

 

Peter Römmele: Nein! Die IG Metall wird am Montag die Art des Warnstreiks verändern und bei uns an allen sechs Auto-/LKW-Toren ab 11.30 Uhr Kundgebungen durchführen. Das bedeutet, dass in dieser Zeit keiner durch die Tore kommt! Das ist eine gute Übung für einen unbefristeten Streik oder zukünftige Auseinandersetzungen, wie zum Beispiel den Kampf gegen die Abwälzung der Fusions- oder Konzentrationsfolgen auf den Rücken der Stahlarbeiter und ihre Familien.

 

Rote Fahne News: Die MLPD macht ja seit über 40 Jahren eine Arbeit in und an den Stahlbetrieben. Wie unterstützt ihr die Stahlarbeiter in der Tarifrunde?

 

Peter Römmele: Wir setzen uns natürlich ohne Wenn und Aber für die Entfaltung der vollen gewerkschaftlichen Kampfkraft und die volle Durchsetzung der berechtigten Forderungen ein. Die Stahlarbeiter und ihre Familien brauchen diese Lohnerhöhungen dringend und mehr Freizeit zur Erholung auch. Natürlich unterstützen wir auch selbständige Initiativen in diesem Kampf und lehnen die Klassenzusammenarbeit ab. Das Wichtigste und über die Tarifrunde hinausreichende Ergebnis ist in unseren Augen die Organisiertheit der Arbeiter, in den Gewerkschaften und in der revolutionären Arbeiterpartei MLPD. Lohnerhöhung, mehr Urlaubsgeld und mehr freie Tage verbessern die Lage der Arbeiter, aber Preissteigerungen oder Steuererhöhung fressen das oft gleich wieder auf, und grundlegende Änderungen kann man in der Tarifrunde nicht erreichen.

 

Wir sind für die Abschaffung der kapitalistischen Ausbeutung von Mensch und Natur, der in diesem System alles untergeordnet wird. Wir stehen für eine grundsätzliche Alternative dazu, den echten Sozialismus. In der Tarifrunde stellen sich immer mehr Kollegen die Frage, warum muss das hier eigentlich so laufen, und sie sind auf der Suche nach einer gesellschaftlichen Alternative. Deswegen werden wir auch intensiv für die Mitgliedschaft in unseren Stahlbetriebsgruppen werben und unseren neuen Werbeflyer „Ungewöhnliche Zeiten erfordern mutige Entscheidungen!“ breit vertreiben.

 

Rote Fahne News: Es geht also um mehr als um die Tarifforderungen?

 

Peter Römmele: Es geht auch darum, dass die Arbeiter die Regierung und die bürgerlichen Parteien ins Visier nehmen. Die Bundesregierung und die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen sind doch voll auf der Linie der Stahlmonopole, sie haben die Fusion mit Tata mitgetragen und setzen den geplanten weitgehenden Angriffen auf die ganze Konzern-Belegschaft nichts entgegen. Im Gegenteil, sie wollen die Arbeiter für ihren sozialchauvinistischen Kurs gewinnen. Das lehnen wir ab. Wir nutzen die Tarifrunde für unsere Überzeugungsarbeit, dass sich die Kolleginnen und Kollegen gegen die gesamte Rechtsentwickung der Regierungen und der bürgerlichen Parteien wenden.

 

Am 16. März findet in Essen ja auch eine wichtige Demonstration der Bergarbeiterbewegung statt. Dafür werben wir auch bei den Warnstreiks im ganzen Ruhrgebiet. Wie mit den Bergleuten umgegangen wird, ist ein Skandal. Den noch Aktiven wird die Pistole auf die Brust gesetzt, eine Abfindung zu nehmen oder die Kündigung zu kriegen.

 

Mit der Lüge von der Sozialverträglichkeit oder dass keiner ins Bergfreie falle, wurden Zehntausende Arbeitsplätze vernichtet. Das Deputat, das ein fester Bestandteil der Altersvorsorge der Bergleute ist, wird jetzt gestrichen oder gekürzt. Vor ähnlichen Fragen stehen die Stahlarbeiter. Auch die Thyssen-Rentner werden seit Jahren mit minimalen Erhöhungen der Betriebsrente abgespeist. Thyssenkrupp will die Rentner im Zuge der Konzernspaltung loswerden.

 

Die Flutung der Zechen, in denen Giftmüll eingelagert ist, geht ohnehin jeden im Ruhrgebiet an. Schließlich wird die Trinkwasserversorgung der kommenden Generationen infrage gestellt. Auch die Stahlkonzerne sind daran beteiligt und spielen den Umweltschutz gegen Arbeitsplätze aus. Alles Gründe, das die Berg- und Stahlarbeiter entsprechend ihrer Tradition gemeinsam kämpfen! Wir unterstützen deswegen auch, dass sich Delegationen von Stahlarbeitern und aus der Bevölkerung aus den Ruhrgebietsstädten an der Demo beteiligen.

 

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg!

 

Artikel und Flyer zur Bergarbeiterdemonstration am 16. März 2019 in Essen: "Demonstration für alle, die mit der RAG noch eine Rechnung offen haben"